Antifa heißt Organizing

Raus aus der linken Blase In dem Buch wird erklärt, was Antifaschismus mit Stadtteilorganisierung zu tun hat.
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„Antifa heißt Anruf“, der Titel der Veranstaltung, die Mitte November im Wedding zahlreiche Menschen interessierte, irritiert zunächst. Dort wurde ein kürzlich im Unrast-Verlag erschienenes Buch vorgestellt, dessen Untertitel manche Fragen beantworte. Er lautet„Organizing im Kampf gegen Rechts“. Die Herausgeberin Dana Fuchs kommt aus Mecklenburg und beschäftigt sich beruflich und privat seit vielen Jahren mit antifaschistischer Arbeit. Der Co-Autor des Buches Christoph Muck ist seit vielen Jahren in der Berliner Erwerbslosengruppe Basta aktiv, die Menschen solidarisch unterstützt, die Probleme im Jobcenter oder im Job haben. Basta ist auch eine der sechs Initiativen, die die beiden Autor*innen in dem Buchvorstellen. Das Workers Center München, das osteuropäische Arbeitsmigrant*innen unterstützt, gehört ebenso dazu wie der Kasseler Stadtteilladen Rothe Ecke, die linke Fußballfaninitiative Roter Stern Leipzig und die Schwarz-roten Bergsteiger*innen, die in der Sächsischen Schweiz Freizeitaktivitäten mit linker Gedenk- und Kulturarbeit verbinden. Auch die Berliner Soligruppe der Gefangenengewerkschaft/bundesweite Organisation (GG/BO) wird in dem Buch vorgestellt. Eine Aktivistin der Gruppe schilderte bei der Buchvorstellung, dass die Gewerkschaft 2014 zwei Gefangene in der JVA Tegel gründeten undüberrascht waren, wie viele Mithäftlinge sich in kurzer Zeit angeschlossen haben. Auch der Rote Stern Leipzig kann sich über Wachstum nicht beklagen. Mittlerweilte liegt die Mitgliederzahl im vierstelligen Bereich. Die vorgestellten Initiativen haben ihre Schwerpunkt in den unterschiedlichen Bereichen. „Doch alle haben die linken Wohlfühlzonen verlassen und sind dort aktiv, wo Menschen vielleicht nie von linker Theorie gehört haben“, benennt Muck die Gemeinsamkeiten der im Buch vorgestellten Initiativen. Dabei werden in dem Buch auch die Probleme bei der Organisierung nicht verschwiegen. So droht vielen Aktivist*innen eine Dauerüberlastung, die zum Burnout gführen kann. Es wurde darauf verwiesen, dass ein freundschaftliches Verhältnis in den Initiativen eine Voraussetzung dafür ist, Probleme auch gemeinsam lösen zu könne. Allerdings stellte ein Zuhörer die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, solche Organisationsstrukturen auf Freundschaften aufbauen. Schließlich können die auch ausschließend sein und schnell zerbrechen. Besser können verbindliche Strukturen und eine Aufgabenteilung vor Überforderung schützen

Lieber mit den eigenen Nachbar*innen als mit rechten Kadern reden

Raus aus der linken Blase, das ist das Anliegen der beiden Herausgeber*innen des Buches. Muck kritisiert, dass sich viele Antifagruppengegründet haben, um sich gegen Rechte zu wehren. Danach beginnen sie sich theoretisch zu bilden, was auch positiv ist. Doch oft setzen sie dann voraus, dass alle Menschen, die sich erst politisieren, ebenfalls in dieser Theorie bewandert sein müssen. Dadurch werde die Linke von vielen Menschen als abgehoben wahrgenommen, so die Kritik. „Wo bleibt der Bezug zur antifaschistischen Politik?“ lautete eine Frage aus dem Publikum. „In letzter Zeit wird oft gefordert wir sollen mit Rechten reden. Damit sind in der Regel Funktionäre rechter Organisationen gemeint. Doch das ist Zeitverschwendung. Wir sollten besser mit unsere Nachbar*innen reden oder mit Menschen, die Probleme am Jobcenter oder am Arbeitsplatz haben“, antwortet Dana Fuchs. Nur so könne verhindert werden, dass einkommensschwache Menschen rechten Parolen auf den Leim gehen. Das Konzept ist nicht neu. Bereits 1994 gründete sich der Erwerbslosenverein Tacheles in Wuppertal nach den rassistischen Anschlägen von Solingen und Mölln. Sie sahen den besten Beitrag zum antifaschistischen Kampf in der Organisierung der Prekären. Auch im Kontakt mit Nachbar*innen, Erwerbslosen etc. kommt man mit rechten Parolen in Kontakt. Aber darauf kann man dann in der konkreten Auseinandersetzung eingehen und das ist etwas völlig anderes, als irgendwelche rechten Kader zum Gespräch zu bitten.

Ist die linke Blase nicht längst ein Mythos?

Es ist sehr zu begrüssen, dass die beiden Herausgaber*innen mit dem Buch eine Diskussion in der linken vorantreiben, die schon lange begonnen hat. Das einzig Kritikwürdige bei der Veranstaltung dass dort so getan wird, als leben fast lange Linken noch in ihrer Blase und hätten kaum Kontakt zu den Alltagsproblemen. Das ist nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt anders und liegt auch daran, weil auch ein Großteil der Linken Teil der Prekären in unseren Land sind. Auch im Berliner Stadtteil Wedding, wo das Buch in der letzten Woche vorgestellt werden. gibt es mehrere l Einrichtungen, an denen sich Menschen mit rerginen Einkommen organisieren könönen. Dazu gehört das Kiezhaus Agnes Reinhold (https://www.kiezhaus.org), das Büro der Freien Arbeiter*innenunion und FAU (https://berlin.fau.org) und die schon erwähnte Erwerbsloseninitiative Basta (http://basta.blogsport.eu). Die außerparlamentarische Linke sollte solche Einrichtungen und die Kämpfe, die dort geführt wurden, mehr in den Mittelpunkt stellen und nicht immer die ominöse linke Blase beklagen, die vielleicht schon längst geplatzt ist. Das Buch und die Diskussionen darum könnten dazu beitragen.

Peter Nowak


Dana Fuchs, Christoph Muck, Antifa heißt Anruf! Organizing als Strategie gegen Rechts

ISBN 978-3-89771-272-0,
164 Seiten, 2019,
12,80 Euro,

https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/antifa-heisst-anruf-detail

02:56 20.11.2019
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