Als Kritik noch schmerzte

wolfgang pohrt Er schrieb bereits vor mehr als 30 Jahren, was aus der deutschen Friedensbewegung werden sollte. Dafür wurde er von vielen gehasst.
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Verdienstvoll, dass Magda in einen Nachruf Wolfgang Pohrt, einen der klügsten Gesellschaftskritiker in Deutschland, gewürdigt hat (https://www.freitag.de/autoren/magda/ein-nervender-zeitgenosse ). Pohrt hat Anfang der 1980er Jahre die Grünen und Alternativen in Wallung gebracht. Denn er verweigerte sich der Phrase von der kritischen Solidarität und sezierte die Verlautbarungen, die in den frühen 1980er Jahren von großen Teilen der deutschen Friedensbewegung verbreitet wird.

Man kann Pohrts damals so viel gescholtenen Text, der unter dem Titel "Ein Volk, ein Reich, ein Frieden" in der Zeit veröffentlicht wurde, online lesen:

https://www.zeit.de/1981/45/ein-volk-ein-reich-ein-frieden

Der Artikel war Ende Oktober 1981 erschienen. Kurz zuvor damals gab es eine der großen Massendemonstrationen der Friedensbewegung im Bonner Hofgarten mit Heinrich Böll, Dorothea Sölle und verschiedenen Theolog*innen als Redner*innen. Von Rechts wurde diese Bewegung als antiamerikanisch und prosowjetisch geschmäht. Und dann kam plotzlich dieser Pohrt und schrieb:

"Man hat eine Friedensbewegung machen wollen, und es wurde eine deutschnationale Erweckungsbewegung daraus"

Und all die gut sich dünkenden Menschen, die auf der Wiese des Bonner Hofgartens standen, fühlten sich kollektiv beleidigt. Hundertausende Claudia Roths empörten sich gegen den Kritiker.

Kaum jemand ging auf seine Argumente ein, die er in dem Artikel reichlich mitlieferte:

"Kein Deutscher kann diese bedingungslose Unterwerfung der Interessen unseres Volkes unter fremde Interessen, diese Auslieferung der Verfügung über die Existenz unseres Volkes an eine fremde Regierung hinnehmen.“

Es ist ein Zitat, aus einen der unzähligen Aufrufe, die damals in der Friedensbewegung kursierten.

Was Pohrt den Friedensbewegten ins Stammbuch schrieb, wurde nicht aufgegriffen:

"Man vergißt dabei, daß von all den Dingen, welche eine deutschnationale Friedensbewegung attackiert – die Nachrüstung einerseits, aber andererseits beispielsweise die Einsicht, daß kein Sozialist diesem reaktionären Land, so wie es ist, noch mehr Souveränität wünschen kann, und daß wir überhaupt keinen Grund haben, es gegen irgendeine fremde Macht zu verteidigen und es gar zu lieben ...."

In den frühen 1980er Jahren erntete Pohrt damit bei den deutschen Friedensfreund*innen noch Empörung. Es dauerte nur wenige Jahre, da hatten sie dieses Programm ganz offen angenommen. Spätestens die Umbrüche von 1989 in Osteuropa waren der Rammbock gegen das "System von Jalta" mit dem die Anti-Hitler-Koalition Deutschland in die Schranken gewiesen hatte. Selbst Pohrt wird sich 1981 nicht ausgemalt haben, wie schnell seine Warnungen Realität werden sollten. Jetzt regten sie sich nicht mehr auf, wenn er die Friedensfreund*innen ideologiekritisch auseinandernahm, jetzt waren sie stolz au ihre Vaterlandsliebe. Die Klage mangelnder deutscher Souveränität wird auch heute noch immer aufgelegt und nicht nur von den Reichsbürger*innen. Bei Veranstaltungen zur NSA-Affäre bekam man sie immer wieder zu hören. Als genügte es nicht, sämtliche Geheimdienste und ihre Abhörmaßnahmen zu kritisieren, zeigte man sich immer besonders empört, dass ausgerechnet ein US-Geheimdienst das Handy von Merkel abhörte. Je mehr die ehemals Friedens- und Umweltbewegten Pohrts Beschreibungen noch weit übertrafen, desto schwiergier wurde es für ihm, noch Texte unterzubringen. In den frühen 1990er Jahren veröffentlichte er fast nur noch im Magazin Konkret.

Dort schreiben diejenigen, die auch heute noch "die Einsicht leitet daß kein Sozialist diesem reaktionären Land, so wie es ist, noch mehr Souveränität wünschen kann, und daß wir überhaupt keinen Grund haben, es gegen irgendeine fremde Macht zu verteidigen und es gar zu lieben".

Wir kennen Pohrt am besten gedenken, in dem wir seine Texte lesen. Vielleicht gibt es ja mal seine gesammelten Werke im Konkret-Verlag?

Zum Glück gibt es heute noch Bücher, die an ihren besten Stellen an Pohrt erinnern.

Der im letzten Jahr erschienene Essayband "Eine Alternative zu Deutschland" von Clemens Heni gehört für mich dazu.

(http://www.clemensheni.net/?s=alternative+zu+Deutschland)

Peter Nowak

02:57 27.12.2018
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