Das namenlose Grab

Recht auf Trauer Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Francis Seeck beschreibt in ihrem Buch, wie einkommensarme Menschen noch bei den Bestattungen diskriminiert werden.
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Das namenlose Grab

„Die Unbetrauerbaren versammeln sich gelegentlich zum öffentlichen Aufstand der Trauer, und deshalb lassen sich in vielen Ländern Beerdigungen und Demonstrationen nur schwer unterscheiden“. Dieses Zitat der Philosophin Judith Butler aus ihrer Rede anlässlich ihrer Adorno-Preis-Verleihung könnte das Leitmotto des Buches der Berliner Sozialwissenschaftlerin Francis Seeck sein. Auf knapp 100 Seiten entwickelt sie unter dem Motto „Recht auf Trauer“ eine Betrachtung von Bestattungen aus machtkritischer Perspektive. Es ist ein sehr persönliches und ein sehr berührendes Buches. Seeck macht gleich am Beginn den subjektiven Bezug zu der Thematik deutlich. Ihr Vater war gestorben und beerdigt worden, ohne dass es die Tochter erfuhr. Dafür bekam sie danach vom Bezirksamt Neukölln die Rechnung für die Beerdigung, in der ihr gleich mit juristischen Konsequenzen gedroht wurde, wenn sie sich nicht gleich meldet.

Im Gedenken an die Opfer der Agendas 2010

Seeck begann zu recherchieren und stellte fest, dass es gängige Behördenpraxis ist, einkommensarme Menschen namenlosen zu beerdigen. So wird noch im Tod der Klassenunterschied deutlich. Doch Seeck macht auch klar, wie patriarchale und rassistische Unterdrückung in die Art der Beerdigung einfließen.

Das "Zentrum für Politische Schönheit" hat im Sommer 2015 für kurze Zeit eine Diskussion über die vielen Migrant_innen angestoßen, die auf dem Weg nach Europa ums Leben kommen, im Mittelmeer ertrinken, in der Wüste verdursten odersonstwo einenaonymen Tod sterben. An einen Sommerwochenende im Jahr 2015 wurden Gräber auf der Wiese vor dem Reichstag ausgehoben und das ganze machte Schule. Einige Wochen fand man auf viele Wiesen in der Republik diese Gräber und kleine Kreuze mit Geflüchteten, die am EU-Grenzregime umkommen.

Leider erwähnt Seeck diese Aktion ebenso wenig, wie die Protestaktion des Erwerbslosenaktivsten Michael Fielsch, die den Titel „Im Gedenken an die Opfer der Agenda 2010“ (https://dieopferderagenda2010.wordpress.com/ ) trägt. Auf öffentlichen Plätzen richtet Fielsch weiße Kreuze auf, auf denen die Namen von Menschen stehen, die durch die Agenda 2010 gestorben sind. Auf den Jobcentern oder still und einsam in ihrer Wohnung, in denen Strom und Gas abgestellt sind. Auf einen von Fielsch Kreuzen steht auch der Name von Rosemarie F., einer Rentnerin, die einen Tag nach der Räumung gestorben ist.

Seeck führt sie als Beispiel an, wie ein großes öffentliches Interesse an dem Fall und die Empörung über ihre Räumung dafür sorgten, dass sie nicht namenlos beerdigt wurde. „Aus dem Kreis der Unterstützer_innen bildete sich eine Gruppe, die gemeinsam mit Rosemaries Vorsorgebevollmächtigtem die Beerdigung organisierte“, zitiert Seeck aus dem Buch „Rosemarie F. Kein Skandal“ (https://www.edition-assemblage.de/rosemarie-f-kein-skandal/), mit dem die Unterstützer_in Margit Englert einen wichtigen Beitrag leistete, dass die Frau nicht namenlos blieb. Hier wurde Butlers Wunsch Wirklichkeit. Hier versammelten sich die Unbetrauerbaren zum öffentlichen Aufstand der Trauer und Rosemaries Beerdigung war auch eine Demonstration gegeneinen Kapitalismus, in dem eine Rentnerin, der der Arzt Bescheinigt hat, dass der Wohnungsverlust schwere gesundheitliche Folgen für sie Rahmen kann, räumen lässt, wenn es um den Profit geht.

Widerstand gegen namenlose Bestattungen

Seeck zeigt an verschiedenen Beispielen auf, dass es solche Protestbeerdigungen gar nicht so selten sind auf namenlosen Beerdigungen. Freund_innen und Bekannte unterbrechen Pfarrer_innen, wenn die bei der Beerdigung über christlichen Segen reden und erzählen, wie sie den Gestorbenen erlebt und gekannt hatten. Für die Verwaltungen sind es Störungen, für die Betroffenen sind es Akte des Widerstandes gegen das namenlose Sterben. Seeck stellt auch verschiedene Initiativen vor, die dafür sorgen, dass auch einkommensarme Menschen ein Recht auf eine würdige Beerdigung und ihre Freund_innen und Angehörige ein Recht auf Trauer haben. Seeck hat ein sehr berührendes Buch über ein Thema geschrieben, dass auch bei LINKEN noch immer mit Tabus belegt ist.

Peter Nowak

Francis Seeck
Recht auf Trauer
Bestattungen aus machtkritischer Perspektive
112 Seiten | 9.80 Euro
ISBN 978-3-96042-020-0 |

https://www.edition-assemblage.de/recht-auf-trauer/

Francis Seek stellt das Buch in Berlin vor:

Donnerstag, 12. Oktober 2017, 19:30 Uhr, Kreuzbergmuseum

„Jetzt ist die Zukunft von gestern“ (#12) l Dachgeschoss FHXB Museum

Francis Seeck: „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“(Buchvorstellung)

http://www.fhxb-museum.de/index.php?id=19

14:04 10.10.2017
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Geschrieben von

Peter Nowak

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