Der Fall Wittenberge

"Endmoräne" Die Künstlerinnengruppe beschäftigt sich mit den Ende einer Industriekultur und gibt manche versteckte Hinweise für ein Überleben danach
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Der Fall Wittenberge
Bild: Flyer

Die Homepage der Nähmaschinenfabrik Veritas aus Wittenberge gibt es noch. Eine mondäne Frau in Abendgarderobe dreht den Betrachter_innen den Rücken zu. Das könnte auch als ein Symbol für das Verhältnis der Textilfabrik Veritas und der Stadt Wittenberge verstanden werden. Sie war jahrzehntelang die wichtigste Fabrik am Ort, und als sie nach im Zuge der von der Treuhand forcierten Deindustrialisierung der ehemaligen DDR geschlossen wurden, stieg die Arbeitslosigkeit in Wittenberge rapide. Viele Menschen verließen auf der Suche nach Lohnarbeit die Stadt. Heute ist die Stadt im Vergleich zu 1989 um fast die Hälfte geschrumpft. Nun wäre es aber verfehlt, DDR-nostalgisch die Schließung der Fabrik als einen Masterplan der Treuhand zu interpretieren. Es war die Übernahme der kapitalistischen Ökonomie, die die Fabriken unrentabel machte und das bedeutet im Kapitalismus, dass die Arbeitsplätze wegfallen können.

Am Ende gewinnt der Kapitalismus

In diesen Tagen kann man sich „dem Fall Wittenberge“ auf eine besondere Weise nähern. Unter diesem Titel haben die Künstlerinnen von Endmoräne eine Ausstellung in einer ganzen Etage der alten Fabrik konzipiert. Auf 5.000 Quadratmeter werden Installationen präsentiert. Dabei wurden die baulichen Verhältnisse der Fabrik meistens sehr gut in die Arbeiten mit einbezogen. So hat Tina Zimmermann einen Spielautomaten auf die alten Stromkästen der Fabrik projiziert. Im Takt der klassischen Geräusche eines Spielautomaten purzeln die Abkürzungen der verschiedenen politischen Parteien und unterschiedliche politische Symbole durcheinander. Gewinner ist immer der Kapitalismus, könnte das Fazit lauten. Es ist eines der wenigen Videos in der Ausstellung. In einer anderen Ecke zeigt Renate Hampke Aufnahmen, die heimlich bei Reisen in der DDR gefilmt wurden. Doch der Schwerpunkt liegt bei Installationen, und viele drehen sich um die Nähmaschine. Gisela Genthner hat zwei Exemplare, eine aus den 60er und eine aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, auseinandergenommen und die vielen Einzelteile nebeneinander platziert. Dorothea Neumann stellt ein Nähmaschinenmodell aus den 70er Jahren auf ein Podest und hat eine Nähmaschine in goldenes Papier eigewickelt. Damit wollte sie an den Begriff Goldstaub anknüpfen, mit dem die in Wittenberge produzierten Nähmaschinen angeblich von der DDR-Bevölkerung belegt worden. So sollte ausgedrückt werden, dass sie in der DDR kaum erhältlich waren. Veritas-Produkte waren für den Export bestimmt und sollten dafür sorgen, dass die devisenarmen DDR ihr Sozialprogramm finanzieren konnte.

Bleibe ich oder baue ich Gras an?

Die Ausstellung wurde von ehemaligen Veritas-Mitarbeiterinnen auch zum Familienausflug genutzt. Frauen, die dort wohl vor 1989 arbeiten, erklärten ihren Kindern oder Enkel_innen, wo der Spind stand und wo sie Pause machten. Der Frühstücksraum wurde von Elke Postler sogar wieder rekonstruiert. Viele der Installationen richten sich auch sehr deutlich, an die ehemaligen Veritas-Arbeiter_innen. Das Ende eines Industriezeitalters, wie wir es bisher kannten, für das das die Veritas-Schließung auch ein Ausdruck ist, wurde nur in wenigen Installationen thematisiert. Etwas ratlos macht Kerstin Baudis Video „Ankunft“, das gleich am Eingang der Ausstellungsetage zu sehen ist. Jugendliche in roten Overalls machen sich mit Rollkoffern auf den Weg vom Bahnhof Wittenberge zur ehemaligen Fabrik. Beim Betrachten des Videos wird einem erst klar, dass die Ausstellung bereits am Bahnhof beginnt, wo „Bleibe ich“ und „ich bleibe“ an einer Wand steht. Für viele der Jugendlichen, die in dem Video mitspielen, dürfte die Frage längst beantwortet sein: Nichts wie weg. Wer bleiben will, könnte sich vielleicht in Dorothea Neumanns Installation „Wachstumskerne“ einige Inspirationen holen. Dort blüht in alten Waschbecken Lavendel, dessen Wachstumsprozess durch Energiesparlampen gedopt wird. Viele Jugendliche werden die Methode vom Anbau anderer Gräser bereits kennen.

Für mich stellte sich die Frage "Bleibe ich" ebenso wenig, wie wohl für die meisten Ausstellungsbesucher_innen, die von außerhalb kamen. Die Zugverbindungen von und nach Wittenberge sind auch am Abend gut. Zuvor sollte mensch die Gelegenheit für einen Spaziergang über das ehemalige Veritas-Gelände und dann zum Elbufer, dem heutigen Zentrum von Wittenberge nutzen. Am Weg zum Bahnhof sollten die Besucher_innen einen architektonisch interessanten Stadtteil besuchen, der vor ca. 100 Jahren links vom Bahnhof errichtet wurde und gerade saniert wird.

Peter Nowak


VERFLIXT UND ZUGENÄHT.
DER FALL WITTENBERGE.
EINE ANNÄHRUNG

An diesem Wochenende gibt es die letzte Gelegenheit, die Ausstellung zu besuchen:

Sie ist bis 13.07.2014
jeweils Samstags und Sonntags
von 13 bis 18 Uhr
im ehemaligen Singer / VERITAS Nähmaschinenwerk
Bad Wilsnacker Straße 48
19322 Wittenberge

http://www.endmoraene.de/

13:58 09.07.2014
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Geschrieben von

Peter Nowak

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