Alle Macht den Räten - noch immer aktuell

100 Jahre Januraufstand Zum Jubiläum  organisierte Bernd Langer unter dem Motto „Alle Macht den Räten“ einen nicht nur historischen Spaziergang
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Am Samstagnachmittag steht am Brandenburger Tor ein LKW, auf dem zwei Monitore aufgebaut sind. Bei Einbruch der Dunkelheit sind dort Fotos von dem Januraufstand zu sehen, der am 5.1.1919 begonnen hat. Zum hundertsten Jubiläum organisierte die Berliner LINKE in Kooperation mit Bernd Langer unter dem Motto „Alle Macht den Räten“ einen nicht nur historischen Rundgang (http://fightandremember.blogsport.eu/451/sa-05-01-2019-rundgang-alle-macht-den-raeten-100-jahre-berliner-januaraufstand/ ), der am Brandenburger Tor begann und am Karl-Liebknecht-Haus endete. Langer hat das Kollektiv Kunst und Kampf (http://kunst-und-kampf.de/WordPress_02/ ) gegründet und in den letzten Jahren zahlreiche Bücher zunächst über die Geschichte der Antifa-Bewegung und aktuell zu den Aufständen vor 100 Jahren verfasst. Dabei liegt sein Fokus immer auf der parteiunabhängigen Bewegung. Diesen Ansatz verfolgte er auch bei seinen Beiträgen auf dem Spaziergang. An verschiedenen Stellen lasen er und Svenja Funke Ausschnitte aus historischen Texten von Zeitzeug*innen vor. Darunter waren Berichte von Menschen, die sich an der Revolution beteiligt hatten wie Paul Frölich von den Revolutionären Obleuten und Karl Retzlaw, aber auch Beschreibungen von den Gegner*innen oder von unabhängigen Chronist*innen, wie den Tagebucheintragungen von Graf Harry Kessler.

Das Brandenburger Tor war übrigens zwischen den Aufständischen und den die Ebert-Scheidemann-Regierung verteidigenden Einheiten hart umkämpft, wie Langer mit Texten aus verschiedenen Perspektiven verdeutlichte. „Nachdem es kurzzeitig von den Aufständischen besetzt wurde, ging ein Trupp unter Führung des Sozialdemokraten Erich Kuttner zum erfolgreichen Gegenangriff über. Es gab Tote auf beiden Seiten“. rekapulierte Langer das Geschehen aus historischen Dokumenten. Anschließend bewegte sich der historische Spaziergang auf den Boulevard Unter den Linden, wo auch Tourist*innen den Ausführungen zuhörten. Beklemmend war der Textauszug, den Langer am Alexanderplatz vortrug. Dort zitierte er aus den Aufzeichnungen von Paul Frölich, wie die gefangen genommenen Aufständischen misshandelt und ermordet wurden. Darunter war ein 16jähriger, dem der Schädel mit einem Gewehr eingeschlagen wurde, weil er „Es lebe Liebknecht“ gerufen hatte. „Nachdem er schwerverletzt flehte, man solle ihm nichts mehr antun, wurde er an die Wand gestellt und erschossen“, berichtet Langer. Er erinnerte daran, dass für diese Gräueltaten von der SPD angeworbene Freiwillige verantwortlich waren. „Die von Gustav Noske aufgestellten Freikorps kamen erst bei der Niederschlagung des Generalstreiks und Aufstands im März 1919 zum Einsatz“, betonte der Chronist. Dabei gab es über Tausend Tote unter den Arbeiter*innen vor allem in den Berliner Ostbezirken. Darüber informiert das noch erhältich Buch "Massenstreik und Schießbefehl von Dietmar Lange (https://www.edition-assemblage.de/buecher/massenstreik-und-schiessbefehl/ ), der im März auch zwei historische Spaziergang an die Orte von Streik und Repression machen wird

Keine Geschichtsstunde

Ca. 250 Teilnehmer*innen hatten sich den Zug angeschlossen, „Für uns ist das nicht nur eine Geschichtsstunde", betonten zwei junge Menschen aus Bernau , die eine rote und ein rot-schwarze Fahne trugen aber nicht namentlich genannt werden wollen. „100 Jahre – Streik, Rätemacht & Frauenkampf“ lautete die Losung auf einem mitgeführten Transparent. Es soll auch am kommenden Sonntag auf der Demonstration (http://fightandremember.blogsport.eu/423/ll-aufruf-2019-100-jahre-streik-raetemacht-frauenkampf/ ) getragen werden, auf der an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erinnert werden soll. Dort wird Bernd Langer im Anschluss mit einen Rundgang am Friedhof der Sozialist*innen an die weniger bekannten Genoss*innen erinnern, die dort begraben sind. Am Abend des 13. Januar wird Langer noch an einer Veranstaltung (http://www.dragopolis.de ) der Nachbarschaftsinitiative Dragopolis im Club Gretchen auf dem ehemaligen Dragonergelände in der Obentrautstraße 19-21 teilnehmen. Dort wird den ermordeten Parlamentären der Besetzer*innen des Vorwärtsgebäudes gedacht, die in dem Gebäude am am 11.Januar 1919 ermordet wurden. Neben Langer wird mit David Fernbach ist auch ein Enkel des ermordeten sozialdemokratischen Redakteurs Wolfgang Fernbach an der Gedenkveranstaltung teilnehmen.

Erich Kuttner- ein Sozialdemokrat, der zu spät die Verbrechen seiner eigenen Partei erkannte

Wie so viele in dieser Zeit ist Fernbach von einer von seiner eigenen Parteiführung zusammengetrommelten Armada ermordet werden. Einer der Scharfmacher in der damaligen SPD-Führung war der schon erwähnte Erich Kuttner. Er konnte noch erleben, wie die rechten Kräfte, die die SPD gegen ihre eigene Basis losgelassen hat, bald auch die SPD nicht mehr brauchten und bekämpften. Als die NSDAP die Macht übertragen wurde, gehörte Kuttner zu den wenigen, die dann begriffen, dass sich die SPD noch 1918/19 ihre eigenen Totengräber herangezogen hatte. Er gehörte im Exil zum Kreis Revolutionärer Sozialist*innen Deutschlands, die in ihrer Analyse einen klaren Bruch mit der Politik der Klassenkollaboration der SPD verlangten und sich für eine Zusammenarbeit mit der KPD ausgesprochen haben. Kuttner engagierte sich in der spanischen Revolution, wurde dabei verletzt und floh nach Amsterdam. Als die Wehrmacht Holland besetze, tauchte er unter. 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und ins KZ-Mauthausen verschleppt, wo er im Alter von 57 Jahren ermordert wurde. Kuttner hatte zu spät erkannt, dass er mit geholfen hat, die eigenen Mörder zu bewaffnen. Andere haben es bis heute nicht erkannt und setzen diese Politik bis heute fort.

Peter Nowak

Lesempfehlung:

Bernd Langer

Die Flamme der Revolution

Deutschland 1918/19

ISBN 978-3-89771-234-8
01:10 07.01.2019
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