Das Lehrstück vom Waffenhandel

Exporting Ware Das Stück, dass im Hebbel am Ufer 1 im Rahmen des Festivals Waffenlounge zu sehen war, benennt die Verantwortlichen für den Waffenhandel auch im Zentrum Berlins.
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Süßer die Phrasen nie klingen als in der Weihnachtszeit. Frieden allen Menschen wird verkündet. Da macht es sich ganz gut, dass just am 24. Dezember ein internationaler Waffenvertrag in Kraft tritt, der keineswegs den Waffenhandel verhindern aber dafür sorgen soll, dass vor allem Kleinwaffen nicht in falsche Hände geraten. Doch wen gehören die richtigen und wem die falschen Hände im Waffenhandel? Wer kann das schon wissen? Das Management der Schwarzwälder Waffenschmiede Heckler & Koch zumindest gab sich erstaunt, dass Ihre Waffen auch in mexikanischen Provinzen auftauchten, deren Polizei nach den bundesdeutschen Ausfuhrbestimmungen nicht in Besitz dieser Waffen sein sollte. Denn, so haben wir mittlerweile gelernt, deutsche Waffen dürfen nach Mexiko geliefert werden, doch bestimmte Konfliktgebiete sind davon ausgenommen. Engagierte Journalist_innen wie Wolf Dieter Vogel haben nun akritisch nachgewiesen, dass diese Waffen auch dort zum Einsatz kommen, also wohl in falsche Hände geraten sind. Die Arbeit der engagierten Kolleg_innen ist sehr lobenswert. Doch was soll diese Unterscheidung in unterschiedliche Provinzen? Wenn ein Produkt in ein Land exportiert werden kann, wieso soll es dann Regelungen über bestimmte Provinzen geben? Würde die deutsche Regierung vielleicht CS-Gas exportieren, das nicht nach Stuttgart geliefert werden darf, weil es dort geben Gegner_innen von Stuttgart 21 bereits mit entsprechenden Folgen für die Gesundheit der Demonstrant_innen eingesetzt wurde? Wäre da nicht das Geschrei über ein Diktat von Außen groß bzw. wer sollte überhaupt dafür sorgen, dass die Bestimmungen auch umgesetzt werden? Trauen wir uns nicht mal mehr zu, als realpolitische Forderung, den Stop des Exports deutscher Waffen nach Mexiko zu fordern? Könnte diese Forderung nicht sogar eine gewisse Resonanz finden, nachdem vor einigen Wochen 43 Studierende, die zu einer Demonstration fahren wollten, von Polizei und Mafia verschleppt wurden, seitdem verschwunden und sehr wahrscheinlich ermordet worden sind- Dass deutsche Waffen dabei zum Einsatz gekommen sind, ist zumindest nicht auszuschließen.

Im Hebbel am Ufer in Berlin konnte der Interessierte wichtige Argumente gegen jeden Waffenexport bekommen. „Exporting War“ hieß das knapp 90 minütige Lehrstück von Hans-Werner Kroesinger. Der Name steht seit Jahren für politisches Theater ganz ohne Propaganda und Schockeffekte. Kroesinger setzt noch ganz altmodisch auf das Verbreiten von Fakten und Informationen. Die Besucher_innen seiner Vorführungen müssen bereit sein, Texte zu lesen.


Die Zentralen im Herzen Berlins

Die Lektonen beginnen schon im Foyer des HAU, wo das Publikum vor und nach den Vorführungen Informationen über die zentralen deutschen Rüstungsschmieden von Heckler & Koch über Airbus bis Rheinmetall sammeln und erfahren konnte, wo ihre Hauptstadt-Dependance zu finden ist. Bei der Vorführung wurde die Ortsbestimmung noch vertieft. Wenig überraschend befinden sich die meisten Filialen in Berlin-Mitte und wären für die Theaterbesucher_innen fußläufig zu erreichen.

Vorher aber präsentierten vier Damen und ein Herr in Business-Kleidung die neue Kriegsware an. „Geringes Gewicht, höhere Feuerkraft und Trefferquote“ bewirbt die Schauspielerin Katrin Kaspar mit unterkühlten Lächeln die Vorzüge des Sturmgewehrs G36. Ein anderes Gewehr eignet sich besonders gern beim Treffen der Weichziele. Das können Tiere oder Menschen sein, je nachdem, was dem Schützen gerade vor die Flinte kommt. In dem Stück wird das Waffen –Business in die Büros und Party-Launch der Geschäftsviertel geholt und das ist seine große politische Sprengkraft. Denn in der Regel wird Waffenhandel mit Schmuggel, Söldnertum und mit dem blutigen Kriegsgeschehen assoziiert. In Exporting War hingegen wird gezeigt, was die sterilen Büros im Herzen Berlins, in denen die Männer und Frauen in den Business-Klamotten arbeiten, mit dem blutigen Geschäft zu tun haben. Was das aufklärerische Lehrstück bewirkt, und ob es mehr als die Podiumsdiskussion mit dem Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele im Anschluss an die Aufführung am 13. Dezember ist, liegt in der Verantwortung des Publikums. Wo sich die Büros in Berlin befinden, haben sie im Theater erfahren.

Link zum Stück:

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/kroesinger-exporting-war/


Zum Festival Waffenlounge, das noch bis zum 11.1. geht:

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/waffenlounge/

19:13 24.12.2014
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