Die Juden von Rhina

Jetzt nach so viel Jahren Der Film ist ein Zeitdokument über ein noch nicht wiedergutgemachtes Deutschland, in einer Zeit als die Täter*innengeneration noch die Diskussionen bestimmte
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Das Dort Rhina in Osthessen dürfte kaum jemand kennen. Doch vor fast 40 Jahren stand es für kurze Zeit im Fokus einer Debatte über die Vedrängung der Shoah und denAntisemitismus einer Dorfgemeinschaft, die nicht gehört und nicht gesehen haben will, wie die Juden geschlagen, misshandelt und vertrieben wurden. Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, der damals in Bad Hersfeld ein Buch Café betrieb, hatte darüber den Roman Saumlos (https://www.drift-books.de/rezensionen/belletristik/bel/archive/2012/august/article/15/peter-o-chotjewitz-saumlos-verbrecher-verlag.html), dasder Verbrecher-Verlag wieder herausgeben hat. Das Buch motivierte den Filmemacher Pavel Schnabel seinen Film „Jetzt, nach so viel Jahren“ (https://www.filmportal.de/film/jetzt-nach-so-viel-jahren_59800e96aa644f368ebcd91a7786fb90) zu drehen. Kürzlich wurde er im Filmhaus Arsenal in Anwesenheit von Pavel Schnabel erneut gezeigt. Er hat auch nach fast 40 Jahren nichts von seiner Eindringlichkeit verloren. Der Film beginnt mit dem Auszug aus einen Aufsatz eines jüdischen Mädchens von 1929. Sie beschreibt Rhina als den einzigen preußischen Ort mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit.Die Pogrome, mit denen die jüdische Mehrheit aus dem Dorf vertrieben wurde, fanden in Rhina bereit 1935 statt. Der Film zeigte das Dorfleben 1981, es wurden Menschen interviewt, die über die Juden fast noch so redete, wie im Nationalsozialismus. Zudem betonten fast alle Bewohner, dass sich an den Pogromen keine Einheimischen beteiligt hätten. Einigezeigten in den Gesten und dem Gesichtsausdruck, dass sie sie das selber nicht glaubten. Nur einige jüngere Menschen, noch im Schulalter, äußerten vor der Kamera leichte Zweifel an dem Mythos von den auswärtigen Männern, die die Juden von Rhina vertrieben und dann wieder verschwanden. Die Filmemacher machten sich auf der Suche nach den Überlebenden, fanden einige in den USA, darunter auch die Verfasserin des Schulaufsatzes von 1929.Dort erfuhren die Filmemacher, wie eine antisemitische Dorfgemeinschaft gegen die Juden vorging und die Überlebenden nannten auch Namen und die Funktionen. So stellte sich schnell heraus, dass einige derer, die nichts gewusst haben wollten, ganz aktiv beim Pogrom dabei waren. Die Filmemacher kommen mit diesen Videos zurück nach Rhina und laden zur Vorführung in die Schule ein .Es der Höhepunkt des Films. Man kann sehen, wie die gesamte Dorfgemeinschaft in Sonntagskleidung zur Vorführung geht, es war ja am Anfang nicht angekündigt worden, welchen Inhalt die Interviews haben. Wir sehen wie die Gesichter der Dorfgemeinschaft erstarrt, niemand geht weg. Es gab erst einmal großes Schweigen und dann die wütende Ansage an die Filmemacher, dass man ihnen doch von Anfang an klipp und klar gesagt habe, dass keine Einheimischen an den Pogromen beteilig waren. Nur die schüchternen Jugendlichen, die anfangs leichte Zweifel an der Saga vom unschuldigen Dorf äußerten, wurden jetzt mutiger und wagten auch mal einen Zwischenruf gegen allzu selbstgerechte Verteidiger des Dorfes. 1988 hatte Renate Chotjewitz Häffner unter den Titel „Die Juden von Rhina“ die Geschichte nachgezeichnet

Rhina war überall

Wenn man heute den Film sieht, blickt man in eine andere Zeit. Man sieht Szenen aus dem noch nicht wiedergutgemachten Deutschland.Die NS-Täter von damals kamenins Rentenalter, bestimmten aber noch den Dorfalltag.Sie lasen die Nationalzeitung, die das Ziel hatte, Altnazis im antibolschewistischen Kampf mit der Westbindung der BRD zu versöhnen. Manche wählten dieNPD, die inBad Hersfeld, in der Nähe von Rhina immer einige Mandate hatte. Das Ehepaar Zutt vertrat die NPD über Jahre im Stadtrat und mit NPD-Taten wurde in den 1980er Jahren soga en CDU-Bürgermeister Böhmer gewählt, was zu einer internationalen Aufschrei führte. Andere wählten die CDU, die in Hessen unter Alfred Dreggereinen betont deutschnationalen Kurs gefahren ist. Es war auch die Zeit, als der Shoahüberlebende Joseph Wulf Suizid verübte, weil er mit seiner Forschung über den NS überall auf Widerstände stieß. Posthum wird er heute als Pionier der NS-Aufarbeitung gewürdigt. Es war auch die Zeit, als ein Franz Joseph Straußsagen konnte, das wirtschaftlich erfolgreiche Deutschland wolle mit Recht vom NS und von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen. Daher war die Wiederbegegnung mit dem Film Jetzt, nach so vielen Jahren" auch eine Zeitreise in eine gar nicht so ferne Vergangenheit. Die wird heute, wo Deutschland sich als Aufklärungsweltmeister geriert und damit Machtpolitik betreiben will, ist es wichtig, an diese Zeit zu erinnern, als die Erforschung der NS-Vergangenheit fast als Verrat galt . Borjana Gaković hat bei der Vorführung im Kino Arsenal sehr prägnant auf die Aktualität des Films hingewiesen. Die NSU-Mordserie und der Lübcke-Mord sind nur die aktuellsten Stichworte. Der Film zeigt auch, dass das Gerede vom Rechtsruck Ideologie ist. Die Rechte war nie weg und sie war immer mitten in der Gesellschaft bzw. mitten in Rhina. Der Filmemacher Pavel Schabel berichtete, dass das Filmteam vor der Vorführung in Rhina schon das Szenaria einer möglichen Flucht überlegt hatten, denn es hätte sein können, dass der Zorn der Dorfgemeinschaft sich gegebn sie richtet. Dazu ist es dann nicht gekommen und vor einigen Jahren sei der Film noch mal in Rhina aufgeführt worden und die Stimmung sei wesentlich Angenehmer gewesen. Vielleicht ist das auch einigen der Jugendlichen zu verdanken, die 1981 den Mythos vom unschuldigen Dorf schüchternen Widerspruch entgegensetzten. So könnte der Film doch etwas bewirkt haben.

Peter Nowak

02:44 26.01.2020
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