Blick in europäische Verbrechensgeschichte

Kunst Bericht über das Projekt Exhibit B
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Angelo Soliman war ein Zeitgenosse und Vertrauter von Mozart und Haydn, auch mit den Feudalherren seiner Zeit war Soliman bekannt. Doch als er 1796 mit 75 Jahren in Wien starb, wurden nur seine Eingeweide beerdigt. Sein Leichnam wurde präpariert und Jahrzehnte im Kaiserlichen Naturalienkabinett als halbnackter Wilder ausgestellt. Denn Soliman kam aus Afrika. Seine Verwandten und seine Familie wurden durch die europäischen Kolonialisten getötet und er selber wurde als Kind gegen ein Pferd eingetauscht und nach Europa verschleppt. Im feudalen Wien des 18. Jahrhundert konnte er sich im Leben ein Stück weit emanzipieren. Im Tod holte ihn der koloniale Rassismus wieder ein. Leben und Tod des Angelo Soliman werden in Britt Baileys Kunstprojekt „Exhibit B“ thematisiert, das im Rahmen des Theaterfestivals Foreigns Affairs noch bis zum 3. Oktober im Kleinen Wasserspeicher in Prenzlauer Berg in Berlin zu sehen ist. Die Teilnehmer_innen werden diese 45minütige Theaterexposition nicht so schnell vergessen. Schon beim Betreten des Wasserspeichers erklingt im Hintergrund leise sakrale Musik. In einem Glaskäfig dreht sich eine Frau mit schwarzer Hauptfarbe im Kreis. Die Besucher_innen bekommen Nummern ausgeteilt, die von einer Moderation aufgerufen werden. Dann können sie die Tour auf den Spuren des europäischen Rassismus antreten. Es sind knapp ein Dutzend Bilder in dem Wasserspeicher ausgestellt und jedes wirft ein Schlaglicht auf die koloniale Verbrechensgeschichte, die bis heute nicht vergangen ist.

Der Preis der europäischen Zivilisation

Da sitzt eine Frau hinter einen elektrisch geladenen Stacheldraht und putzt Totenschädel mit Glasscherben blank. Auf den Informationstafeln erfahren wir, dass die Szene ein Konzentrationslager in Deutsch-Südwestafrika zeigt, das nach der Niederschlagung des Hereroaufstands 1905 von den deutschen Kolonisten errichtet worden waren. Dort mussten die Gefangenen die Schädel der getöteten Afrikaner_innen für den Transport nach Europa säubern, wo sie für die rassistische Schädelkunde genutzt wurden. Dass diese Geschichte bis in die Gegenwart reicht, zeigt sich daran, dass die Nachfahren der Afrikaner_innen lange für die Rückführung der geraubten Schädel kämpfen mussten, die in Kellern der Charité und von Berliner Museen gelagert waren. Jedes dieser Bilder erzählt eine solche unabgeschlossene Geschichte von kolonialer und rassistischer Unterdrückung. „Arbeit und Fortschritt“ steht über dem Bild einer Frau, vor ihr liegen abgeschlagene Hände auf einem Haufen. Sie symbolisieren das Regime der belgischen Kolonialpolitik auf den Kautschukplantagen des Kongo. Dort wurden Arbeitssklaven die Hände abgehackt, wenn ihre Arbeitserträge bei der Kautschukernte zu niedrig waren. Es waren Tausende, die noch bis vor hundert Jahren auf diese Weise verstümmelt wurden, viele überlebten diese Torturen nicht.

Mit der Wunderkammer des NS-Rassisteneugenikers Eugen Fischer, betreten die Besucher_innen einen Raum, der bei vielen Besucher_innen für besonders viel Beklemmung sorgt. Zunächst sieht man nur die Gesichter namibischer Jugendlicher in weißen Boxen. Erst nach genauerem Hinsehen kann man erkennen, wie sie Lippen und Augen bewegen und leise afrikanische Klagelieder anstimmen. Nur wenige Meter entfernt sind die Kurzbiographien von afrikanische Migrant_innen zu lesen, die aktuell in verschiedenen Flüchtlingsheimen Deutschlands leben. Wenn wir den Kopf zur Seite wenden, beobachten uns die Augen der Schauspieler_innen, die auf einen kleinen Podest stehen und die Migrant_innen spielen. Der südafrikanische Künstler Bailey will damit an die kolonialistischen Völkerschauen erinnern, in die noch bis ins letzte Jahrhundert in den europäischen Metropolen Hunderttausende Menschen pilgerten. Ganze Familien gingen dort hin wie heute in die Zoos, nur dass in den Käfigen afrikanische Menschen gesperrt waren, die aus ihren Ländern von den Kolonialbehörden verschleppt worden waren. Ob sich manche der weißen Besucher_innen auch Gedanken darüber gemacht haben, was wohl der schwarze Mann oder die schwarze Frau über sie denken, wenn sie den Besuch zum Familienausflug nutzten? Oder hat die Hegemonie des rassistischen Konstrukt, solche Gedanken erst gar nicht zugelassen? Zumindest die meisten Besucher_innen im Kleinen Wasserspeicher können ihre Beklemmung nicht verbergen, wenn sie den jungen Schauspieler_innen in die Augen schauen.

Eine Vergangenheit, die sehr aktuell ist

Das letzte Bild kapituliert die Besucher_innen dann endgültig in die Gegenwart zurück und jeder Rationalisierungsversuch, der die dargestellten rassistischen Verbrechen als Teil einer europäischen Vorgeschichte abspalten will, muss hier verfliegen. Die Installation zeigt einen gefesselten Mann mit verbundenen Augen, der seltsam verkrampft auf einer Flugzeugbank sitzt. Es erinnert an den sudanesischen Flüchtling Aamir Ageeb, der am 28.Mai 1998 erstickte, als er sich gegen seine Abschiebung wehrte.

„Beim Start des Flugzeugs versuchte er trotz dieser Fesselungen sich aus dem Sitz zu stemmen und machte durch Schreie auf sich aufmerksam. Die beiden Beamten des BGS, die links und rechts auf den Plätzen neben ihm saßen, drückten daraufhin seinen Oberkörper in Richtung seiner Oberschenkel. Der Beamte auf dem Platz vor Aamir Ageeb drückte zusätzlich den Kopf des Flüchtlings nach unten. Als die Beamten Aamir Ageeb nach dem Erlöschen der Anschnallzeichen wieder aufrichten wollten, stellten diese seinen Tod fest. Eine später durchgeführte Obduktion ergab als Todesursache: Lagebedingter Erstickungstod. Laut Staatsanwaltschaft erfolgte der „Erstickungstod durch massive Einwirkung von Gewalt;“ schrieben verschiedene Medien über die Umstände seines Todes. Auf einer kleinen Tafel sind die Namen weiterer afrikanischer Flüchtlinge aufgeführt, die in den letzten Jahren bei ihrer zwangsweisen Abschiebung ums Leben ums Leben gekommen sind. Die Liste könnte allein was Deutschland betrifft verlängert werden. Dort könnte auch Oury Yalloh stehen, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte und deren Angehörigen und Freund_innen noch immer um eine juristische Aufklärung der Todesumstände kämpfen. Dort könnte Christy Schwundeck stehen, die in Afrika geboren wurde, aber die deutsche Staatsbürgerschaft besaß und im letzten Jahr in einem Jobcenter in Frankfurt/Main von der Polizei erschossen wurde. Baileys Installation lässt wohl keinen Besucher kalt. Der 45 minütige Rundgang vermittelt einen Einblick in die Verbrechensgeschichte des europäischen Rassismus, ohne den der aktuelle Kapitalismus nicht denkbar wäre. Es gibt wohl heute noch wenige Theateraufführungen, über die man ein solches Urteil fällen kann. Baileys Installation setzt Maßstäbe für eine engagierte Kunst jenseits von Agitprop, Occupy-Kitsch und postmoderner Beliebigkeit a la Rene Pollesch.

Peter Nowak

Tickets & Termine

Brett BaileyOrt:

Kleiner Wasserspeicher

Preis/Kategorie:

€ 15 / ermäßigt € 10

Di 02.10.2012, 17:00 Tickets Di 02.10.2012, 17:45 Tickets Di 02.10.2012, 19:15 Tickets Di 02.10.2012, 20:00 Tickets Mi 03.10.2012, 17:00 Tickets Mi 03.10.2012, 17:45 Tickets Mi 03.10.2012, 19:15 Tickets Mi 03.10.2012, 20:00


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14:20 02.10.2012
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