Auf den Spuren eines Leiharbeiters anno 1521

Kidlat Tahimik Das Filmhaus Arsenal machte in einer Retrospektive mit der Arbeit des philippinischen Regissuers und seiner kritischen Auseinandesetzung mit Geschichte bekannt..
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Der junge Alexander eroberte Indien? Er allein?“, heißt es in Bert Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Dort stellt er die Frage nach den vielen Namenlosen hinter den sogenannten großen Männern der Geschichte, die meistens vor allem groß im unterdrücken und ausbeuten waren. Den persönlichen Sklaven des europäischen Kolonialeroberers Magellan, der von einer eurozentristischen Geschichtsschreibung noch immer gerne als Entdecker deklariert wird, kennen wir den Namen. Enrique von Malaka wurde in Südostasien zu einem Mythos, als angeblich erster Mensch, der die Welt umsegelte hatte. Der philippinische Regisseur Kidlat Tahimik hat sich in dem auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichneten Film „Balikbayan #1 – Memories of Overdevelopment Redux III“ auf eine sehr vergnügliche Weise mit dem Mythos um Enrique von Malaka auseinandergesetzt. Der Film dauer zweieinhalb Stunden und ist keine Minute langweilig. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass der Regisseur mit einer gehörigen Portion Ironie an die Sache rangeht. Zu Beginn sehen wir zwei Indigenas, die aus einem Graben die Filmrollen bergen, die das Rätsel über die Enrique-Saga lüften sollen. Dabei verfährt der Film ständig auf zwei Zeitebenen. Mal befinden wir uns im Jahr 1521 und dann wieder in der Gegenwart. Diese Überlagerung ist vom Regisseur bewusst gewählt, um deutlich zu machen, dass Geschichte eben nicht nur eine Frage der Vergangenheit sondern vor allem der Gegenwart ist. Wie wir heute über bestimmte historische Ereignisse sprechen, wie wir sie deuten, ist das keine Frage von immer mehr Informationen über ein vergangenes Ereignis, sondern vor allem eine Frage der Interpretation der Fakten.

So gelingt es Kidlat Tahimik sowohl die eurozentristische Erzählung über die angeblich segensreiche Eroberung europäischer Kolonisten zu dekonstruieren, ohne eine neue Geschichtskonstruktion zu schaffen.

Wie ein Geschichtsmythos gemacht wird

So sehen wir auch, dass das große Interesse an indigener Kultur, durchaus auch ökonomische Gründe hat. Wir sehen wie bestimmte angeblich original indigenen Artefakte in Massenproduktion hergestellt werden. Der Markt brummt. Für die Nachfrage sorgen vermeintlich sensible Tourist_innen, die die Verbrechen des Kolonialismus dadurch wieder gutmachen wollen, dass sie die „edlen Wilden“, Verzeihung, die in ihrer ursprünglichen Situation lebenden Indigenen, als die perfekten Menschen vergöttern. Im Film zeigt sich schnell, dass dahinter Profitinteressen stehen. Indigene Kunst ist ein eigenes Geschäftsfeld geworden, an dem die so postmoderne Kunstsoziologin ebenso profitieren wie die vielen KunstarbeiterInnen, die die angeblich garantiert indigenen Artefakte seriell herstellen. Sehr elegant verbindet hier Tahimik die modernen Kunstarbeiter_innen mit dem Leben von Magellan, den er als Pionier beim Outsourcing bezeichnet Schließlich habe der den Sklaven Enrique öfter gegen viel Geld zeitweise an reiche Interessanten ausgeliehen. Als Leiharbeiter modellierte er in einen Kloster Statuen und musste lernen, wie sich die christliche Nase von entsprechenden Riechorganen anderer Religionen unterscheiden. Auch Carearbeit musste der Leiharbeiter schon verrichten. Am Hofe des spanischen Königs war er für die Erheiterung der depressiven Königstöchter zuständig. Doch schnell kamen Probleme auf, die an die antiautoritären Kinderläden der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnern. Beim Doktorspielen machten die Königstöchter die Erfahrung, dass der junge Sklave auch ein junger Mann ist. In solchen Szenen kommt die künstlerische Meisterschaft von Kidlat Tahimik besonders gut zum Tragen. Sein Geschichtsepos ist ein filmisches Essay mit Witz und intellektuellen Tiefgang. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen über eine Lärmdemonstration im Pazifik. Die Bewohner_innen einer Insel boten sämtliche Instrumente auf, um den Erober Magellan und seinen Gefolge den Zutritt unmöglich zu machen. Als sie erkennen mussten, dass solche zivilgesellschaftlichen Proteste die mit Kanonen bewaffneten Kolonialisten unbeeindruckt ließen, kamen auch Sperre zum Einsatz. Einer durchbohrte Magellans Hals und tötete ihn. Für Enrique änderte sich dadurch sein Leben, denn im Testament hatte der Eroberer verfügt, dass der Sklave dann ein freier Mann ist. So erst konnte der Enrique-Mythos entstehen, von einem, der als Sklave aufbrach und die Welt umsegelte und als freier Mann in sein Dorf zurückkam. Mehrmals werden im Film populäre philippinische Songs eingespielt, die Enrique loben und Magellan verspotten. In diesen Songs mischen sich kolonialismuskritische Töne mit einem philippinischen Nationalmythos.

Satire über den Diskurs um Stämme und Rassen

Immer wieder fühlt mensch sich an ganz aktuelle Debatten über Zuwanderung und Abgrenzung erinnern. So dekonstruiert Tahimik das Gerede über die angeblichen Stämme, mit denen vor allem Menschen aus Asien und Afrika verbunden sein sollen. Wenn dann plötzlich ein Europäer als Stamm der Esten auftritt, kann es als ein sehr klares Statement gegen das ganze Rede von Stamm, Clan und Rasse verstanden werden.

So ist der Geschichtsepos aus dem 16 Jahrhundert auch ein sehr aktueller Film. Gerade die Frage, ob der historische Magellan und der historische Enrique von Malaka mit dem Filmhelden getroffen sind, verbietet sich. Es geht Tahimik darum, Geschichtsmythen zu dekonstruieren und nicht neue zu schaffen.

Peter Nowak

Link zum Film auf der Berlinale:

https://www.berlinale.de/de/archiv/jahresarchive/2015/02_programm_2015/02_Filmdatenblatt_2015_201511069.php#tab=video25

Link zur Retrospektive im Filmhaus Arsenal:

http://kidlattahimik.de/

http://www.arsenal-berlin.de/berlinale-forum/archiv/newsarchiv/einzelansicht/article/5362/62.html

14:53 21.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von