Reclaim die ehemalige Stasizentrale mit aufklärerischer Kultur

Brofaromin OST- Berlinbiennale Bericht über zwei Kulturereignisse, die mich bewogen, erstmals die ehemalige Stasi-Zentrale von Lichtenberg zu besuchen.

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„Sehr geehrte Organisator:innen dieser Konferenz, sehr geehrtes Publikum. Im Folgenden möchte ich über Glücksverheißung und das Verleugnen von Traurigkeit und Depression in der DDR sprechen.“ Ungewohnte Töne, die da in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg zu hören waren. Im Juni wurde dort Brofaromin OST dreimal in einem Gebäudekomplex des weitläufigen Areals aufgeführt. Es wurde erarbeitet von dem Theaterkollektiv Panzerkreuzer Rotkäppchen, das durch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR bekannt geworden ist, die der gängigen Erzählung in Deutschland widerspricht. So stand für die Künstler*innen 2019 nicht der Tag des Mauerfalls sondern der 4. November 1989 im Mittelpunkt einer Theateraufführung, An diesem heute in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht ohne Grund vergessenen Tag gingen viele tausend Menschen, darunter auch viele Linke, in Ostberlin für einen libertären Sozialismus in der DDR auf die Straße

Auch Brofaromin Ost befasst sich mit einer wenig bekannten deutsch-deutschen Kooperation. Seit den 60er Jahren führten internationale Pharma-Konzernen wie Bayer, Pfizer und Ciba Geigy Medikamenten-Studien in DDR-Krankenhäusern durch.

Neben Kreislauf-Medikamenten wurden auch Antidepressiva wie das Medikament BROFAROMIN getestet, oft ohne Aufklärung der Patient:innen.Dieser „immaterielle Export“ (Schalck-Golodkowski) wurde von der Abteilung für „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) und mit Hilfe der Staatssicherheit organisiert. Die Aufführung, die sich auf mehrere Etagen eines Gebäudes der ehemaligen Stasi-Zentrale erstreckte, lieferte eben nicht die üblichen Schuldzuweisungen an die Praktiken in der DDR, die ja in der sogenannten freien Welt nicht denkbar wären Vielmehr wurden die Medikamententests eingeordnet und so gezeigt, dass die DDR hier vollständig in das kapitalistische Weltsystem eingegliedert war.



Nicht besser als der real-existierende Kapitalismus

Die Konzerne ließen ihre Medikamente in der DDR aus dem schlichten kapitalistischen Grund testen, weil es ein zentral organisiertes Gesundheitssystem gab. Damit wurde also eine radikale Kritik an der DDR geleistet, weil eben nachgewiesen wurde, dass sie nicht besser als der real-existierende Kapitalismus war. Dabei wurde allerdings immer wieder auch auf die sozialistischen Utopien eingegangen, die viele der Erbauer*innen der DDR zumindest am Anfang angetrieben hat. Dazu gehörte auch der Großvater des Dramaturgs von Brofaromin Ost Richard Pfützenreuter. Die Schauspielerin Mareike Hein spielt ihn, neben anderen Figuren im großen Plenarsaal des Gebäudes im Rahmen der „Interdisziplinären Konferenz zu den Antidepressiva-Testreihen in der DDR durch internationale Pharma-Konzerne.

In der vollständigen Fassung seiners Vortrags (https://miro.com/app/board/uXjVOJpqVB8=/) heißt es :

„Das Projekt „Aufbau des Sozialismus“ erzeugt eine Bindungskraft, die auch viele Intellektuelle begeistert. Auch mein Großvater, ein junger Dichter vom Lande, 1928 geboren, tritt bald nach der Staatsgründung in die SED ein, wird Lehrer und schreibt ein hymnisches „Bauernoratorium“.

Der Blick ist in beiden deutschen Staaten so energisch in die Zukunft gerichtet, dass mancher gar nicht mehr in die eigene Vergangenheit schauen mag.“

Weitere Referate hielt der britische Psychologieprofessor Sedgwick,ebenfalls verkörpert von Mareike Hein zum Thema „Kapitalismus und Depression“. Mit all ihren ironischen Brechungen, mit denen die Konferenzkultur auf die Schippe genommen wurde, so durften auch die üblichen Probleme der digitalen Konferenzen nicht fehlen, wo die Referent*innen wegen Stummschaltung nicht zu hören sind, war die Performance im großen Saal unterhaltsam. Zeitgleich gab es im Raum weitere Installationen und Performance, so dass des Publikum hin- und herwandern konnte. Wem das zu viel an Input war, konnte in den Flur gehen, wo eine Kliniksituation mit mehreren Betten performativ nachgespielt wurde. Im Eingangsbereich trug die Schauspielerin Sabine Böhm Originalberichte von Versuchspersonen vor. Sie verstanden sich durchaus nicht nur als Opfer, sondern als Personen, die auch in dieser Situation ihre eigenen Strategien fanden, auch die Tests zu konterkarieren. Insgesamt löste die Installation in knapp 100 Minuten ein, was auf der Packungsbeilage, respektive dem Programmheft angekündigt wurde: „Sie erzählt das Ineinandergreifen von fröhlichen Sozialismus und Überwachung und Innovation“.

Aufklärerische Kultur in der ehemaligen Stasi-Zentrale

Die Aufführung von Brofaromin Ost war für mich der Grund, zum ersten Mal die ehemalige Stasi-Zentrale in Lichtenberg zu besuchen. Ich hatte das bisher vermieden, nicht weil ich mich die Repression des DDR-Staatsapparats nicht interessierte. Doch ich sehe den Campus für Demokratie, wie die Einrichtung jetzt genannt wird, als Bestandteil des aktuellen Staatsapparates und halte auch dazu Abstand. Ein Beispiel für die Ideologie dieser Staatsapparate war die Erklärung der Beauftragen der Opfer des SED-Regimes, die da Mitte Juni forderte, endlich die Opfer der Zwangsarbeit in den Gefängnissen der DDR zu entschädigen. Gerichtet war die Aufforderung an die Firmen, die in DDR-Gefängnissen Produkte herstellen ließen. Eigentlich ist die Aufforderung beispielhaft, wenn nur nicht vergessen würde, dass in Deutschland bis heute Gefängnisinsass*innen für ein geringes Entgelt arbeiten müssten. Die Gefangenengewerkschaft/bundesweite Organisation fordert seit ihrer Gründung im 2013 ein Ende dieser Zwangsarbeit, wie sie diese Überausbeutung auch heute bezeichnet. Die zwei zentralen Forderungen lauten Mindestlohn und die Einbeziehung aller Arbeiter*innen hinter Gittern in die Rentenversicherung, damit ihnen nicht noch Altersarmut droht. Bis heute wurden diese Forderungen nicht umgesetzt. Wenn da von den deutschen Staatsapparaten so vollmundig eine Entschädigung für Zwangsarbeit in den DDR-Gefängnissen gefordert wird, ohne auch nur zu erwähnen, dass diese Praxis bis heute anhält, dann wird deutlich, dass es hier eben nicht um den Kampf gegen Unrecht insgesamt geht, sondern um die Anprangerung von Unrecht und Menschenrechtsverletzungen in einem Staat, der sich sozialistisch nannte. Doch über die Theorie und Praxis von Menschenrechtsverletzungen diskutiere ich mit Linken, die im (ir)realen Sozialismus genau wie im realen Kapitalismus die Erfahrung machen mussten, dass Anspruch und Wirklichkeit zwei unterschiedliche Dinge sind. Doch nicht nur die Theaterperformance, die leider nur dreimal aufgeführt wurde, lädt dazu ein, der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg einen Besuch abzustatten.

Cold Cases – oder wie Kälte zur Repression eingesetzt wurde

Auch ein Teil der Installationen der 12.Berlin-Biennale sind noch bis zum 18. September in einen Gebäudeteil der ehemaligen Lichtenberger Stasi zu sehen,. Auf mehrere Etagen verteilt finden sich Installationen über Menschenrechtsverletzungen in aller Welt. Besonders beeindruckend sind die Videos von Susan Schuppli, die sich unter dem Motto „Cold Cases“ mit Beispielen in aller Welt befasst, wie Kälte zur Unterdrückung und Repression eingesetzt wurde und wird. Ihre Installationen sind an verschiedenen Standorten der Berlin-Biennale zu sehen. In einem Video in der der Akademie der Künste am Hanseatenweg wird gezeigt wie indigene Demonstrant*innen bei Temperaturen unter minus 10 Grad von der Polizei in den USA mit Wasser bespritzt wurden. Der Polizeipräsident hat vorher ausdrücklich auf die schweren gesundheitlichen Folgen hingewiesen. In der Stasi-Zentrale ist ein Video zu sehen, in dem Schuppli untersucht, wie in Kanada junge Männer aus indigenen Gemeinden bei sehr kalten Wintertemperaturen von der Polizei in entlegenen Gegenden ausgesetzt wurden und dann später erfroren am Straßenrand aufgefunden wurden. In dem Video untersucht Schuppli einige der Todesfälle genau, zeigt auf einen Bildschirm die Orte, an denen die Personen zuletzt gesehen und die Areale, wo sie später erfroren aufgefunden wurden. Es wird auch die Route gezeigt, die die Polizei mit den Personen, gefahren ist und am Rand des Bildschirmes sind die Skalen mit den niedrigen Temperaturen zu sehen, die damals dort herrschten. Eine solche zutiefst aufklärerische Installation über die Realität der Menschenrechtsverletzungen in aller Welt sind ein klares Gegenprogramm zu den langjährigen Wirken der kalten Krieger a la Hubertus Knabe und seinen Epigon*innen, die sich über Jahre als Wächter*innen über das Stasi-Erbe zumindest in Hohenschönhausen aufspielten. Sollte eine solch aufklärerische Kultur, wie sie mit Brofaromin Ost oder auch mit den Installationen der Berlinale2022 hier geboten wurde, zukünftig Einzug halten auf dem Gelände, dann werde ich dort gerne öfter vorbeischauen. In diesen Sinne: Reclaim die ehemalige Stasi-Zentrale mit mehr aufklärerische Kultur. Eine Wiederaufnahme von Brofaromin OST iar in Planung.

Peter Nowak

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