„Haut ab - das ist nicht Eure Stadt“

Berliner Mietrebellen Sie protestierte am 22. Juni mit Pauken und Trommel gegen ein Treffen der Immobilienwirtschaft

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Groß war die Liste der Unterstützer für den Tag der Immobilienwirtschaft, der in diesem Jahr am 22. Juni auf dem Eventort Station in der Luckenwalder Straße 4-6 abgehalten wurde. Die Allianz-Versicherung stand ebenso auf der Liste wie Lidl, SAP und Vonovia. Redebeiträge von Bundeswirtschaftsminister Christian Lindner, Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) und der Ministerin für Wohnen und Stadtentwicklung Klara Geywitz (SPD) zeigten die Verbundenheit von Politik und Immobilienwirtschaft. „Die Stadt von morgen entwickeln wir heute“, lautet der Anspruch des exklusiven Treffens, auf dem es um der Reaktionen auf Klimawandel und um die Flüchtlingsbewegung, aber auch um neue Profitquellen für die Immobilienbranche gegangen ist. „Neue Produkte, neue Prozesse, neue Effizienz – Disruption als Innovationsmotor der Branche“ lautet eine der Themen der ZIA. Das Kürzel steht für Zentraler Immobilienausschuss. Mit dem Begriff Disruption wird in der Ökonomie die schöpferische Zerstörung gemeint, die wiederum für neue Profite sorgt.

Lautstark gegen Immobilienwirtschaft

Keine Unterstützung für den Tag der Immobilienwirtschaft kam von der Berliner MieterInnenbewegung. Die hatte unter dem Motto „Unsere Stadt – unsere Zukunft“ eigene Vorstellungen von einer mieterfreundlichen Stadt auf die Straße getragen. Die Demonstration startete mit ca.150 Teilnehmer*innen am Blücherplatz und bewegte sich mit viel Lärm zum Tagungsort der ZIA. Verschiedene Sprecher*nnen des Berliner Bündnisses Mieteinwahnsinn kritisierten, dass die Immobilienwirtschaft sich anmaßt, über die Zukunft der Stadt zu entscheiden. „Eure Zeit als Immobilienkonzerne ist abgelaufen, die Stadt der Zukunft werden wir als Mieter*nnen und Bewohner*nnen gemeinsam gestalten“, lautet eine Kampfansage an die ZIA. Das Bündnis erinnert daran, dass selbst die kleinsten mietenfreundliche Reformen, wie der Mietendeckel und das Vorkaufsrecht nach Klagen der Immobilienwirtschaft gerichtlich gekippt wurde. Auch wenn die Zahl der Protestierenden überschaubar war, sorgten vor allem die Beiträge von Lauratibor, einem Ensemble von in Berin lebenden Mieter*innen, die sich musikalisch gegen den Ausverkauf der Stadt wehren, für viel Aufmerksamkeit. Sie intonierten über zwei Stunden immer wieder den Refrain „Haut ab - Die Stadt gehört nicht Euch“. Begleitet von Pauken und Trompeten war er auch auf der Konferenz der Immobilienwirtschaft nicht zu überhören. Die ProtestmusikerInnen werden in den nächsten Tagen noch häufiger zu hören sein. Am 26. Juni führen sie ab 17 Uhr vor der Habersaathstraße 40-48 gleich über zwei Stunden ihre Protestoper auf. Dort sollen zum Monatsende Mieter*innen, die jahrelang obdachlos waren, die Wohnungen wieder verlassen. Über Monate hatten sie unterstützt von Stadtteilaktivist*innen von den letzten Mieter*innen in den gut erhaltenen Häusern für ihren Einzug gekämpft. Jetzt will der zuständige Bürgermeister von Dassel gemeinsam mit der Arcadia Estates, der die Gebäude gehören, die Menschen wieder auf die Straße setzen.

Peter Nowak

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