Bankenbashing statt Kapitalismuskritik

Apologie von links Die Autoren Günther Sandleben und Jakob Schäfer kritisieren bekannte linke Krisentheorien
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Bankenbashing statt Kapitalismuskritik
Foto: Bruno Vincent/ AFP/ Getty Images

In Deutschland wird nicht mehr viel über die Wirtschaftskrise diskutiert. Schließlich wähnt sich ein Großteil der Bevölkerung auf einer Wohlstandsinsel und die Krise ist irgendwie draußen an der europäischen Peripherie. Doch zwischen 2008 und 2012 war das noch ganz anders. Schon ist es vergessen, dass sogar in den Feuilletons Karl Marx recht gegeben wurde. In linken Kreisen hoffte man bereits auf „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“, so der Titel eines sehr populären Buches des marxistischen Politologen Elmar Altvater. Altvater ist einer von vielen linken Theoretikern, denen das Autorenduo Günther Sandleben und Jakob Schäfer in ihren Buch „Apologie von links“ vorwerfen. Dort nehmen sie einige bekannte linke Krisentheorien kritisch unter die Lupe und zerpflücken sie. Dabei widersprechen sie entschieden der These, dass die neoliberale Politik und die Macht der Banken und Finanzmärkte die hauptsächlichen Krisenursachen waren. Bemerkenswert ist, dass sie so unterschiedlichen theoretischen Ansätzen wie der linkssozialdemokratischen Memorandumgruppe (http://www.memo.uni-bremen.de/), den Begründer der Neuen Marx Lektüre (http://www.marx-gesellschaft.de/MG-TagungenText.htm) Michael Heinrich (http://www.oekonomiekritik.de/), aber auch Autoren der Krisis-Gruppe (http://www.krisis.org/) den Vorwurf machen, sie würden den Banken- und Finanzsektor von der Realökonomie abheben und ihm eine Macht und einen Einfluss unterstellen, den er nicht hat.

Das Elend der alternativen Politikberatung?

Am Beispiel der Memoranden der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ zeigen die Autoren auf, wie eine Gruppe linkssozialdemokratischer Wirtschaftswissenschafter, die sich theoretisch zwischen Keynes und Marx bewegten, zunehmend den Fokus auf die Bankenkritik richtete. Wahrend vorher noch in Spurenelementen einer Kapitalismuskritik in den Memoranden zu finden, so setzen Sandleben und Schäfer die Zäsur in den 1990 an. Seitdem habe die Kritik des Banken- und Finanzsektors die zentrale Rolle in den Gutachte eingenommen. Die Autoren erklären diese Entwicklung mit „dem Elend der alternativen Politikberatung“. Schließlich sei es den Autoren der Memoranden immer darum gegangen, in Regierungskreisen Gehör zu finden. Dass fällt scheinbarer einfacher, wenn man in eine Bankenkritik einstimmt, die in Deutschland längst nicht nur auf der Linken bald zum guten Ton gehörte. Dem bekanntesten Theoretiker der Neuen Marx-Lektüre Michael Heinrich kann man alternative Politikberatung nun nicht unterstellen. Im Gegenteil wird Heinrich von vielen seiner Anhänger als Kritiker der der linken Keynesianer und ihrer Illusionen gelobt. Doch Sandleben und Jakob sehen auch Heinrich auf den Boden des Keynesianismus. Sie werfen ihm vor allem vor, dass die Arbeits- und Geldwerttheorie von Karl Marx für falsch hält. Da hätte man dann doch noch etwas mehr argumentatives Futter gewünscht. Denn allen die Tatsache, dass jemand eine Theorie von Marx für falsch hält, ist noch kein Grund für Kritik. Schließlich sind die Marx’schen Schriften keine Bibel und Marx selber hat im Laufe seiner Schaffensphasen auch eigene Thesen widerrufen. Wenn also Heinrich von Sandleben und Schäfer mit dem Satz zitiert wird, „Spätestens seit dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Words in den frühen 70er Jahren kann man jedoch nicht mehr davon sprechen, dass das kapitalistische Geldsystem in irgendeiner Weise von einer Geldware abhängt“, hätte man schon gerne erfahren, was an dieser Aussage falsch ist.

Geht der Gesellschaft die Lohnarbeit nicht aus?

Der Krisis-Gruppe wiederum können auch die beiden Autoren keine keynesianistischen Illusionen nachweisen. Hier richtet sich die Kritik von Sandleben/Schäfer an deren Krisentheorie selber. „Die dritte industrielle Revolution und der Siegeszug der neuen Informations- und Kommunikations-Technologien hätten zu einer massenhaften Verdrängung aus den wertproduzierenden Sektoren geführt. Das Abschmelzen der Wertbasis beinhalte eine strukturelle Überakkumulationskrise, mit der der Kapitalismus seine Fähigkeit für einen selbsttragenden Aufschwung endgültig verloren habe“. Auch hier sparen die Autoren mit Gegenargumenten und meinen die These, dass der kapitalistischen Gesellschaft die Lohnarbeit ausgehe, mit dem Hinweis erleidigen zu können, dass Hannah Arendt bereits 1958 in ihrem Buch Vita activa von einer Zeit schrieb, in der „die Fabriken sich in wenigen Jahren von Menschen geleert haben werden“. Hat sie damit recht präzise die Ära der Automatisierung beschrieben? Recht haben die Autoren, wenn sie einen globalen Blick auf die Arbeitsgesellschaft werfen und konstatieren, dass von einem weltweiten Ende der Arbeitsgesellschaft tatsächlich nicht die Rede sein kann. Denn weltweit wächst der Anteil der Menschen, die in den kapitalistischen Arbeitsprozess eingesogen werden. Darauf haben auch schon Autoren wie Werner Seppmann aufmerksam macht, die Sandleben/Schäfer allerdings ebenfalls als Linkskeynesianer bezeichnen würden. Was die so unterschiedlichen Theoretiker dazu bringt, den Banken- und Finanzsystem eine besondere Macht zuzuschreiben, ist nach Ansicht der Autoren ihr Bezug auf den sozialdemokratischen Ökonomen Rudolf Hilferding, der vor mehr als hundert Jahren mit dem Standardwerk „Das Finanzkapital“ zum zentralen Theoretiker so völlig unterschiedlicher linker Gruppen wurde, die eine besondere Rolle des Banken- und Finanzsektors konstatieren, nicht erst seit der neuesten Krise. Hilferdings Buch hat übrigens auch Lenin stark beeinflusst und fand Eingang in seine Imperialismustheorie.

Historische Quellen des Bankenbashings werden nicht erwähnt

Im letzten Drittel des Buches versuchen die Autoren nachzuweisen, dass der Banken- und Finanzsektor nicht die Macht und den Einfluss besitzt, der ihm von den unterschiedlichen politischen Kreisen zugeschrieben wird. Die Autoren blenden völlig den Aspekt aus, dass die Kritik an der Zirkulationssphäre, also den Handel und den Banken, sehr alt ist und auch immer wieder in der Geschichte oft mit deutlich antisemitischen Untertönen in Krisenzeiten virulent wurde. Könnte nicht die heutige Affirmierung der These von der Macht der Banken und des Finanzsektors auch aus diesen trüben Quellen fischen? Unter dem Schlagwort verkürzte Kapitalismuskritik wird diese These in Teilen der politischen Linken vertreten. Darauf gehen Schäfer und Jakob nicht ein. Sie liefern vielmehr im vorletzten Kapitel ein kleines Erklärwerk des aktuellen Geschehens auf dem Banken- und Versicherungssektor. Ob die sehr technische Beschreibung nicht stellenweise auch in einer Apologie mündet, wenn sie den Banken- und Finanzsektor von jeglicher Verantwortung für die Krise freisprechen, wäre eine Diskussion Wert. Gerade, wenn man mit den Autoren übereinstimmt, dass der Banken- und Finanzsektor nicht von der Realwirtschaft getrennt werden kann, müsste dieses Verdikt auch für ihre Rolle in der Krise gelten. Steht nicht im Widerspruch zu ihrer Theorie, dass die Banken keine besondere Rolle bei der Krise spielen, dass diese 2008 mit immensen Rettungsschirmen vor dem Zusammenbruch bewahrt werden mussten? Schäfer und Sandleben schreiben dazu, dass damit der Staat keineswegs vor der Macht der Banken kapituliert hat, „wie linksorientierte Krisendeuter zu wissen, glaubten, sondern er schützte den gesamten Industrie- und Handelssektor vor einem Kollaps des Kreditsystems und des darauf beruhenden Zahlungssystem“. Dafür werden in einer Fußnote als Quellen der wirtschaftsliberale Ökonom Hans Werner Sinn und der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück angeführt. Aber wird nicht hier zumindest klar, dass die Banken einen gewissen Einfluss haben müssen, wenn ihr Kollaps die beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen hätte?

Gute Diskussionsgrundlage

Auf den letzten Seiten präsentieren die Autoren eine eigene Krisentheorie, die sicher ebenso für Diskussionen sorgt wie auch die anderen im Buch vorgestellten Thesen. Aber gerade dass ist ja gerade das Positive an dem Buch. Hier rücken zwei Autoren, die sich mit der Materie auskennen, einige Begriffe gerade, die in der Debatte um den Finanz- und Bankensektor oft sehr beliebig verwandte werden. Auch dass sie eine Gegenrede gegen die in Deutschland weitverbreitete Bankenschelte liefern und nachweisen, dass die auch in führenden Wirtschaftskreisen gepflegt wird, und nicht mit Antikapitalismus verwechselt werden sollte, ist ein Pluspunkt. Dann kann man auch darüber hinwegsehen, dass die Autoren gelegentlich zu der linken Berufskrankheit der Besserwisserei neigen. Als streitbare Diskussionsgrundlage ist das Buch hingegen sehr brauchbar.

Peter Nowak


Guenther Sandleben / Jakob Schäfer
Apologie von links
Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien
145 S., kartoniert, € 14,80
2013
ISBN 978-3-89900-141-9

http://neuerispverlag.de/verweis.php?nr=145

Weitere Texte von Günther Sandleben findet sich unter

http://www.guenther-sandleben.de/

Nächste Veranstaltung zum Buch in Berlin

am 8.1. um 20 Uhr im K-Fetisch http://kfetisch.blogsport.de/ in der Wildenbruchstraße 86

http://interkomm.so36.net

17:04 06.01.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community