Der Junge aus Immenstadt

Klaus Nomi Im Theaterdiscounter wurde eine 90minütige Lecture geboten, die sich der Obduktion dieser Kunstfigur widmete.
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Knapp 4 Minuten lang ist das YouTube Video (https://www.youtube.com/watch?v=3hGpjsgquqw), auf dem Klaus NomiseinenColdsong am 9. Dezember 1982 vortrug. 7 Monate später ist er an Aids gestorben, wie so viele junge Menschen in diese Zeit, die ihren Ausbruch aus der bürgerlichen Kleinfamilie in der Kultur suchten. Mehr als 37 Jahre nach seinen Tod beschäftigt Nomi noch immer die Kunstszene. Mehrere Filme über sein Leben und seine kurzeKünstlervita sind erschienen. Am Samstag und Sonntag gab es im Theaterdiscounter eine sehr kurzweilige Beschäftigung mit dem Phänomen, die den passenden Titel „Obduktion einer Kunstfigur“ trägt. Es war eine Lecture über den Mythos Klaus Nomi mit Videoeinlagen, Gesang und Lesung. Am Anfang sehen wir das kurze Video, dass sehr genau analysiert und seziert wird. Die Sequenzen werden angehalten, um Nomis Gesicht in Großaufnahme zu zeigen. Schließlich vertreten in der Lecture der Regisseur Jens Bluhm und die Theaterwissenschaftlerin Lena Carle die These, dass Nomi schon von seinen nahem Tod wusste und diesesWissen in seinen maskenhaft erstarrten Gesicht und den aufgerissenen Augen zu sehen wären Dem widerspricht Meredt Nicolle, die zunächst eine kurze Einführung in den Beruf des Contertenors gibt, der Ende der1970er/ Anfang der 1980er JahrenKonjunktur hatte. Es war der Vorschein der Eventgesellschaft.Nichts mehr sollte ernst genommen werden, alles wurde Spielgeld und Projekt. Nicht mehr die Gesellschaftsveränderung stand auf der Agenda sondern Spaß und Zynismus. Klaus Nomi war einer der Erfolgreichsten unter den Countertenoren, der auch gleich nach seinen schnellen Aufstieg in den USA seinen Freundeskreis wechselte.

Erinnerung an den Diskurs über den Corona-Virus

Trotzdem blieb der für Manche, der Junge aus Immenstadt, der mit bürgerlichen Namen Klaus Sperber hieß und eine Konditorlehre absolviert hatte. Der abgewandelte Tellerwäschertraum von Konditor in die Welt von Glanz und Glamourträgt wohl zum großenTeil den Nomi-Mythos. Auch in der Lecture kommt man immer wieder darauf zurück, bleibt aber bei etwas oberflächlichen Namenspielen hängen. Immer wieder kommen Sperber ins Bild. Doch was sollen sie beweisen? .Beeindruckend ist die kurze Lesung eines Textes von Susan Sonntag, in dem sie, die damals eine Krebserkrankung überwunden hatte, kluge Gedanken über das Verhältnis zwischen Krebs und Aids machte und auch kurz auf die Syphilis eingegangen ist. Sonntag befasst sich vor allem mit der gesellschaftlichen Funktion dieser Krankheiten und stellt fest, dass Krebskranke im Gegensatz zu Aids-Patient*innen nicht mehr stigmatisiert werden. Vieles, was Sonntag damals über die gesellschaftliche Funktion von Aids schrieb, würde heute auch auf den Corona-Virus passen. Das Bedürfnis, eine Gefahr, die angeblich von außen kommt, zu benennen und so ein nationales Kollektiv zu formen, gibt es auch hier. Es wird sich zeigen, ob es im Fall der Corona funktioniert. Beim Theaterabend werden wir informiert, dass Sonntag und Nomi sich nie begegnet sind. Das Verbindende seien die Krankheitsgeschichten. Susan Sonntag stirbt erst viele Jahre später an Krebs, ihre letzten Wochen wurden von ihrer Freundin, der Fotografin Anne Leibovitz , festgehalten. Über die letzten Tage von Klaus Nomi hingegen wissen wir nichts. Es gibt nur den Bericht eines Freundes, der erzählt, wie Nomi an seinen Körper die Aids-Symptome entdeckt und sagt: "Verdammt, jetzt hat es mich erwischt."

Schwaches Ende der Lecture

Klaus Nomi verschwand ohne Spurenin den Raum, heißt es mit Bezug auf das damals populäreOutfit eines imaginierten Marsmenschen. Da fällt einen sofort David Bowie ein, der Nomi bekannt gemacht hat und dann viel später auch kurz vor seinen Krebstod Songs aufnahm, die wohl für viele seiner Fans Todesnähe zeigen. Es ist schade, dass die Lecture nicht mit der Lesungdes Sonntag-Textes beendet wurde. Denn die letzten 15 Minuten fallen stark. Da wird das Video gezeigt, dass eine Frau im Todeskampf zeigen soll. Nur was hat es mit Nomi zu tu? Über seine letzten Tage wissen wir nichts. Er ging ohne Spuren, hieß es richtig. Daher ist es unverständlich, warum man diese Leerstelle nicht künstlerisch darstellt, in dem hinterher eben Schweigen ist.Es ist schade, dass die sehrzum Nachdenken Anregende Lecture am Ende beliebig wurde.

Peter Nowak

Link zur Theaterlecture:

https://theaterdiscounter.de/stuecke/obduktion-einer-kunstfigur-klaus-nomi

03:15 02.03.2020
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