Deutsch, deutscher, Mittenwald!

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Der ehemalige Chef der rechtsextremen Deutschen Volksunion müsste eigentlich mit der Mehrheit der Einwohner und politisch Verantwortlichen im bayerischen Örtchen Mittenwald sehr zufrieden sein. Sehnt er sich noch immer nach der Zeit zurück, wo Deutschland noch nicht mit Sühnemalen zugepflastertist,wie er sich in dem typisch rechten Jargonin seiner Deutschen Nationalzeitung ausdrückt.

Nur wenige Tage vor seinem Kommentar ließen die politisch Verantwortlichen in Mittenwald ein Mahnmal für den NS-Opfer entfernen, das am Pfingstsamstag von dem antifaschistischen Bündnis „AK angreifbare Traditionspflege“ gemeinsam mit Überlebenden aus NS-Konzentrationslagern aufgestellt worden war.

Es sollte speziell an die Verbrechen erinnern, die von den Gebirgsjägern der deutschen Wehrmacht während des 2.Weltkriegs in europäischen Ländern begangen wurden. Die Steine für das Mahnmal stammen aus den Ruinen des italienischen Dorfes Falzano di Cortona, das am 27. Juni 1944 von deutschen Gebirgsjägern zerstört wurde. Dabei sind 14 Dorfbewohner ermordet worden.
Sabine Hermann vom AK Angreifbare Traditionspflege nennt die Demontage einen Affront gegen die Überlebenden und die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen.

Ein Großteil der Bevölkerung lehne noch immer eine Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen ab. Diese Ignoranz sei schon bei der Denkmaleinweihung deutlich geworden. So wurde der Auschwitzüberlebende Maurice Cling, der nach dem Todesmarsch von Dachau am 1. Mai 1945 von den Alliierten in Mittenwald befreit worden war, von keinem Vertreter des Ortes offiziell begrüßt. Cling hatte bei der Denkmalaufstellung erklärt, dass es auch stellvertretend für die Menschen enthüllt werde, die auf dem Todesmarsch ermordet wurden. Erst mit diesem würdigen Gedenken sei für ihn der Todesmarsch beendet.


Resistent gegen Geschichtsaufklärung


Doch die Mehrheit der Bevölkerung in Mittenwald will davon bisher nichts hören. Statt dessen ist der Ort noch immer ein alljährlicher Treffpunkt der Gebirgsjäger. In diesem Jahr fand es Mitte Mai statt. Das Bündnis „angreifbare Traditionspflege“ mobilisiert seit Jahren mit zunehmender internationaler und bundesweite Resonanz dagegen. Mit der Enthüllung des Mahnmals sollte eigentlich den Schlusspunkt unter diese Kampagne gesetzt werden. Davon könne nach der Demontage des Denkmals keine Rede mehr sein. Mittlerweile haben auch internationale Verfolgtenorganisatoren von der Entfernung des Mahnmals erfahren und fragen bei den verantwortlichen Politikern irritiert nach, was dort eigentlich los ist.

Denn tatsächlich haben in Deutschland in den letzten 20 Jahren auch die konservativsten Deutschlandfans gelernt, dass ein würdiges Gedenkenan die NS-Verbrechen die Grundlage für die angestrebte „selbstbewusste Nation“ ist.Dabei gab es allerdings immer wieder Pannen, wenn mancher rechte Unionspolitiker aus der Provinzseine wahre Gesinnung zu offen zeigte.Meistens griffen dann höherePolitchargen ein, um das Schlimmste zu verhindern. So wollte die deutschtümelndeCDU im BerlinerStadtteil Steglitz lange Zeit pardounicht einsehen, warum auf den dortigen Marktplatz ein Mahnmal für die in der NS-Zeit deportierten und ermordeten Steglitzer Jüdinnen und Juden errichtet werden sollte. Nachdem diese Verweigerungshaltungauch im Ausland wahrgenommen wurde, rief die Berliner Landesregierung, die damals noch von der Union gestellt wurde, ihre geschichtsvergessenen Parteifreunde zur Räson.

Kompromiß in letzter Minute?

Es ist nicht bekannt, ob die Münchner CSU-Zentrale gerade in ähnlicher Mission unterwegs ist, um die geschichtpolitischen Provinzler zu bearbeiten. Am 23. Juni dürften wir mehr wissen. Dann willder dortige Gemeinderat über die Zukunft des Denkmals beratschlagen. Es sollen schon Kompromissvorschläge debattiert werden, nach denen das Mahnmal nicht am Bahnhofsplatz aber an einem andere Ort errichtet werden soll. Schließlich wissen die Mittenwalder auch, dass eine Stadt, die so sehr vom Tourismus abhängig ist, schon aus Eigeninteresse etwas kritisches Geschichtsbewusstsein zeigen muss. Blieben sie stur, dürften ihnen die Leser derNationalzeitung als Touristen treu bleiben. Doch, wollen die Mittenwalder wirklich eine Art Freiluftmuseum für die hässlichen Deutschen abgeben?


Peter Nowak

15:44 22.06.2009
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