Das Ende der Geschichte des Weißen Mannes

Performing Back Die Künstlerin Simone Dede Ayivi lieferte mit ihrer knapp 90minütgen Performance ein Stück Gegengeschichte, die hoffentlich das Theater verlässt,
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Sie hat tatsächlich an die leider zu Unrecht vergessene Fasia Jansen erinnert in ihren knapp 90 minütigen Vorführung Performing Back im Ballhaus Naunynstraße. Dafür muss man der Performerin und Regisseurin Simone Dede Ayivi dankbar sein. Denn Fasia Jansen, die im NS aus rassistischen Gründen verfolgt wurde, erfuhr auch lange Jahre in der BRD Ausgrenzung. Denn die parteilose Sozialistin sang bei Streiks, bei Aktionen der demokratischen Frauenbewegung und bei antimilitaristischen Initiativen. Ein Jahr vor ihrem Tod wurde ihr dann doch noch das Bundesverdienstkreuz verliehen, doch für viele auch in der jungen Antirassismusbewegung ist sie vergessen, weil sie Teil einer Linken war, die heute oft vorschnell mit dem Adjektiv traditionell abgewertet wurde. Dabei zeigten Frauen wie Fasia Jansen, dass auch in dieser Bewegung Fragen des Feminismus und Antirassismus durchaus eine Rolle spielten. Warum nicht die Manteuffelstrasse im Bezirk Kreuzberg, die heute noch den Namen eines Kolonialoffiziers trägt, nach dieser Frau zu benennen? Es ist zu hoffen, dass Ayivi mit diesem Vorschlag auch eine Öffentlichkeit erreicht, die ihn dann auch durchsetzen kann. Dass eine solche Umbenennung keineswegs ganz utopisch ist, zeigen eine ermutige Beispiele im Bezirk Kreuzberg, wo auch das Gröbenufer nach der Dichterin May Ayim umbenannt wurde. Manche stemmten sich bis zum Schluss dagegen, versuchten den Kolonialoffizier Gröben zu verteidigen. Dabei ging doch die Angst um, dass die Geschichte des Weissen Mannes nicht mehr unwidersprochen tradiert werden kann.


Gegenschichte nicht nur im Theater
Dafür steht das vom Ballhaus Naunynstrasse veranstaltete Festival „We are tomorrow“, das am 15.11. begonnen hat. Die Performance von Simone Dede Ayivi wurde im Rahmen dieses Festivals dreimal aufgeführt. Wir sehen auf großen Bildschirmen die auf der Bühne von der Künstlerin hin- und her geschoben und auch mal umgeworfen werden, verschiedene Zeugnisse des Kolonialismus im Berliner Straßenbild, Denkmäler von Kolonialoffizieren, Straßen, die nach ihnen benannt sind. Wir verfolgen die Markierung eines solchen Denkmals durch die Künstlerin und die Reaktion eines Parkwächters, der gleich mit Sanktionen droht. Immer wieder wechselt Ayidi zu einem großen Schreibtisch, wo sie sich selber aufnimmt und dabei das Gerede und das Verhalten auch wohlmeinender Weißer gegenüber Menschen aus Afrika parodiert. So wie die oft nach den Potentialen und Stärken von Geflüchteten aus Afrika suchen, als wären das die Voraussetzungen, damit sie hier bleiben können, so sucht Ayivi die Stärken und Kompetenz der weißen Mehrheitsgesellschaft. Und so wie viele Videos über afrikanisches Leben nicht ohne Hütten und exotische Tiergeräusche auskommen, so sehen wir einen Videorundblick über einen Berliner Park mit Vogelgezwitscher.


Wäre ich weiß, wenn ich weiß wäre?

Zwischendurch macht die Performerin eine kurze Pause, setzt sich auf einen der zum Sitzmöbel umfunktionierten Videobausteine und raucht auf der Bühne eine Zigarette. Dabei sinniert sie, ob sie sich mit Rassismus auch beschäftigten würde, wenn sie weiß wäre. „Wäre ich weiß, wenn ich weiß wäre, wer weis“, kreiert sie nicht nur ein Wortspiel, sondern sticht mittenrein in eine Debatte, die deutlich verdeutlicht, es geht eben nicht um die Hautfarbe sondern um die politische und gesellschaftliche Positionierung.

Bis zum 26.2. wird es im Rahmen des Festivals "We are tomorrow" Performances, Theateraufführungen, Filme aber auch Aktionen im öffentlichen Raum geben. Die Terminierung ist kein Zufall. Genau vor 130 Jahren fand in diesem Zeitraum jene Berliner Konferenz statt, auf der die damals mächtigen der Welt den afrikanischen Kontinent unter sich aufteilten. Damals war es tatsächlich der Weiße Mann, der Weltgeschichte schrieb, weil er die kapitalistische Entwicklung im Rücken hatten, Leider spielte dieser Zusammenhang in der Performance von Avivi keine Rolle. Das Wort Kapitalismus wird nicht einmal erwähnt. Deshalb bleibt man am Ende etwas ratlos, nachdem sich der Dampf gelegt hat, der von Explosion herrührt, mit der auf der Bühne koloniale Denkmäler gesprengt werden. Die Frage, was würde passieren, wenn über Nacht all der Rassismus sein würde,
suggeriert, hier ginge es bloß um eine individuelle Eigenschaft, die man über Nacht ablegen kann. Hier wird ausgeblendet, dass Rassismus wie Patriarchat und Kapitalismus gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse darstellen, die eng mit einander verknüpft sind und durch eine revolutionäre Theorie und Praxis überwunden werden können. In diesen Prozess sind individuelle Verhaltensänderungen natürlich eine wichtige Grundlage, aber ohne die Veränderung der gesellschaftlichen Basis bleibt sie auf der Ebene von Gutmenschentum. So hat Ayivi die richtigen Fragen gestellt, indem sie den Kolonialismus im öffentlichen Raum Berlins thematisierte. Es ist zu hoffen, dass die Markierung der auf den Videos gezeigten Beispiele, nicht nur auf der Bühne erfolgt. Die gesellschaftliche Dimension von Rassismus und ihre Verknüpfung mit dem Kapitalismus werden leider ausgeblendet. In dieser Hinsicht könnten Künstler_innen heute durchaus von Fasia Jansen lernen, für die der Kampf gegen Patriarchat und Rassismus nicht ohne antikapitalistisches Bewusstsein denkbar war.


Peter Nowak
Link zur Vorführung:

http://www.berlin-buehnen.de/de_DE/calendar/12606195

Zum Programm des Festivals We are tomorrow:

http://www.glokal.org/we-are-tomorrow/

15:52 24.11.2014
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