Chronisten des Unspektakulären

StephenShore Ulrich Wüst Die C/O Galerie zeigt Arbeiten von zwei Fotografen , die die unspektakuläre Dinge auf Zelluloid bannen.
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Die Frau im blauen Badeanzug steht mit den Füssen im Wasser eines Swimmingpools steht mit dem Rücken zum Betrachter. Eine Alltagsszene und trotzdem ein einmaliges Ereignis. Das ist der Kern der Fotoarbeiten von Stephen Shore, die zurzeit in der C/O Galerie im ehemaligen Berliner Amerikahaus zu sehen sind. „In seinen Serien registriert, konserviert und reflektiert Stephen Shore Spuren menschlichen Lebens, die normalerweise übersehen und nicht für bildwürdig bertachtet werden“, heißt es im Begleitheft zur Ausstellung. Es sind Bilder von einer Hand, die an einem Knopf an einen alten Radio dreht, von Tankstellen in Los Angeles. Immer wieder finden sich Fotos von Landschaften und von Menschen, die nicht in der Welt von Glanz und Glamour leben. Es sind Fotos von Reisen durch die USA, von einem Omelette am Teller oder einer Kloschüssel. Shore steht für eine neue Generation von Fotografen, die in den späten 60er Jahren sich den unspektakulären Alltag widmeten. In den 30 er und 40er Jahren stand die sozialkritische Fotographie eines Walker Evans im Mittelpunkt, danach gab es die pompöse Repräsentationsfotographie. Erst als die Fotoapparate handlicher und erschwinglicher zum Massenprodukt geworden waren, wurde der unspektakuläre Alltag für die Fotograf_innen interessant. Stephen Shore ist eine der bekanntesten Protagonisten dieser Strömung Höhepunkt. der in der C/O Galerie gezeigten Arbeiten ist die Fotoserie 22.Juli 1969. Dort sind die 24 Stunden eines unspektakulären Tages des Fotografen aufgenommen. Die Serie beginnt und endet im Schlaf. Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichen Schaffensperioden von Stephen Shore. In einen Raum sind Schwarz-weiß Fotos und dann finden sich sehr berührende Fotos über die letzten Holocaust-Überlebenden und das heutige jüdische Leben in der Ukraine.

Fotos aus einem überwältigten Land

Ein Chronist des Unspektakulären ist auch der 1949 in Magdeburg geborene Fotograf Ulrich Wüst, dessen Fotos und Original Leporellos aus dem Jahr 1989 in der ersten Etage des Amerikahauses zu sehen sind. Wer die üblichen Wendefotos erwartet, wird beim Gang durch die Ausstellung angenehm enttäuscht. Es gibt keine Wahnsinn schreienden Grenzgänger und keine Trabis am offenen Grenzübergang Bornholmer Straße. Dafür sind Fotos zu sehen vom alltäglichen Leben an den geographischen und manchmal auch gesellschaftlichen Randlagen eines Staates, den es ein Jahr später nicht mehr geben sollte. Es ist der besondere Reiz der Fotos, dass dort die letzten Monate der DDR zu sehen und es ist der besondere Vorzug von Ulrich Wüst, dass er nicht, wie viele Berufsdissident_innen den Eindruck macht, er hätte das Ende der DDR damals schon vorausgesehen. Dabei war Wüst keinesfalls ein Anhänger_innen der real existierenden SED-Herrschaft, aber er wusste, dass die DDR ein Versuch war, ein anderes Deutschland aufzubauen. Nur es war halt das Problem, dass es mit der deutschen Bevölkerung, die mehrheitlich bis zum Schluss den NS stützte und Juden und Kommunisten jagte, nicht möglich. Wüst hat auch einen erfreulich klaren Blick auf die aktuellen Machtstrukturen, wenn er im Begleitheft zur Ausstellung feststellt: „Vom Arbeiten her war die DDR jedoch ideal. Dass die Gegner sich so einfach und so offen darstellt – jetzt ist alles unendlich schwieriger. Die Machtstrukturen waren roh und offensichtlich, zugleich völlig antiquiert. Heute ist alles viel subtiler und in der Methode raffinierter und ich kann jetzt der DDR – mit viel Ironie- dafür danken, dass sie mir so viele Möglichkeiten zum Arbeiten bot“

Peter Nowak

Beide Ausstellungen sindnoch bis zum 24.4. im C/O Berlin zu sehen:

Amerika Haus. Hardenbergstraße 22–24 . 10623 Berlin

Ausstellung: Täglich 11–20 Uhr

http://www.co-berlin.org/ulrich-wuest

http://www.co-berlin.org/stephen-shore

03:08 21.04.2016
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