Der vergessene Terror im März 1919 in Berlin

Dietmar Lange Der Berliner Historiker widmet sich einem Massaker an streikenden Arbeiter_innen im März 1919, von Freikorps und rechte SPD-Politikern verantwortet.
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Die blutige Niederschlagung der Arbeiteraufstände im Januar 1919 ist einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Damals waren auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht neben Tausenden anderen Arbeitern ermordet worden. Doch der Terror gegen die Menschen, die die Ziele der Novemberrevolution vorantreiben wollten, ging danach weiter. Jetzt hat der Berliner Historiker Dietmar Lange mit seinen im Verlag Edition Assemblage erschienen Buch „Massenstreik und Schießbefehl“ einen wichtigen Beitrag zur Erforschung geleistet. Es hat den Generalstreik und die Kämpfe in Berlin im März 1919 zum Thema. Im ersten Kapitel skizziert Lange den politischen Kontext, in dem die Aktionen standen. „Die Massenbewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter erreichte also eigentlich erst im Frühjahr 1919 ein über die kapitalistischen Verhältnisse hinausreichendes Stadium, mit einer gleichzeitigen Reflexion der Potenziale ihrer Selbstorganisation in den Räten“.

War noch im Dezember 1918 ein Großteil der organisierten Arbeiter für eine Vereinigung der infolge des 1. Weltkrieges gespaltenen deutschen Sozialdemokratie eingetreten, so hat bald eine Radikalisierung der Massen eingesetzt. Sie mussten erleben, wie die SPD-Führung, alles unternahm, um die Revolution mit Hilfe der alten gerade abgesetzten Mächte zu unterdrücken. Zudem wurden die Räte als gewählte Organe der Arbeiterschaft immer mehr an den Rand gedrängt. Gleichzeitig hatte sich die soziale Situation der Berliner Lohnabhängigen weiter verschlechtert, wie Lange auf der Grundlage von Zeitzeugenberichten darlegt. Mit der Streikbewegung wollten die Räte die Sozialisierung der Schlüsselindustrie vorantreiben, aber auch die unmittelbaren Lebensbedingungen der Lohnabhängigen verbessern. Es war ein letzter Versuch, die Ziele der Revolution zu retten. Denn längst waren ihre Gegner wieder erstarkt.

Lange hat auch untersucht, wie sich das Berliner Bürgertum organisierte, um die alte Ordnung möglichst schnell wieder herzustellen. So trafen sich schon am 10. Januar 1919 „40 bis 50 Vertreter von Banken, Industrie und Gewerbe …, wo nach einem Vortrag des führenden antikommunistischen Agitators und Vorsitzenden der antibolschewistischen Liga, Edward Stadler, ein Fonds zur Niederschlagung der Revolution mit mehreren Millionen Mark ausgestattet wurde“. Es wurde zum weiteren Aufbau der Freikorpsverbände und Bürgerwehren genutzt, die auch im März 1919 wieder zu ihrem blutigen Einsatz kommen sollten. Lange ging detailliert auch die Straßengewalt, die parallel zum Generalstreik in einigen Berliner Stadtteilen begann. Sämtliche politische Gruppen, auch die junge KPD hatten sich davon distanziert. Lange verweist auf schon damit verbreiteten Thesen ein, dass diese Aktionen von der Konterrevolution bezahlt wurde, um die Streikbewegung zu diskreditieren und einzuschränken. Tatsächlich traten mit Verweis auf die Unruhen Sondergesetze in Kraft, die sogar die Verbreitung einer eigenen Streikzeitung verbot. Der Autor geht auch auf die Schwierigkeiten der Streikbewegung ein, die eigenen Fehlern geschuldet sind. So konnten zahlreiche Delegierte nicht zu den Versammlungen kommen, weil auch der Berliner Nahverkehr bestreikt wurde. Zudem begann in Berlin der Streik erst seine Wirkung zu entfalten, als er in anderen Teilen Deutschlands, wie im Ruhrgebiet und in der Region um Halle-Merseburg schon zu Ende war. Nachdem der Streik nach sechs Tagen abgebrochen wurde, wütete der Terror der Freikorps und Bürgerwehren noch wochenlang in Berlin. Zu den Opfern gehörte auch der langjährige Weggeführte Rosa Luxemburgs Leo Jogiches. Der Parteivorsitzende der KPD wurde im März 1919 aus seiner Neuköllner Wohnung verschleppt und im Untersuchungsgefängnis Moabit durch einen Kopfschuss getötet. Lange zeigte an vielen Beispielen auf, wie im März 1919 jener Terror in Berlin Einzug wütete, der 14 Jahre später nach der Machtübertragung an die Nazis Alltag werden sollte. Schon Sebastian Haffner hat den Zusammenhang hergestellt, der vom Freikorpsterror bis zu den Massenmorden des NS-Regime hergestellt. Lange hat mit seinem gut lesbaren Buch diesen Befund faktenreich untermauert.

Peter Nowak

Lange Dietmar, Massenstreik und Schießbefehl, Generalstreik und Märzkämpfe in Berlin 1919, Edition Assemblage, Münster 2012, 176 Seiten, 19,80 Euro, ISBN: 978-3-943885-14-0

http://www.edition-assemblage.de/generalstreik-und-marzkampfe-in-berlin/

Veranstaltung Berlin und Stadtspaziergang in Friedrichshain zum Buch

14.03.2013, 19 h, Rosa Luxemburg Stiftung (Franz Mehring Platz 1)
Buchvorstellung mit Dietmar Lange: „Das vergessene Massaker in Berlin“

http://www.rosalux.de/event/48020/das-vergessene-massaker-in-berlin.html

17.03.2013, 15 h, Treffpunkt U-Bhf. Weberwiese (vor Allianz-Gebäude)
Historischer Spaziergang zu den Märzkämpfen 1919

Infos: http://www.antifa-fh.de.vu/

13:59 13.03.2013
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