Der Historiker und die "Gefahr von links"

Mark Jones Eigentlich galt der in Berlin und Dublin lehrende Historiker als links. Doch jetzt verteidigt er in FR-Interview Gewalt gegen aufständische Arbeiter*innen
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Noch am 21.Dezember referierte der in Berlin lehrende irische Historiker Mark Jones auf einer Veranstaltung zu den Kämpfen um das Berliner Schloss vor 100 Jahren (http://www.friedhof-der-maerzgefallenen.de/veranstaltungenneu/462/100-jahre-weihnachtskaempfe-um-das-berliner-schloss.html) aus historischen Dokumenten. Dort überlegten die Militärs um 1918, wie sie unbewaffnete Menschenmassen mit Gas ruhig stellen können und wie sie die ganze Aufstandsbewegung zerschlagen konnten. Das war damals keine theoretische Frage. Am 9.November haben maßgeblich durch die Revolutionären Obleute vorbereitet, Arbeiter*innen die Monarchie gestützt. Zum Gegner hatten sie von Anfang die Führung der MSPD, deren Abkürzung bald Mörderische Sozialdemokratische Partei übersetzt wurde. Denn die hatten sich mit eben deren Militärs, die sich so ausführlich Gedanken über die Zerschlagung der Revolution mit allen Mitten machten, verbündet. Der Großteil der deutschen Histor*innen fand das völlig in Ordnung. Für sie waren die Aufständischen gegen alle historischen Tatsachen, Sparkakisten, Kommunisten, Bolschwisten. "Schlagt ihre Führer tot, tötet Liebknecht und Luxemburg, dann habt ihr Arbeit und Brot", lauteten Flugzettel, die Anfang 1919 mit Duldung der MSPD verbreitet wurden. Der in Deutschland und Irland lehrende Historiker Mark Jones gehörte zu den wenigen Gegenstimmen. Mit seinen Buch "„Am Anfang war Gewalt – Die deutsche Revolution 1918/19" erinnerte er daran, dass die Gegner*innen der Revolution zuerst schossen. Man hätte denken können, dass Jones hier an den linksliberalen Publizisten Sebastian Haffner anknüpft, der in der gegenrevolutionären Gewalt von 1918/19 ein Vorbild zum Terror des Nationalsozialismus gezogen hatte. Dass es nicht konstruiert war, zeigte sich schon daran, dass die von der Mördersozialdemokrat*innen bewaffneten Freikorps schon Hakenkreuze an den Helmen trug und dass sie nicht nur gegen an alle Linken sondern auch gegen die Juden agierten. Doch Jones scheint begriffen zu haben, dass man mit Bezug auf Haffner etc. wenige wissenschaftliche Meriten erwerben kann. In einem schon Mitte November in der Frankfurter Rundschau veröffentlichten Interview bewegt sich Jones zumindest ganz auf der Linie des Mainstreams der deutschen Historiker.

"Die unmittelbare Gefahr für die Republik kam 1918/1919 nicht von rechts, sondern von links. Darum musste die Republik sich mittels der alten Militärs gegen die Spartakisten wehren."

Mark Jones, FR

Dieser von der FR-Redaktion dem Jones-Interview vorangestellte Satz ist keine Fälschung. Nach dem Interview hat sie Jones genau so getätigt. Damit reiht er sich ein, in die Phalanx des Mainstreams der Historiker*innen in Deutschland, die damit den Massenterror rechtfertigten, der seit Januar 1919 gegen die Arbeiter*innen ausgeübt wurde, die sich gegen die Restauration der alten Mächte wanden. Der Berliner Historiker Dietmar Lange hat diesen Massenterror am Beispiel des Frühjahrs 1919 in Berlin in seinem schon 2013 in der Edition Assemblage erschienenen Buch "Massenstreik und Schießbefehl" gut herausgearbeitet. Er hat vor allem noch mal deutlich gemacht, dass es nicht Spartakisten waren sondern oft Arbeiter*innen, die ideologisch sehr von der SPD beeinflusst waren, gegen die damals mit Terror vorgegangen wurde. Die Mär von der Spartakistengefahr, die Jones hier gegen besseres Wissen wiederkäut, war das Mittel, um den Terror zu rechtfertigen. Tatsächlich war die erst zu Neujahr 1918 gegründete KPD, die intern noch extrem heterogen, überhaupt nicht in der Lage war, großen Einfluss auf die revolutionären Entwicklungen auszuüben. Trotzdem bedient Jones hier antikommunistische Reflexe, in dem er noch auf russischen Kriegsgefangenen hinweist.

"Furchteinflößender war wahrscheinlich die Tatsache, dass etwa zwei Millionen russische Kriegsgefangene in Deutschland waren. In einer Situation, in der der kaiserliche Staat keine Macht mehr hatte, in der niemand wusste, wie die Ordnung aufrecht erhalten werden konnte! Was wäre, wenn es Karl Liebknecht gelänge, diese zwei Millionen Russen zu mobilisieren? Das war eine virulente Fantasie."

Mark Jones, Frankfurter Rundschau

Jones erwäht nicht, dass es um die Fantasie der deutschen Rechten handelte, mit der jeder Mord gerechtfertigt wurde. Warum noch 2 Millionen russische Kriegsgefangene an der Jahreswende 1918 in Deutschland verharren mussten, obwohl die sowjetische Räteregierung bereits Monate den Friedensvertrag von Bresk Litowsk mit der deutschen Regierung geschlossen hatte, erwäht Jones nicht. Schon gar nicht erwähnt er, dass die sowjetische Räteregierung sofort nach dem Erfolg der Novemberrevolution von 1917 in Russland, die wegen dem alten Kalender noch Oktoberrevolution genannt wird, allen anderen Staaten einen sofortigen Frieden ohne jegliche Bedingungen angeboten hat. Und sie riefen die Arbeiter*innen aller Länder auf, dafür zu kämpfen, indem sie ihre sie unterdrückenden Regime, die genau so wie das russische Zarenregime Millione Ausgebeutete auf die Schlachtfelder gezwungen hatte, zu stürzen. Das war die Gefahr für die alten Mächte und der mit ihnen verbündeten MSPD. Daher die große Paranoia vor den russischen Kriegsgefangenen. Die Arbeiter*innen in Deutschland könnten sich an ihnen Beispiel nehmen. Das war die linke Gefahr, die hier auch Jones hier bedient.

Wessen Sicht der Historiker hier bedient, zeigte sich an diesen Zitat in dem FR-Interview:

Die Romanows, die Habsburger, die Hohenzollern und die Osmanen – sie alle mussten abtreten in diesen Jahren. Die Deutschen sahen damals alle erschrocken nach Osten.

Mark Jones, FR

Millionen Menschen in aller Welt blickten nach der Oktoberrevolution mit Hoffnung nach Osten. Endlich war in einem Land Schluss gemacht worden, mit dem alten Mächten. Der Traum der Pariser Kommune, der nach wenigen Wochen im Blut erstickt wurde, wurde wieder lebendig in Russland. Die Bolschewiki feierten, nachdem die sowjetische Räterepublik einen Tag länger Bestand hatte, als die Parier Kommune. Doch diese Menschen meinte Jones nicht. Erschrocken blickten die alten Mächte und die von der Mehrheits- zur Mördersozialdemokratie mutierte SPD nach Russland. Jones macht mit dem Interview aber klar, dass er in die Fußstapfen des Mainstreams der deutschen Historiker*innen getreten ist. Initiativen, die die offizielle Geschichte kritisch sehen, werden sich nach anderen wissenschaftlichen Unterstützer*innen umsehen müssen.

Nachtrag: George Grosz dokumentiert den Terror gegen Linke in der Weimarer Republik

Noch bis zum 6.1. ist im Berliner Böhan-Museum eine Ausstellung mit Zeichnungen des Künstlers George Grosz zu sehen. Mehrere seiner Arbeiten beschäftigen sich mit dem Terror gegen Linke in der Weimarer Republik. Eine Zeichung ist mit dem Titel: Die Proletarier sterben - die Aktien steigen" überschrieben. Grosz stand damals eindeutig auf Seiten der Räte. Schon 1923 hat er bereits Hitler in einer Arbeit als eine Gefahr für die Menschheit erkannt, wenige Tage nach dem der durch den Putschversuch in München erstmals einer größeren Öffentlickeit bekannt geworden war. Später wurde Grosz wegen religionskritischer Arbeiten angeklagt und schließlich freigesprochen. Eine empfehlenswerte Ausstellung:

http://www.broehan-museum.de/aktuelles/george-grosz-in-berlin/

Peter Nowak

Hier der Link zum in dem Artikel erwähnten Interview von Mark Jones mit der Frankfurter Rundschau:

http://www.fr.de/kultur/weimarer-republik-angst-macht-mir-die-verrohung-der-sprache-a-1618988,0#artpager-1618988-1

Hier zwei Beispiele für Autoren mit oder ohne Diplom, die nicht den Weg des Mainstreams gehen:

Lesetipp: Dietmar Lange, Massenstreik und Schießbefehl:

https://www.edition-assemblage.de/buecher/massenstreik-und-schiessbefehl/

Klaus Gietinger, November 1918:

https://edition-nautilus.de/programm/november-1918-der-verpasste-fruehling-des-20-jahrhunderts/

Ein Interview zum Thema von Klaus Gietinger in der Frankfurter Rundschau, das sich angenehm von dem von Mark Jones abhebt:

http://www.fr.de/kultur/rosa-luxemburg-und-karl-liebknecht-es-wurde-offen-zum-mord-aufgerufen-a-1636444

Bernd Langer: Die Flamme der Revolution

https://unrast-verlag.de/die-flamme-der-revolution-detail

13:03 28.12.2018
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