Das kurze Leben des Albert L.

Ulrike Heider Die Schriftstellerin erinnert in ihrem neuesten Buch an den früh verstorbenen Künstler Albert Lörken und erinnert damit an die Geschichte der Schwulenbewegung
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„Bauernsohn und einer der Mitbegründer der neuen Schwulenbewegung, …. Dichter und Rezitator. Stirbt in seinem Heimatdorf an AIDS, behandelt mit falschen Medikamenten, weil dort keiner wissen soll, dass er schwul ist.“ Diese wenigen Zeilen findet man in einen Onlinelektion über Albert Lörken. Jetzt hat die Schriftstellerin Ulrike Heider im Verlag Männerschwarm ein Buch herausgebracht, das das kurze Leben des Albert Lörken im Kontext der Geschichte der Schwulenbewegung der 1970er in Westdeutschland erzählt. Es ist ein sehr subjektives Buch. Das wird gleich auf den ersten Seiten deutlich, auf denen Heider die erste Begegnung mit Lörken auf einen Badesee in Frankfurt/Main im Sommer 1972 beschreibt. „Als Einziger, so schien es mir, genoss der Szeneneuling das Nacktsein. Ob das an seinem perfekten Äußeren lag, überlegte ich, einen Körper, der den klassischen wie den barocken Schönheitsideal entsprach, der Knabenhaftes mit Athletischen verband, und der Traum eines Tänzers wie eines Sportlers gewesen wäre“. Der schwärmerische Ton deutet schon die lange Freundschaft zwischen Heider und Lörken an, die trotz mancher Belastung 20 Jahre hält. Das Buch schließt am 5. Juni 1992, als der Sarg von Lörken bei strömenden Regen auf dem Friedhof seiner Heimatgemeinde Mariaweiler bei Düren in die Erde versenkt wurde. Dazwischen gelingt es Heider auf 250 Seiten eine kurze Geschichte des Aufbruchs der Schwulenbewegung zu zeichnen. Sie erwähnt wichtige Filme, Romane und Theaterstücke, die heute teilweise vergessen sind. Günther Amendt, der das vielgelesene Buch „Sexfront“ rausgebracht hatte, gehört ebenso dazu wie Reimut Reiche, der Autor des viel diskutierten Buches „Der gewöhnliche Homosexuelle“. Es befasste sich erstmals systematisch mit den Lebensverhältnissen der damals noch kriminalisierten Minderheit. Heider geht auf die unterschiedlichen Initiativen ein, in denen sich in den 70er Jahren Schwule organisierten. Dabei zeigt sie auf, wie der gesellschaftsverändernder Impetus im Laufe der 1970er Jahren seine Bedeutung verlor. Viele der Orte des schwulen Widerstands wurden zu Stätten des Konsums. Bald war Lifestyle statt Politik angesagt. Heider, die in der antiautoritären Linken in Frankfurt/Main aktiv war, hatte auch Kontakte in andere Spektren. So beschreibt sie die lesbische Maoistin Gertrud, die sich politisch in einer kommunistischen Kleingruppe engagierte und gleichzeitig den sexuellen Aufbruch propagierte. Da die Freundschaft bald in die Brüche ging, bleibt die weitere Biographie von Gertrud offen. Auch die Beziehung zwischen Lörken und Heider ist bald nicht mehr so harmonisch wie in der Anfangsszene. Vor allem nachdem Lörken, der seine akademischen Karriere nach mehreren Versuchen aufgibt, zurück ins heimatliche Dorf zieht und eine Beamtenlaufbahn anstrebt. Da hinterfragt Heider auch manche rebellische Pose, die Lörken und seine Mitstreiter*innen im universitären Milieu der Metropole inszenierten. Der gesellschaftliche Aufbruch nach 1968er ermöglicht es vielen Bürgerkindern zumindest für einige Jahre den Rebellen zu geben, die die bürgerliche Welt provozieren, bis sie schließlich den Frieden mit der Gesellschaft gemacht haben und das elterliche Erbe antreten. Das war auch der Werdegang von Lörken, der allerdings an Aids erkrankte, darüber aber im elterlichen Dorf schwieg. Da er gleichzeitig weitere sexuelle Kontakte hatte, nahm er so auch in Kauf, dass andere mit Aids angesteckt werden. Nach Heiders Beschreibung, war dieser Umgang am Beginn der Aids-Krise keine Seltenheit. Das Kapitel, in dem Heider beschreibt, welche Angst die ersten Nachrichten über die Aids-Krankheit in der schwulen Szene auslöste, aber auch die Versuche konservativer Politiker*innen, die schwule Bewegung zu kriminalisieren, sind starke Texte in einem lesenswerten Buch. Ulrike Heider hat ihren toten Freund ein literarisches Denkmal gesetzt und führt in die Geschichte der Schwulenbewegung in der BRD der 1970er Jahre ein.

Gauweilerien in München

Auch der Künstler Philipp Gufler widment sich mit einer Videoinstallation den Versuch vor allem des CSU-Politikers Peter Gauweiler in den 1980er Jahren die Aids-Krise für eine Stigmatisierung der Schwulenszene zu nutzen. In dem Video gibt es zahlreiche Dokumente und auch Betroffene jener Zeit kommen zu Wort. Die Installation mit dem Titel "Gauweilereien in München" ist noch bis zum 6.1. im Rahmen der Ausstellung "Hubert Fichte - Liebe und Ethnologie" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen. Die Ausstellung widmet sich in vielen Beispielen vor allem aus Film, Video und Hörspiel dem globalen Aktivitäten des Künstlers Hubert Fichte. So reiste er in den frühen 1970er Jahren auch nach Chile, wo der Linkssozialist Salvador Allende regierte.

Seine Unterstützung des Reformprojekts hielt Fichte nicht davon ab, zu kritisieren, dass weiterhin schwulenfeindliche Gesetze in Kraft waren. Diese Kritikpunkte wurden auch bei Verantwortlichen der Regierung angesprochen, die sich so rechtfertigen mussten und die Praxis änderten. So hat man heute sicher auch genügend Gründe für Kritik an der Politik der Maduro-Regierung in Venezuela. Allerdings könnte man von Fichte lernen, dass eine Kritik an konkreten Details nicht ein Pauschalverriss der revolutionären Bewegung bedeuten muss. Zudem könnten auch die vielen Anhänger*innen des Indigenismus in der Ausstellung nachdenklich werden. Wird doch dort dargestellt, wie eine indigene Bewegung in Chile ein Junge geopfert wurde, um die Götter nach einem Vulkanausbruch gnädig zu stimmen. Wenn jetzt in Bezug auf Chile, Bolivien und anderen Staaten sehr oft das Recht der Indigenen auf ihre eigenen Gesetze gefordert wird, sollte man auch nicht vergessen, wie schnell hier archaische Praxen entschuldigt werden, wenn es nur um Mutter Erde und Vater Natur geht.

Man braucht viel Zeit, wenn man sich einen Überblick über die Ausstellung schaffen will. Doch allein das Video "Gauweilereien in München", das knapp 40 Minuten dauert, lohnt den Besuch der Ausstellung. Hier wird deutlich, dass es kaum 35 Jahre her, dass in München ein führender CSU-Politiker eine Politik propagiert, die heute selbst die AfD nicht mehr offen vertreten könnte-

Peter Nowak

Heider Ulrike, Der Schwule und der Spießer, Provokation, Sex und Poesie in der Schwulenbewegung, Berlin 2019, Männerschwarm-Verlag, 18 Euro, ISBN: 978-386300-076-9,

https://www.maennerschwarm.de/index.php/12-titel/778-der-schwule-und-der-spiesser

Hier der Link zur Ausstellung Hubert Fichte - Liebe und Ethnologie, die noch bis zum 6.1. im Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist.

https://hkw.de/media/de/texte/pdf/2019_1/presse_2019/Pressemappe_Liebe_und_Ethnologie.pdf

02:18 01.01.2020
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