Die kleinen Dinge der Hausbesetzer*innen

Häuser besetzen sowieso So heißt es eine Ausstellung in der Alten Feuerwache Friedrichshain, die einen besonderen Blick auf eine oft kriminalisierte oder mystifizierte Bewegung wirft
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Das Plakat erinnert an ein Straßenfest gegen Verdrängung am 30. November 1991 in der Mainzer Straße. Doch dieses Event hat es niemals gegeben. Das im Punktstil gezeichnete Plakat war vor 30 Jahren mit dem Ziel produziert worden, ein Jahr nach der mit massiver Polizeigewalt durchgesetzten Räumung von 12. Häusern in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain etwas Unruhe bei den Verantwortlichen zu erzeugen. Es ist nicht bekannt, ob das gelungen ist. Auch das Fake-Plakat dürfte längst vergessen sein. Doch in der Ausstellung „Häuser besetzen sowieso“, die noch zum 2. Mai von Freitag bis Sonntag im Projektraum der Alten Feuerwache in Berlin-Friedrichshain zu sehen ist, befindet es sich unter den ausgestellten Utensilien. Ein Ausstellungsbesuch lohnt gerade deshalb, weil hier nicht die bekannten Plakate und Szenen, die man schon immer mit der Besetzer*innenbewegung verbunden sind, zu sehen sind. Nein, dort finden sich nicht die zu Symbolen und Mythen geronnenen Szenen. Insofern ist die Exposition tatsächlich „mehr als 30 Jahre Hausbesetzerbewegung“, wie es im Untertitel heißt. Viele Fotos stammen von Marko Krojac, der ganz dicht an der Bewegung dran war und noch heute in einem der damals besetzten und später legalisierten Hausprojekte lebt. Ganz nah dran war auch die Gruppe, die die Ausstellung konzipierte, darunter der Historiker Dirk Moldt und Paul Geigerzähler, die noch heute in Hausprojekten leben, die es ohne die Besetzer*innenbewegung vor mehr als 30 Jahren gar nicht gegeben hätte.

Bis in die Gegenwart

Lobenswert auch, dass Besetzungen in der Ausstellung nicht als etwas Vergangenes dargestellt werden. Es gibt eine Tafel zur Rigaer Straße 94, die noch immer die Law and Order-Politiker*innen fast aller im Berliner Abgeordnetenhaus zur Weißglut treibt. Da twittert der SPD-Poltitiker Tom Schreiber nicht anders als die AfD und der völkische Beobachter der Boulevardpresse. Die Ausstellung zeigt Szenen aus dem Alltagsleben von Besetzer*innen, Feiern aber auch Demonstrationen und Nachtwachen gegen Neonazis. Manche Räumungen, die in den letzten 30 Jahren für kurze Aufregung sorgten und schnell vergessen wurden, sind hier noch einmal festgehalten. Darunter ist auch die Räumung der Liebigstraße 14, die sich am 4. Februar dieses Jahres zum 10 Mal jährte. Der Termin ist im Coronawinter 2021 auch in der linken Bewegung untergegangen, obwohl sich das Haus direkt gegenüber der im Oktober 2020 geräumten Liebigstraße 34 befindet. Am ersten Jahrestag der Räumung gab es noch eine Zombieparade, wie die Ausstellung zeigt. Zudem sind dort einige der sehr kreativen Plakate zu sehen, die vor der Räumung in ganz Berlin hingen. Es ist nicht die einzige Räumung, die nach einer langen letztlich vergeblichen Mobilisierung zu ihrer Verhinderung, dann erstmal vergessen wurde. Das ist auch gar nicht verwunderlich, denn solche Räumungen sind auch ein traumatisierendes Erlebnis für die Bewohner*innen und Unterstützer*innen. Besonders eindringlich sieht man das an der Räumung der Mainzer Straße vor nunmehr über 30 Jahren. In der Ausstellung sieht man ein Foto, wie eine nicht erkennbare Person auf einer Trage durch ein Kriegsgebiet getragen wird. Die beiden Trägerinnen wirken unendlich traurig, aber auch entschlossen. Man könnte denken, es ist ein Bild aus Rojava.

Die kleinen Dinge

Den Macher*innen des Alltags ist zu danken, dass sie sich den kleinen Dingen des Besetzer*innenalltags gewidmet haben. Da ist eine Uhr, die von der Bäckerei des Vaters eines Ex-Besetzers der Villa Felix in der Schreinerstraße in Berlin-Friedrichshain in den Ausstellungsraum gefunden hat. Auch eine Sperre mit dem Namen Kontrollpunkt, die am Eingang einer gleichnamigen längt vergessenen Besetzer*innenkneipe in Berlin-Friedrichshain stand, fällt im Ausstellungsraum sofort ins Auge. Und dann steht dann auch noch ein Polilux, ein Overheadprojektor aus DDR-Produktion, der wohl für einige Jahre gute Dienste bei autonomen Veranstaltungen geleistet hat. Da könnte noch viel mehr genannt werden. Doch schaut selber. Die Ausstellung kann im Internet besucht werden. Doch seit einigen Wochen kann sie von Freitag – Sonntag von 11- 18 Uhr auch wieder direkt besucht werden. Sie ist kostenlos, doch wegen Corona ist eine vorherige Anmeldungen erforderlich. Für Manche wird ein Besuch Erinnerungen auffrischen, für Andere bietet sie ein ersten Einblick in das Leben der Besetzer*innen. Die Ausstellung ist neben dem Buch „Traum und Trauma - Die Räumung der Mainzer Straße vor 30 Jahren“ von Jakob Sass und vier weiteren Historiker*innen und dem Erlebnisbericht, des Türöffners der Liebigstraße 34 unter dem Titel „Stino, Von West nach Ost durch Berlin 1990“ ein weiterer Beitrag dazu, dass die Geschichte der Berliner Besetzer*innenbewegung keine Fußnote der Geschichte wird sondern lebendig bleibt.

Peter Nowak

Infos zur Ausstellung und der Anmeldung:

http://www.alte-feuerwache-friedrichshain.de/alte-feuerwache/projektraum.php?DOC_INST=3

Hier geht es zum virtuellen Rundgang:

https://besetzensowieso.de

21:32 26.03.2021
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