Die Gewalt der Vereinigung

zweiteroktober90 Während heute die "friedliche Vereinigung" gefeiert wird, erinnert eine zivilgesellschaftliche Initiative an die Opfer.
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Auf der Homepage https://zweiteroktober90.dewird an die erinnert, denen am 3. Oktober 1990 nicht zum Feiern zu Mute war, weil sie um ihr Leben fürchten mussten. Der größte rechte Angriff am Vorabend des 3.10.1990 fand in Zerbst in Thüringen statt. Dort belagerten fast 200 Neonazis ein besetztes Haus und zündeten sich an. Die 17 jugendlichen Besetzer konnten erst in letzter Minute vom Dach des brennenden Hauses gerettet werden und mussten teilweise schwer verletzt ins Krankenhaus.

Auf der Homepage wird aus einen Brief einiger der Besetzer ans Antifaschistische Infoblatt wenige Tage nach dem Überfall zitiert:

„Zerbst ist eine Stadt, in der es von Möchtegern-Nazis nur so wimmelt. Wir, das sind ungefähr 20 Leute zwischen 13 und 18 Jahren, haben uns vor einem halben Jahr zusammengeschlossen, weil es auf den Straßen zu gefährlich wurde. Zu unserer Gruppe gehören Wakes, Punks und Normalos. Die Hälfte sind Mädchen. Es gab des Öfteren Zusammenstöße zwischen uns und den Rechten.“

Homepage zweiteroktober90.de

Auch in Weimar (https://zweiteroktober90.de/weimar/) kam es am 2.10 1990 zu einen Naziüberfall auf ein besetztes Haus in der Gerberstraße, das noch heute mit Verträgen als linker Anlaufpunkt in der Stadt besteht. Rechte Randale gab es vor 30 Jahren auch in den Innenstädten von Magdeburg und Leipzig. Auf der sehr benutzerfreundlich gestalteten Homepage finden sich auch viele Originaldokumente, darunter Zeitungsausschnitte aus der Regionalpresse und Foto der Betroffenen.

In die überregionale Presse haben es die Angriffe vor 30 Jahren größtenteils nicht geschafft. Höchstens wurden einige Zeilen wurden auf den hinteren Seiten vermeldet. Schließlich war Deutschland in Feierlaune und wollte sich die patriotische Aufwallung von niemand verderben lassen.

Ein Tag im deutschen Herbst vor 30 Jahren

Die Erinnerung an die Opfer der Vereinigung ist umso verdienstvoller, weil sie einen Kontrapunkt zur dominanten Erzählung vom Sieg der friedlichen Revolution setzt. Für die Opfer der rechten Gewalt waren diese Zeiten gar nicht so friedlich. Das Redaktionsteam hat einen entscheidenden Tag herausgegriffen. Doch es wir betont, dass es hier einen Höhepunkt gab, aber dass die Gewalt ihre Vorläufer hatte und natürlich weiter ging. Es begannen die sogenannten Baseballschlägerjahre, wie im linksliberalen Medien die Zeit hieß, als Jugendliche, die anders als die rechte Norm waren, Angst haben mussten.

Auf der Homepage heißt es zum gesellschaftlichen Kontext:

„Die Angriffe vom 2. und 3. Oktober 1990 hatten sich im Vorfeld angebahnt und waren entsprechend absehbar. In den Monaten zuvor hatten Neonazis am Rande gesellschaftlicher Großereignisse wie dem Himmelfahrtstag oder der Fußball-WM immer wieder Linke und Migrantinnen und Migranten attackiert. Zudem hatten sie für den 2. und 3. Oktober 1990 solche Angriffe konkret angekündigt. Sowohl der Staat als auch die Bevölkerung als auch die Presse wussten also davon und konnten sich darauf einstellen.“

https://zweiteroktober90.de

Peter Nowak

00:55 03.10.2020
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