Peter Nowak
20.02.2017 | 00:19 3

Dem Internet der Dinge den Kampf ansagen

Smart Resistance Erfreulicherweise erkennen einige Linke, dass hinter einer technologischen Entwicklung im Kapitalismus ein neues Herrschaftsprojekt steht

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Peter Nowak

Smart Resistance statt Smar City lautete das Motto einer Demonstration, die am vergangenen Samstagnachmittag durch Berlin zog. Ca. 300 Menschen, vornehmlich aus der außerparlamentarischen Linken, beteiligten sich am Zug von Kreuzberg zum Potsdamer Platz. Mit den Demomotto „Smart Resistance“ wurde das Konzept Smart City kritisiert, mit dem auch in Berlin Ampeln und Kühlschränke mit Smartphones vernetzt werden sollen. Eine Rednerin wies auf die Fülle an persönlichen Daten hin, die dadurch entstehen. .
Biometrische Erfassung des afrikanischen Kontinents

Auf einer Zwischenkundgebung vor der Bundesdruckerei wurde dagegen protestiert, dass dort auch biometrische Personalauswese für die Bewohner_innen Afrikas gedruckt werden. In einer Rede wurde diese „ biometrische Erfassung eines ganzen Kontinents“ als Bestandteil der Abwehr von Flüchtlingen kritisiert. Auf Transparenten und Flugblättern wandten sich die Demonstrationsteilnehmer gegen ein Smart-Lab von Google, das Ende 2017 in einem Kreuzberger Umspannwerg geplant ist. Ein Bündnis linker Gruppen kündigte weitere Proteste gegen das Google-Lab an. Daran werden sich dann sicher auch mehr Menschen beteiligen, weil es gegen einen noch dazu US-amerikanischen Konzern geht. Da ist dann oft auch die verkürzte Kapitalismuskritik nicht weit. Der Pluspunkt der Demonstration am Samstag, deren Anlass der 20te Europäische Polizeikongress in Berlin war, lag daran, dass gerade nicht ein Konzern sondern ein Herrschaftskonzept im Fokus der Kritik lag, das als Smart Ökonomie und Internet der Dinge so harmlos und technizistisch daherkommt. Auch Linke nutzten es und machen sich wenige Gedanken über die Folgen. Im Kapitalismus steckt dahinter ein Herrschaftskonzept, das die menschliche Subjektivität und mögliche Resistenz elimieren soll. Das beste Beispiel sind die smarten Fabriken, wo es kaum noch Lohnabhängige gibt. Die Roboter und Maschinen streiken nicht und sind nicht widerständig. Es sei denn, Menschen streuen Salz ins Getriebe. Die Entwicklung dieser Produktionszonen ohne Menschen wurden vorangetrieben, um die Produktion unabhängig von Streiks etc. zu machen. Das ist nur ein Beispiel für das kapitalistische Interesse an dieser Entwicklung. Es ist zu hoffen, dass darüber in der außerparlamentarischen Linken auch unabhängig von Polizeikongressen weiter diskutiert wird.

Smart Communism

Dabei sollte allerdings die Kritik der Technik immer in eine Kapitalismuskritik eingebunden sein. Es geht um eine Ablehnung der technischen Entwicklungen, die unter dem Label Smart Ökonomie verhandelt werden, unter den gegenwärtigen kapitalistischen Vorzeichen. Und es sollte gefragt werden, ob wir Konzepte der Smart Ökonomie in einer nicht von der kapitalistischen Verwertungslogik bestimmten Gesellschaft nutzten können, Ich würde das erstmal bejahen. Dabei sollte allerdings erkannt werde, dass die aktuellen Tools der Smart Ökonomie vom Kapitalismus geprägt und unter nichtkapitalistischen Vorzeichen nicht einfach übernommen werden können. Es gilt erst zu erkunden, was davon auch für eine Smart Communism taugt. Eine ähnliche Debatte führt der Soziologe Simon Schaupp auch am Beispiel der Kybernetik. Unter kapitalistischen Bedingungen ist sie zu kritisieren, unter nichtkapitalistischen Bedingungen könnten Elemente davon übernommen werden.

Doch bis dahin gilt die Parole. Smart Resistance statt Smart Citys.
Lesetipp:
Simon Schaupp, Anne Koppenburger, Paul Buckermann (Hg.)
Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen

Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel

ISBN 978-3-89771-225-6
Erscheinungsdatum: März 2017
Seiten: ca. 320

Peter Nowak

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Kommentare (3)

Querlenker 20.02.2017 | 18:16

Daß uns das Internet der Dinge in den Orwellschen Überwachungsstaat treiben kann, würde ich unterschreiben. Warum das aber bei Kapitalisten böse, bei Kommunisten jedoch gut enden soll, erschließt sich mir nicht. In Rußland wird mit Sicherheit auch an solche Konzepten und Technologien geforscht. Hätte Stalin solche Tools zur Verfügung gehabt, dann hätte er sie zur Überwachung seiner Bevölkerung auch eingesetzt. Dasselbe gilt für den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un. Da sehe ich keinen Unterschied zu Kapitalisten wie Donald Trump oder Hillary Clinton.

Immerhin haben wir im Westen noch die Wahl, ob wir das Teufelszeug kaufen oder nicht.

Ute Behrens 21.02.2017 | 17:37

Danke für den kritischen Artikel. ,,Ja", lieber Peter Nowak, die Grundlage allen Übels ist der ungebremste Digitalkapitalismus. Und ,,Nein" an Querlenker: Wir haben nicht mehr die Wahl.

Erinnern wir uns nur an die elektronische Gesundheitskarte. Dabei ist sie nur ein kleiner Mosaikstein innerhalb eines riesigen E-Health-Systems, das von der IT-Industrie gemanagt wird und über das Sozialgesetzbuch bereits gesetzlich verankert wurde. Niemand scheint verinnerlicht zu haben, dass das Herz eines Sozialstaates im Sozialwesen schlägt. Wer dies abverkauft, verrechtlicht neoliberale Verhältnisse. Der Bürger kann sich dem nicht entziehen; es gibt keine Wahl mehr zwischen einem ,,digitalen" oder ,,analogen" Leben.

In der Politik reden wir von der "Smart-Service-Welt", in der alle Bereiche des Lebens ungefragt miteinander verknüpft werden. Wir werden nicht erst in den Orwellschen Überwachungsstaat getrieben. Wir sind bereits mitten drin. Über die Gesichtserkennungssoftware im öffentlichen Raum, Psyware (Sprachanalyse über die psychologische Verfasssung) in Bewerbungsgesprächen bis hin zu einer Generation, die den Pokemons nachjagt und dabei jeden, der zufällig den Weg streift, ungefragt ins Netz stellt.

Schön, wenn sich jetzt ein paar Linke darüber Gedanken machen, nachdem die Piraten dieses brisante Thema bereits verschlafen haben. Von den übrigen Parteien erwarte ich keine Kritik, denn nicht nur als Dienstleister der Wirtschaft sind sie Nutznießer dieses Systems. Wir stecken bis zum Hals in nicht mehr beherrschbaren Prozessen und die Gesellschaft liegt im Dornröschenschlaf. Die Arena für Brot und Spiele heißt heute Facebook & Co.

Ein Grund, warum wir uns jetzt als neu gegründete Partei mit dem Thema Digitalkapitalismus und dem "Recht auf digitales Nichtvorhandensein" ganz intensiv auseinandersetzen. (http://www.ini146.de).

Dabei geht es nicht um einen Hype zur Bundestagswahl, sondern um den Anstoß, endlich eine gesamtgesellschaftliche Diskussion in Bewegung zu bringen. Wie und worin wollen wir in Zukunft leben? In der Matrix, in einem digitalen Kastensystem, in dem der Arzt aufgrund der Einkommensdaten die Behandlungsmethodik bereits im Vorfelde im Netz abrufen kann? Oder doch lieber selbstbestimmt? Dann wird es allerdings höchste Zeit den Wahnsinn zu stoppen und nicht länger darauf zu hoffen, dass andere sich vielleicht mal der Angelegenheit gelegentlich annehmen werden.

Peter Nowak 22.02.2017 | 14:54

Ja, aber der Stalinismus war ja auch der Todengräber des Kommunismus. Wenn ich von smart Communism rede, meine ich eine Gesellschaft, in der der das Wertgesetzt keine Rolle mehr spielt und auch Machtstrukturen nicht. Das Projekt Cybersyn in Chile unter allende ging in diese Richtung https://www.golem.de/news/cybersyn-chiles-traum-von-der-computergesteuerten-planwirtschaft-1608-122521.html