Peter Nowak
18.10.2011 | 14:20 10

Der fehlende Histamintest

Untersuchung Gerade war wieder von einer "neuen RAF" die Rede. Dabei wirft die Geschichte des Orignals immer noch Fragen auf. Zum Beispiel danach, was vor genau 34 Jahren in Stammheim geschah

Nach den versuchten Brandanschlägen auf Bahnanlagen in Berlin und Brandenburg geisterte vor einer Woche umgehend das Gespenst einer „neuen RAF“ durch die Medien. Politiker und Experten wiesen die historische Parallele allerdings ebenso rasch zurück. Die Unterschiede zwischen den militanten Freunden isländischer Vulkane und der Roten Armee Fraktion, hieß es immer wieder, seien beträchtlich. Die Analogie diene allenfalls dem Zweck der Aufheizung einer sicherheitspolitischen Diskussion.

Wie weit benzingefüllte Plastikflaschen und Deutscher Herbst auseinander liegen, mag auch mit Blick auf den düsteren Höhepunkt des Jahres 1977 erkennbar werden. Heute vor 34 Jahren waren drei der prominentesten Mitglieder der RAF tot in ihren Zellen im siebten Stock des Stammheimer Isolationsgefängnisses aufgefunden worden. Darüber, wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe starben, scheiden sich bis heute die Geister.

Irmgard Möller, die den 18. Oktober schwer verletzt überlebte, widerspricht bis heute der offiziellen Version, nach der die RAF-Anführer gemeinsam Selbstmord begangen haben sollen. Und ebenso sah das ein beträchtlicher Teil der bundesrepublikanischen Linken. Die Antwort auf die Frage „Mord oder Selbstmord?“ spaltete noch bis in die achtziger Jahre hinein die Szene. „Stammheim“ war für eine ganze Generation politisch Aktiver eine zentrale Metapher. Inzwischen ist der Glaubenskrieg um die Deutung der Ereignisse allerdings verebbt.

Wenn Jugendliche heutzutage T-Shirts mit der Aufschrift „Stammheim“ tragen, ist damit allenfalls eine angesagte Diskothek in Nordhessen gemeint. Die Frage indes, was 1977 in den totalüberwachten Zellen passierte, wird immer noch gestellt. Unlängst hat der Betriebsrat und IT-Spezialist Helge Lehmann ein weiteres Buch darüber veröffentlicht – Untertitel: „Eine Untersuchung - Indizienprozess gegen die staatsoffizielle Darstellung und das Todesermittlungsverfahren“. Auf knapp 230 Seiten und einer DVD präsentiert er das Ergebnis seiner jahrelangen Recherchearbeit.

Akribisch beschriebener Selbstversuch

„Nachdem ich den Film von Stefan Aust über die RAF und die Todesnacht gelesen habe, wurde ich neugierig“, beschreibt Lehmann sein Motiv, sich nochmals einem Thema zu nähern, das in der öffentlichen Meinung als längst geklärt gibt. „Vor einigen Jahren zweifelten viele an der offiziellen Selbstmordversion. Heute macht das niemand mehr“, erklärte Helmut Schmidt vor einigen Jahren. Der Sozialdemokrat war 1977 Bundeskanzler. Doch wenn Lehmann am Ende seiner Recherche eine neue Untersuchung fordert, dann ist das sehr begründet.

Denn eines, so Lehmann, ist noch immer ungeklärt: Wie konnten die Waffen, mit denen sich die Gefangenen getötet haben sollen, in deren Hände gelangen? „Aufgrund des Ergebnisses der Beweisaufnahme muss die Frage, wie die Gefangenen in den Besitz von Waffen und Sprengstoff gelangt sind, letztendlich offen bleiben“, zitiert Lehmann aus dem Abschlussbericht der offiziellen Untersuchungskommission. Der Autor hat im akribisch beschriebenen Selbstversuch nachgewiesen, dass man die Waffen weder in Gerichtsakten noch in Plattenspielern unbemerkt ins Gefängnis schmuggeln und zwischen den Zellen hin- und her transportieren konnte, wie offiziell immer kolportiert wurde. Auch das Kommunikationssystem mit dem sich die Gefangen auf den Suizid verständigt haben sollen, habe gar nicht funktioniert, so Lehmann.

Dass der Autor auch jene Argumente gründlich unter die Lupe nimmt, die seit mehr als 30 Jahren gegen die offizielle, also die Selbstmord-Version ins Feld geführt werden, macht die Herangehensweise glaubwürdig. Auch enthält sich Lehmann weitgehend eigener Erklärungsversuche, die immer ins Reich der Spekulation führen. Das Buch ist an den Fakten orientiert, es stellt Fragen, die noch immer zum Nachdenken anregen. „Warum wurde wie beim Tod von Ulrike Meinhof auch bei Gudrun Ensslin kein Histamintest durchgeführt?“, schreibt Lehman beispielsweise. „Dies war und ist eine international gängige forensische Untersuchungsmethode bei zweifelhaften Todesfällen durch Erhängen. Die Ergebnisse hätten alle Vermutungen und Spekulationen verstummen lassen?“

Warum nach mehr als drei Jahrzehnten noch einmal an den alten Sachen rühren, werden manche einwenden. So außergewöhnlich ist das nicht. Seit Monaten wird zum Beispiel im Prozess gegen Verena Becker versucht, den Umständen des Todes von Siegfried Buback auf die Spur zu kommen, der 1977 von der RAF getötet wurde. Warum sollte also nicht auch ein Interesse bestehen, offene Fragen der Stammheimer Todesnacht zu klären. Bisher haben sich nicht die staatlichen Stellen bedeckt. Auch von den ehemaligen RAF-Gefangenen kam bisher auf das Buch keine Reaktion.

Helge Lehmann: Die Todesnacht in Stammheim. Eine Untersuchung Indizienprozess gegen die staatsoffizielle Darstellung und das Todesermittlungsverfahren, mit Dokumenten-CD. 237 S., zahlr. Abb., Pahl-Rugenstein, 19,90 Euro

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 18.10.2011 | 22:36

Selbstverständlich sind noch viele Fragen offen, nur die Antworten werden bewußt vorenthalten, weil die Archive dazu nicht geöffnet werden. Wer so etwas macht, hat etwas zu verbergen. Angeblich hatten ausländische Geheimdienste die Schlüssel zu Stammheim.
Ich habe sämtliche mir zu Verfügung stehenden Bücher dazu gelesen. Interessant ist, dass die englischen Ärzte hier große Bedenken haben, dass es sich um Selbstmorde handelt.

r.v.puttin 19.10.2011 | 03:51

Mal ganz unabhängig von der Möglichkeit einer Waffenbeschaffung erscheint ein koll. Suizid doch ziemlich irrational:
All die irrsinnige Anstrengung und Konspiration der "Stammheimer" um dann alles hinzuhauen?(noch dazu hatten sie den Schleyer noch in Händen!)...
Liest man hingegen von Straußschen "Lösungsvorschlägen" im Krisenstab (der eben eine Liquidierung der Gefangenen ganz offen thematisierte)und bedenkt die enorme Zwangslage ,in die die Aktionen der RAF die Regierung gebracht haben ...
Kurz gesagt:
Die Motive die für eine Ermordung der Insassen sprechen könnten sind ungleich massiver als jene,die für einen Suizid sprechen würden...

jtarkka 19.10.2011 | 16:12

Der entscheidende Unterschied des Buches "Die Todesnacht in Stammheim" zu fast allen anderen Veröffentlichungen über das Geschehen in jener Nacht ist, daß Helge Lehmann keine Spekulationen anstellt nach dem Motto: "Wie hätte denn ein Mord oder ein staatlich überwachter Selbstmord bewerkstelligt werden können?" Das Wort "Mord" taucht nicht einmal auf.
Sein Thema ist die offizielle Version des "Selbstmords", wie sie in der Einstellungsverfügung des Todesermittlungsverfahrens der Stuttgarter Staatsanwaltschaft und dem Abschlußberichts des Untersuchungsausschusses des BaWü-Landtags präsentiert wird. Und dieser Version kann Lehmann in der Tat mehr Löcher nachweisen als dem sprichwörtlichen Schweizer Käse.
Das Schöne dabei ist, man muß dem Autor nicht blind glauben, denn alle Dokumente, auf die er sich stützt, sind in Text, Ton und Bild auf der dem Buch beiliegenden CD veröffentlicht.
Insofern wundert es den geneigten Zeitgenossen, daß bisher kein Mainstream-Medium auch nur eine Zeile zu Lehmanns Erkenntnissen geschrieben oder gesendet hat. Aber vielleicht ist der Grund ja, daß man auf dieses Buch nicht das Etikett "Verschwörungstheorie" kleben kann.
Es wäre deshalb auch sehr zu begrüßen, wenn der "Freitag" die Rezension auch in der Printausgabe brächte.

PS. Wer Lehmann live erleben will:

Hamburg 27.10.2011, 20:00 Uhr, Centro Sociale, großer Saal, Sternstr. 2

Berlin 1.11.2011, 19:00 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstrasse 6,

Berlin 2.11.2011, 20:00 Uhr, Zielona Gora, Gruenbergerstr. 73.

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Ehemaliger Nutzer 20.10.2011 | 23:10

@R Stilzchen,

Sie argumentieren hier richtig, dass es Mörder waren. Nur Sie haben Ihre Argumentation nicht zu Ende gedacht.
Diese RAF-Mitglieder waren alles gebildete Menschen. Sie sind nicht als Mörder geboren worden.
Diese Leute sind das Produkt der damaligen Zeit. Diese Menschen sind zu Mördern geworden, weil die BRD eine verlogenen, heuchlerischen und menschenverachtende Gesellschaft war. Jede Gesellschaft, auch heute, produziert seine Gewalttäter selbst.
Herr Dr. Baum, ich hoffe Sie wissen wer das ist, sagte, dass der Staat mit den RAF-Mitgliedern hätte sprechen müssen, dann wäre und das alles erspart geblieben. Der Staat hat sofort mit Gewalt geantwortet und Gewalt ruft schließlich wieder Gewalt hervor.
Die damalige BRD trägt eine große Mitschuld, dass diese Tragödie passiert ist, die Väter verurteilten ihre eigenen Kinder. Denken Sie einmal darüber nach.

@der Menschen einer

hier wird überhaupt keine Verschörung getrieben, sondern noch lebende Zeitzeugen reden darüber, wie z.B. Frau Möller. Frau Möller erging es auch nicht anders. Frau Möller erlitt mehrere Stiche in die Herzgegend und zwar sehr tief. Versuchen Sie das doch mal selbst. Den ersten Stich werden Sie noch selbst hinbekommen und die restlichen drei?
Auch bei Frau Möller war es ein Mordersuch? Auch hier werden die Archive nicht geöffnet.

derHEISE 21.10.2011 | 13:58

Kleine Anekdote am Rande:
Kurz nach den Vorgängen in Stammheim wollte ich an der Friedrichstraße nach Ost-Berlin einreisen. Ein Grepo bat mich aus der Schlange und setzte mich in einen fensterlosen Raum, dessen Einrichtung aus Stuhl, Tisch und Wandspiegel bestand. Ich ahnte, man würde mich gründlich filzen - also versteckte ich mein kleines Piece Haschisch schnell hinter dem Spiegel. In meiner Brieftasche fanden sie aber ein Flugblatt mit der Überschrift: "Selbstmorde in Stammheim?"
Keine Ahnung mehr, von wem das Flugblatt stammte. Den Grenzern missfiel jedenfalls das Fragezeichen:
"Wollen Sie ernsthaft anzweifeln, dass die Terroristen sich selbst umgebracht haben?" - "Aber ja!"
Falsche Antwort, mein Visum wurde eingezogen: "Ihre Einreise ist nicht erwünscht .."
Was für ein Hohn, wenn man bedenkt, wie willkommen Angehörige der RAF in der DDR waren.