Am Ende siegte der Mann mit dem Kärcher

Dämonen und Wunder Der in Cannes preisgekrönte Film wird hierzulande auch in linken Medien gelobt. Dabei wird sein problematsicher politischer Inhalt weitgehend ausgeblendet.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Film Dämonen und Wunder von Jacques Audiard wird auch in linken Medien überwiegend positiv rezensiert. In der Dezemberausgabe der Monatszeitschrift Konkret wurde er zum Film des Monats erklärt. Die Rezensentin Katrin Hildebrandt erwähnt zumindest, dass das Ende des Films weder künstlerisch noch inhaltlich überzeugt. In der Jungle World hat Gabriele Summen http://jungle-world.com/artikel/2015/50/53162.html

bereits in der Überschrift deutlich gemacht, warum der Film eine solch große Aufmerksamkeit erfährt. „Paris, die Stadt der Kriege“, lautet sie und gleich im ersten Absatz wird der Bezug zu den islamfaschistischen Anschlägen hergestellt.

„Die Ghettos von Paris – ehemals florierende Arbeiterviertel – sind nach den terroristischen Anschlägen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Einer der vier Täter, die im Bataclan ein barbarisches Blutbad anrichteten, ist im Banlieue Courcouronnes aufgewachsen. Auch die Attentäter vom 7. Januar, als es die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt traf, haben in Frankreich gelebt.“

Das sind erst einmal Fakten und auch ein Argument gegen Rechte aller Couleur, die den Terror als Export aus dem arabischen Ausland bezeichnen und die europäischen Grenzen schließen wollen. Doch was hat das mit dem Film „Dämonen und Wunder zu tun“? Und trägt der am Filmfest in Cannes ausgezeichnete Film wirklich eine Gegenerzählung zu der rechten Propaganda?

Die Erzählung vom betrügerischen Flüchtling

Das muss schon im Ansatz bezweifelt werden. Die drei Hauptfiguren des Films geben sich aus Familie aus, die vor Terror und Gewalt in Sri Lanka geflohen ist. In Wirklichkeit aber sind es völlig fremde Menschen, die sich zusammengetan haben, um Familie zu spielen, weil sie so bessere Chancen haben, in Europa Asyl bekommen.

Gabriele Summen fasst die Filmstory so zusammen:

„Zu Beginn des Films sieht man den Mann, der später Dheepan heißen wird, die Körper seiner toten Kameraden und seine Militäruniform verbrennen. Dann sieht man die von Srinivasan gespielte Zivilistin durch ein Lager in Sri Lanka hetzen. Es ist die Frau, die sich später als Yalini ausgeben wird. Rasch muss ein Waisenkind her, damit die Schieber Dheepan und ihr die Reisepässe einer verstorbenen Familie übergeben können, weil sie in Frankreich so bessere Chancen im Asylverfahren haben. Yalini findet schließlich eine neunjährige Waise, die fortan auf den Namen Illayal (Claudine Vinasi-thamby) hören muss. Einige Zeit später erreichen die drei Flüchtlinge Frankreich. Ein Übersetzer durchschaut ihre Lügengeschichte, weil er aber aus derselben Region stammt, hilft er der Scheinfamilie.“

Wenige Zeilen vorher formuliert Summen ihr rundhaus positives Urteil über den Film so.

„In »Dämonen und Wunder« beeindruckt der Regisseur durch sein Gespür für soziale Realitäten, die er bildlich überhöht, obwohl er seine Geschichte, unterstützt von der geschmeidigen Kameraarbeit Éponine Momenceaus, auf ruhige Weise erzählt.“

Da bleiben doch einige Fragen. Warum sieht sie in der Story einer gefakten Familiengeschichte ein besonderes Gespür für soziale Realitäten? Ist sie der Meinung, dass es die meisten Geflüchteten auf diese Weise nach Europa kommen, um ihren Flüchtlingsstatus zu verbessern? Die Frage soll nicht suggerieren, dass diese Strategie irgendwie verurteilenswert wäre. Wenn Geflüchtete versuchen, die Festung zu Europa zu überwinden, ist das natürlich begrüßenswert. Nur gibt es keine Daten, die die Behauptung rechtfertigen, dass es diese Scheinfamilien in nennenswerten Umfang gibt. So erzählt der preisgekrönte Film erst einmal eine Geschichte, die die Pegidas in aller Wert gut für ihre Propaganda nutzen können.

Die Banlieues als Schlachtfeld

Auch die Darstellung der französischen Vorstädte, der berühmt berüchtigten Bannlinieus in Dämonen und Wunder wird lle Rechten nur bestätigen. Es sind Zonen des alltäglichen Terrors, wo vermummte Jugendliche die Dächer und Hauseingänge besetzen und kontrollieren und die Einwohner_innen einen ständigen Terror dieser Gangs ausgesetzt sind. Ausgebrannte Wohnetagen und total verwahrloste Hauseingänge sind zu sehen. Gabriele Summen hat aber keine Kritik an dieser Darstellung der Stadtteile, in denen in Frankreich viele Menschen mit wenig Einkommen leben.

Die Rezensentin nimmt vielmehr die Filmerzählung vom Leben in den Banlieues als Realität und schreibt:

„Schon bald wird deutlich, dass im Wohnblock gegenüber das Hauptquartier einer Drogengang ist. Bedrohliche Gestalten patrouillieren auf den Dächern, düstere Treffen werden abgehalten. Der Zuschauer nimmt die Perspektive der tamilischen Flüchtlinge ein, denen die gespenstisch-bedrohlichen Szenerien vor dem nächtlichen Fenster wie Bilder aus einem Kinofilm vorkommen. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben schwinden.

Mehr und mehr zwingt der Film den Zuschauer, sich die provokante Frage zu stellen, was die Banlieues von den Kriegsschauplätzen in Sri Lanka unterscheidet. Zudem fragt man sich, wie die französischen Behörden schwer traumatisierte Kriegsflüchtlinge, die ihre komplette Familie verloren haben, an einem derart gewalttätigen und hoffnungslosen Ort unterbringen können. Kein einziges Mal taucht in »Dämonen und Wunder« die Polizei auf. Werden die Einwohner in den Problemvierteln in Paris einfach ihrem Schicksal überlassen?“

Da wird das Fehlen der Polizei ausgerechnet in einer Zeitung beklagt, die oft genug darüber geschrieben hat, wie die französische Polizei für die Jugendlichen in diesen Stadtteilen, vor allem, wenn sie keinen französischen Pass und keine weiße Hautfarbe haben, zum größten Problem werden. Sie werden willkürlich festgenommen, durchsucht, schikaniert und immer wieder kamen Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei ums Leben. Sind die Riots schon vergessen, mit denen Bewohner_innen dieser Stadtteil gegen den Polizeiterror in den Banlieues protestierten? Ist auch schon vergessen, dass Stadtteilorganisationen sich immer wieder gegen das Bild wenden, das über die Banlieues gerade in dem Film „Dämonen und Terror“ besonders markant gezeichnet wird: als Orte des Terrors, in denen niemand freiwillig leben und nur weg will. Das ist das Bild des weißen, wohlhabenden Frankreich auf die Bewohner_innen der Stadtteile mit wenig Geld und oft ohne französischen Hintergrund.

Massaker ohne Folgen

Es ist dieses Bild, das der ehemalige rechtskonservative Präsident Sarkozy nutzen konnte, um mit seiner Forderung Stimmung zu machen, mit einem Kärcher in diesen Stadtteilen aufräumen zu wollen. Im Film ist es die Hauptfigur, der ehemalige tamilische Guerillakämpfer Dheepan, der nicht nur rhetorisch mit dem Kärcher aufräumt. Die Schlussszene des Film wird von der Konkret-Rezensentin ebenso wie von der Filmkommentatorin in der Jungle World kritisiert. Doch da nicht weiter darauf eingegangen wird, wahrscheinlich, weil man ja den Film nicht nacherzählen will, bleibt der reaktionäre, ja faschistoide politische Inhalt verborgen. Dheepan metzelt in einen wahren Blutrausch alle nieder, die Gangmitglieder oder auch nur beschäftigungsloser Jugendlicher sein könnte Sie sind im Film mit den Kapuzenpullis ausgestattet, mit denen die gute Gesellschaft diese Menschen seit Jahren stigmatisiert. Man sieht sie dann in ihren Blut liegen, mit verstümmelten Gliedmaßen und nicht mehr wieder zu erkennenden Gesichtern. Im Film wird also das vollzogen, was Sarkozy nur anzukündigen wagt und viele Neonazis sich in ihren Träumen ausmalen : ein Ordnungsmassaker in einen Banlieues. Und der Täter kommt am Ende wohl mit einigen kleineren Verletzungen aber ansonsten unbeschadet davon. In den letzten Minuten des Films sieht man ihn im Kreise der tamilischen Community und aus de Scheinfamilie ist eine richtig Beziehung geworden. Die Botschaft ist gerade dadurch eindeutig: Das Massaker an den vorher Stigmatisierten in den Armenviertel hat er überlebt und strafrechtlich ist er nicht zur Verantwortung gezogen worden. Da freut sich der Front-National-Wähler und der offene Neonazi denkt sich, es gibt auch Ausländer, die gar nicht so übel sind und die Drecksarbeit für "uns" machen. Der Film „Dämonen und Wunder“ passt so durchaus zur politischen Entwicklung in Europa. Das Beunruhigende ist nur, dass dieser reaktionäre Charakter des Film selbst in linken Medien nicht einmal angesprochen?

Peter Nowak

Homepages zum Film Dämonen und Wunder:

http://www.daemonenundwunder.weltkino.de/#home

Ein gutes Buch zum Thema ,das zur Zeit vergriffen, hoffentich wieder aufgelegt wird:

Kollektiv Rage (Hg.)

Banlieues

Die Zeit der Forderungen ist vorbei ISBN 978-3-935936-81-1

http://www.assoziation-a.de/buch/Banlieues

15:41 26.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare