Avantgarde und Politik

Frederic Rzewski Er komponierte in den 1970er Jahren eine Hymne der Linken. Ende März trat er in Berlin auf.
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Vor allem die älteren Semester werden am letzten Märzwochenende im Kraftwerk in der Köpernickerstraße besonders genau hingehört haben, ob sie einige Töne eines Songs wiedererkennen, der in den 1970er Jahren in linken Kreisen in aller Welt zur Hymne des Widerstands gegen die faschistische Militärdiktatur in Chile wurde. „The People United will never be defeatet“ wurde so nicht nur zum Song der chilenischen Widerstandsbewegung, sondern wurde auch zu einem Wunschbild von Linken in aller Welt. Auf der 27stündigen Veranstaltung „The Long Now“, die im Rahmen der alljährlichen Reihe Maerzmusik stattfand, trat dieses Jahr der Komponist der Hymne Frederic Rzewski auf und gab 36 Variationen der Hymne zum Besten.Nicht immer konnte man die Töne wiedererkennen. Das Ambiente der Vorführung war schon besonders. Die große Halle des Kraftwerks, wo Rzewski auf einem Podest am Klavier saß, machte den Eindruck einer Notunterkunft für vor einer Katastrophe gestrandeten Menschen. Überall standen Liegen, auf denen Menschen saßen, lagen, manche schliefen, andere aßen oder lasen. Noch gehörte diese Halle zur Unterhaltung. Weil „The Long Now“ am 30.März um 19. Uhr begann und erst vor Mitternacht des Folgetags endete, nutzten nicht wenige die Möglichkeit, die Zeitumstellung in dem besonderen Ambiente zu verbringen. Ist das vielleicht schon eine Vorbereitung auf die Zeiten der Barbarei, in der solche Hallen nicht mehr freiwillig zum Kulturgenuss betreten werden? Es könnten viele Ereignisse passieren, die Menschen zwingen, wie heute schon Hunderttausende Geflüchtete ihr Leben auf der engen Liege zu verbringen. Ist die Barbarei nicht auch eine Folge davon, dass die Utopie, die in „The People United will never be defeatet“ ausgedrückt wird, sich als Schimäre erwies?

Ist Euch der Gedanke so fremd, dass diese Welt allen gehört?

Heute wissen wir, dass es das „vereinigte Volk“ weder in Chile noch in anderen Ländern gibt. Und die Einheit der unterdrückten Klassen, die damit ja im emanzipativen Sinne gemeint sind, wurde in Chile unter Pinochet mit dem wirtschaftsliberalen Schockprogrammvon Milton Friedman und Co. massiv verhindert. Viele Chile-Flüchtlinge, die in den 1980er Jahren zurück in ihr Heimatland kamen, waren erschrocken über das Fehlen von Solidarität und gesellschaftlichen Aufbruch, der die kurze Epoche der Unitad Popular in Chile geprägt hatte. Es war neben der offenen terroristischen Repression gegen alle Linken die wirtschaftsliberale Schocktherapie, die den Traum, der sich in der Hymne ausdrückte, verhinderte. Schon 1981 sang der Chansonier Walter Mossmann in seiner Ballade „Unruhiges Fragment“, in der er dem von den nicaraguanischen Contras ermordeten Freiburgers Tonio Pflaum gedachte:

Ich kannte diesen Namen nicht. Ich kannte bloß den Namen Tonio.
Ich krame in meinem Gedächtnis nach Erinnerungsfotos.
Ich seh' ihn mit der Christiane in der Wohngemeinschaftsküche Terlanerstraße.
Ich seh' ihn mit den Latinos auf einer Chile-Demonstration zwischen Martinstor und Amerikahaus.
Und ich seh' ihn mit dem Reinauer Sepp auf dem besetzten Platz im Wyhler Wald.
Und ich se'e die Gesichter der anderen, die jetzt in Nicaragua sind: Den Pedro und die Marilyn aus Argentinien, die Schimmel aus dem Töpferladen hinterm 'Jos Fritz', den Nico aus Managua.
Am liebsten würde ich jetzt die Zeit zehn Jahre zurückdrehen und Samba tanzen gegen die viereckige Musik aus dem Radio.
Und Olivenöl und Knoblauch und Chili und Lourdinha und Zimt und Nelken und diese lateinamerikanischen Lieder, an denen wir uns damals alle besoffen haben.
Mir fällt auf, dass diese Lieder heute auch schon graue Haare haben.

Und später im Song stellte Mossmann bereits vor fast 4o Jahren eine Frage, die erstaunlich aktuell.

Sung:
Yo pregunto a los presentes
Si no se han puesto a pensar
Que esta tierra es de nosotros
Y no del que tenga más
A desalambrar, a desalambrar!
Que la tierra es nuestra, es tuya y de aquél
De Pedro y María, de Juan y José
De Pedro y María, de Juan y José!.....

Ich frage die Anwesenden:
"Ist euch der Gedanke so fremd,
Dass diese Welt uns allen gehört
Und nicht nur denen, die das Geld haben?"

Wer denkt da nicht, an die transnationalen Mietendemonstrationen des 6. April und das Volksbegehren „Deutsche Wohnen und Co. enteignen? Hier blitzt der Gedanke, dass diese Welt nicht nur den Reichen gehört, wieder auf. Sozialismus oder Barbarei, heute genauso aktuell, wie vor mehr als 100 Jahren, als Rosa Luxemburg das Bonmot geprägt hat.

Filme, die den Riss nicht glätten

Wenn es doch noch gelingt, mit einem Sozialismus auf der Höhe der Zeit, die kapitalistischen Raserei in die Katastrophe und die Barbarei zu verhindern, brauchen wir auch eine Kultur, die die Menschen fordert und nicht unterfordert. Eine Kultur, wie sie im Rahmen der März-Musik zu hören und zu sehen war. Nur kurz verwiesen werden soll, wird auf das Projekt Tele-Vision. Vom 21. – 31. März waren im Silent Green im Wedding Filme aus über 20 Fernseharchiven zu sehen, „die die Geschichte der musikalischen Avantgarde der 1950 bis 1990er Jahre erzählen“, wie es im Vorwort der Veranstaltungsbroschüre heißt.Der jahrzehntelange Kampf schwarzer Musiker*innen in den USA gegen Rassismus war ebenso Thema wie die Arbeit der kulturellen Avantgarde in den Mühen der Ebenen, in der bürokratisierten DDR. Der Komponist Paul Dessau begründet dort, warum eine sozialistische Kultur, den Massen nicht leicht verdauliche Kost zum Mitschunkeln präsentieren soll, sondern die Menschen fordern muss. Dessau steht dafür mit seiner Arbeit und holte sich von der nominalsozialistischen Bürokratie öfter Schrammen. Im Film, den das DDR-Fernsehen zu Dessaus siebzigsten Geburtstag drehte, war der Komponist noch optimistisch, dass die DDR nach den „rauen Anfangsjahren“ die Mühen der Ebene meistern werde. Diesen Optimismus teilte er mit Ernst Hermann Meyer. Der aus einer jüdischen, bürgerliche Familie stammende Musiker kam als Jugendlicher mit den Kommunismus in Berührung, konnte sich vor dem NS retten und gehörte in den Künstler*innen, die rückhaltlos hinter der DDR standen. Meyer und Dessau erlebten das Ende ihrer Hoffnungen nicht mehr. Beide standen für einen avantgardistischen Kulturbegriff und standen damit in der Tradition der Bolschewiki, die vor der Stalinisierung ebenfalls für eine Kunst eintraten, die die Massen fordert. Im Rahmen der Tele-Visionen konnte man mehrere Tage Filme sehen, um sich zu überzeugen, dass es dafür schon viele gelungene Beispiele gibt. „In Auschwitz“ von dem Komponisten und Kommunisten Luigo Nono ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Dort wird der Schrecken nicht eingeebnet oder rationalisiert, wie in den vielen Filmen der letzten Jahre. Dort geht es nicht um die Tourist*innen, die in die heutige Mahn- und Gedenkstätte kommen. Bei Nono geht es um die Zäsur, den Riss, der der Massenmord in die Gesichte auch in der Linken bedeutet.Hier wird nichts geglättet, nichts handhabbar für die Nachgeborenen gemacht. Unerhörte Töne, dass wäre Kultur für eine neue Linke. Am letzten Märzwochenende ging auch das Festival Kultur und Politik über dieVolksbühne. Es hat seine Wurzeln in der Singe Bewegung der DDR, die eher auf Massenkompatibilität als auf Avantgarde setzte. Es wäre sinnvoll, wenn es möglich kooperieren würden. Sie vertreten Kulturbegriffe, die für eine Linke auf der Höhe der Zeit dringend gebraucht werden.

Peter Nowak

Link zu The Long Now 2019:

https://www.berlinerfestspiele.de/the-long-now

Tele-Visionen im Rahmen des Festivals Maerz-Musik:

https://www.berlinerfestspiele.de/de/maerzmusik/programm/programm-2019/tele-visions/tele-visions.html

Walter Mossmann- Unruhiges Fragment:

http://lyrics.wikia.com/wiki/Walter_Mossmann:Unruhiges_Requiem

16:16 08.04.2019
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