Die Jahre vor dem Aids-Horror

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zwei Ausstellungen in Berlin widmen sichden indivuduellen Aufbrüchen der späten 70er Jahre


Die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten wird meist mit Spießigkeit und Biedermeiner konnotiert. Doch im Jahr 2011, wo auch der gesellschaftliche und politische Aufbruch längst in die Jahre gekommen ist, hat sich auch die Bedeutung des Begriffes verändert. Für Queers sowie Schwule und Lesben sind die guten alten Zeiten die späten 70er undfrühen 80e Jahre, die mit Ausbreitung des HIV-Virus zu Ende gegangen waren. Diese Sehnsucht ist auch bei jüngeren Menschen, die damals noch gar nicht geboren waren, durchaus vorhanden. Dass zeigt sich deutlich an dem großen Publikumsinteresse an zwei Ausstellungen über diese Zeit, die zurzeit in Berlin zu sehen sind. In der Berlinischen Galerie sind noch bis zum 28.3. Fotos der US-Journalistin Nan Godin zu sehen. Sie hatte mit 14 Jahren ihr Elternhaus verließ und lebte in den späten 70er Jahren zunächst in der Bostoner und dann in der New Yorker Subkulturszene zusammen mit Drag Queens, Transvestiten und Homosexuellen. In ihren Fotos wird die Stimmung in dieser Szene durchaus deutlich. Junge Leute, die mit wenig Geld und viel Begeisterung ihre Geschlechterrollen tauschen, Drogen nehmen und auf Partys abhängen. Als der HIV-Virus immer mehr dieser Menschen infizierte, war die Party zu Ende. Auch diese Jahre des Horrors, der dadurch in dieser hedonistischen Szene hervorgerufen wurde, werden in den Fotos und mehr noch in dem Begleitfilm zu der Ausstellung deutlich. Viele ihrer abgelichteten Freunde sind tot, Nan Goldin gehört dagegen zu den Überlebenden.

Mapplethorpes Rollenspiele


Vielleicht hat sie in ihren Jugendjahren auch Robert Mapplethorpe kennengelernt. Der 1946 in New York geborene und 1989 in Boston an Aids gestorbene Fotograf wurde Anfang der 80er Jahre als Künstler bekannt. Das C/O Berlin widmet ihm im Alten Postfuhramt eine Retrospektive, die noch bis zum 27. sehen ist. Auch in seinen Bildern wird der Enthusiasmus junger Menschen jener Jahre deutlich, die mit verschiedenen Geschlechterrollen experimentierten und Kunst und Leben verbinden wollten.

In einem eigenen Raum sind die Fotosvon Mapplethorpes Freundin Patti Smith ausgestellt, die auch auf den Cover ihrer ersten Platten zu sehenwaren. Doch dominieren in der Ausstellung die Selbstporträts, für die sich der Künstler in die verschiedenen Rollen schlüpfte. Das wird auch in den Detailfotos von seinen Arm deutlich, wo er einmal mit Manschetten abgelichtet ist. In der ersten Etage finden sich die Fotos, mit denen Mapplethorpe seinen beruflichen und künstlerischen Erfolg begründete. Darunter sind Aufnahmen von Künstlern wie Grace Jones und Philipp Glass ebenso wie die körperbetonten Aufnahmen von Sportlern, mit denen der Fotograf den endgültigen Durchbruch schaffte.

Keine Welt außerhalb

Die Arbeiten von Goldin und Mapplethorpe haben bei allen biografisch und künstlerisch bedingten Unterschieden eine Gemeinsamkeit, die beim zeitnahen Betrachten der Ausstellung besonders auffällt. In beiden Expositionen ist das Gesellschaftliche völlig abwesend. Es gibt scheinbar keine Welt außerhalb des Individuums. Damit geben sie eine Geisteshaltung wieder, die in sich in den späten 70er und frühen 80er Jahren in der Subkultur der USA ausbreite. Bis auch hier der HIV-Virus die Existenz einer Gesellschaft mit aller Brutalität bewies und die Szene aufrüttelte.



Peter Nowak

NAN GOLDIN – BERLIN WORK. Fotografien 1984 bis 2009

Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin-Kreuzberg, 20.11.2010 – 28.03.2011, Mi bis Mo, 10:00 bis 18:00 Uhr


Die Retrospektive von RobertMapplethorpe im C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36, 10117 Berlin ist noch bis zum 27. März 2011 zu sehen.

15:56 15.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare