Auf der Flucht erschossen

Wilhelm Sült Vor 100 Jahren wurde der populäre kommunistische Gewerkschafter von der Polizei der Weimarer Republik ermordet.
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Mir fiel die kleine schon sehr verwitterte Tafel beim Spaziergang auf. Vor dem so verwitterten Eingang einer Fabrikanlage hängt sie dort. Auf der Tafel steht: „Zum Gedenken an Wilhelm Sült, im Kampf um die Freiheitsrechte der Arbeiterschaft unseren Reihen entrissen durch Mörderhand. Am 30. März 1921.“ Ich hatte vorher nie von diesem Mann gehört und fragte mich natürlich, in welchen Kontext er den Tod fand. Schließlich fanden ja die Massenmorde der Weimarer Demokratie an revolutionären Arbeiter*innen bereits früher stand. Mit dem Höhepunkt von 1200 Toten vor allem im Osten Berlins im Frühjahr 1920, die von dem Historiker Dietmar Lange in seinen Buch „Massenstreik und Schießbefehl“ aufgearbeitet wurden. Auch die toten Arbeiter*innen, die im Zuge des Kapp-Putsches auch in Berlin zu beklagen waren, wurden schon im 2020 ermordet. Was passiere also am 30.März 1921? Da fanden die Mitteldeutschen Aufstände statt, die ihren Endpunkt im Kampf um die Leunawerke ihren Höhepunkt erreichten. Wilhelm Sült versuchte für die Aufstände Solidaritätsstreiks zu organisieren und sammelte Spendengelder.

Auf der Flucht erschossen

Am 30. März 2021 wurde er verhaftet und ins Berliner Polizeipräsidium gebracht. Dort wurde er von dem Kriminalbetriebsassistenten Albert Jannicke hinterrücks niedergeschossen. Jannicke hatte Sült nach dessen auf dem Sterbebett gemachten Angaben einige Meter die Treppe hinaufgehen lassen, dann „Halt!“ gerufen und sogleich das Feuer eröffnet. Nach Aussage eines Zeugen ließ man den Schwerverletzten längere Zeit ohne Hilfe am Boden liegen, ein Polizeioffizier trat auf ihn ein und schrie „Verrecke, du Aas!“. Als Sült in der Charité eintraf, hatte er nach Angaben des behandelnden Arztes sehr viel Blut verloren. Er starb am 2. April um 4 Uhr früh. Die Angaben auf der Tafel sind also nicht ganz korrekt. Da wurde das Datum von Sülts Verhaftung mit seinem Todesdatum verwechselt. Das Ermittlungsverfahren gegen den Täter wurde am 18. Februar 1922 eingestellt, da dessen Angabe, Sült habe einen Fluchtversuch unternommen, „glaubhaft [sei], jedenfalls aber nicht widerlegt“ werden könne.

Es war eine weltweite Partei des Aufstands

Der Chronist der linken Geschichte der letzten 100 Jahre Bernd Langer hat in der jungen Welt an den Aufstand und die politischen Hintergründe erinnert. Nach seiner Version erkannten die Bolschewiki und die Kommunistische Internationale, dass die Gefahr bestehe, dass die Aufstände in Europa in vereinter Kraft von Sozialdemokratie und Konterrevolution niedergeschlagen würden und die Sowjetunion allein einer Welt des Kapitals gegenüberstehe und daher scheitern mussten. Damals versuchten noch die Linken in der kommunistischen Weltbewegung diese drohende Gefahr entgegenzuwirken, indem sie aktiv in vielen Ländern Aufstände unterstützen. Man kann natürlich hier auch von Voluntarismus sprechen und auf die mangelnde Verankerung der Revolutionär*innen verweisen. Doch eines muss man bei aller auch von Bernd Langer geübter Kritik an den Aufstandsbemühungen festhalten. Es war eine Aktion einer weltweiten Partei des Aufstands, die damals eben noch keine Nationalitäten kannte. Kommunist*innen aller Couleur aber auch Anarchist*innen waren überall dort auf der Welt auf den Barrikaden, wo es galt, die alte Welt zu zerschlagen. Der Rätekommunist Eugen Levine, der für seine führende Rolle bei der Verteidigung der Bayerischen Räterepublik 1919 hingerichtet wurde, hat in seiner Verteidigungsrede diesen Sprit einer kommunistischen Partei des Aufstands verteidigt, die kein Vaterland und keine Nation kannte. Wie weit sind solche Vorstellungen weg von der außenpolitische Linie, die nach dem Sieg der stalinistischen Konterrevolution in der Kommunistischen Weltbewegung Einzug hielt, die der sowjetischen Außenpolitik untergeordnet wurde. Eine solche Entwicklung versuchte die Kommunistische Bewegung noch bis 1923 zu verhindern und so sollte auch ein Unterschied gemacht werden, zwischen den damaligen Aufstandsunterstützungen und der späteren Politik der Komintern. Weil wir so wenig von den Menschen wissen, die beim Mitteldeutschen Aufstand gekämpft haben und besiegt wurden, ist diese kleine verwitterte Tafel eine Brücke in die Vergangenheit. Sült war Obermaschinist im Kraftwerk Rummelsburg, gewählter Betriebsrat und Obmann der gewerkschaftlichen Vertrauensleute der Berliner Elektrizitätswerke. Ab März 1919 war er einer der drei Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Arbeiterräte beim Berliner Magistrat und zwischen 1918 und 1921 an allen großen Streiks der Berliner Elektrizitätsarbeiter führend beteiligt. Am Vorabend des 9.November 1918 hatte Sült für die Abschaltung der Turbinen des Kraftwerks Rummelsburg gesorgt und leitete in der Folge die Ausstände während des Januaraufstands, der Märzkämpfe und des Kapp-Putsches. Er war also den alten Konterrevolutionären und ihren neuen Auftraggeber von der Sozialdemokratie zutiefst verhasst. Im März 2021 wurde er dann beseitigt. Die kleine und im Detail noch fehlerhafte Tafel hat ihren Zweck erfüllt. Sie ist eine Brücke in eine andere Zeit, sie erinnert an Menschen, die damals für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung kämpften und schon vor 1933 auf der Flucht erschossen wurden. Der linksliberale Publizist Sebastian Haffner nannte die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht einen Auftakt zu den Tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske-Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit. Wilhelm Sült war einer der Tausenden Toten der Noske-Zeit. Wenn wir ihn gedenken, sollten wir uns gleichzeitig daran erinnern, wie schmal der Grad war, der die bürgerliche Weimarer Republik vom Nationalsozialismus zeitweise trennte.

Peter Nowak

18:08 31.03.2021
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