Ein Blick hinter die WM-Kulissen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community


Ambacher Jens Erik, Khan Romin, Südafrika – die Grenzen der Befreiung, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg, April 2010, 263 Seiten, ISBN 978-3-935936-60-6

Die ersten Werbesymbole für die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika sind mittlerweile auch in deutschen Städten aufgetaucht. Doch, wer das Event zum Anlass nehmen will, um sich über die sozialen und politischen Verhältnisse des Landes am Kap der Guten Hoffnung zu informieren, der greife statt zu WM-Broschüren besser zu einem kürzlich im Verlag Assoziation A erschienenen Buch. In 17 Aufsätzen geben südafrikanische Wissenschaftler und Aktivisten von sozialen Bewegungen einen kurzen Überblick über ein Land, das bis zum Ende der Apartheid im Focus der internationalen Linken stand.
Die WM wird nur in zwei von Romin Khan geführten Interviews gestreift. Während der Historiker Achille Mbembe moniert, die Regierung habe mit der konkreten Ausgestaltung der WM eine Chance auf eine Gesellschaftsumgestaltung verpasst hat, berichtet der aus Kongo stammende Straßenfriseur und soziale Aktivist Gaby Bikombo, was die WM für die Armen bedeutet. Um die Vorgaben der FIFA zu erfüllen, sollen Bikombo und seine Kollegen während des Fußballevents von den Straßen verschwinden. Solche unterschiedlichen Sichtweisen stehen in dem Buch häufiger nebeneinander. Damit machen die Herausgeber deutlich, dass es im heutigen Südafrika nicht die eine Lesart der Gesellschaft gibt.
Was aber in den unterschiedlichen Beiträgen angesprochen wird, sind die Probleme von sozialen Bewegungen, die in den letzten Jahren des Apartheid-Regimes gewachsen sind und später zum großen Teil vom mächtigen ANC kooptiert oder an den Rand gedrängt worden sind. Dass dafür aber auch interne Probleme verantwortlich sind, zeigt Stephen Greenberg am Scheitern der Landlosenbewegung und Prishani Naidoo an den internen Konflikten des Antiprivatisierungsforums.
Allerdings kommen in dem Buch auch kritische ANC-Mitglieder zu Wort, wie der Anti-Aids-Aktivist Zackige Achmad. Er sieht die Partei noch immer als ein Bollwerk gegen Xenophobie und Rassismus. Achmad und die Aktivistin Manisa Mali zeichnen in ihren Beiträgen ein wesentlich differenziertes Bild von der Aids-Politik der ANC-Regierungen, als ein Großteil der hiesigen Medien. So sehr die Ignoranz vom vorletzten Präsidenten Mkebi und seiner Gesundheitsministerin in der Frage der Aidsentstehung kritisieren, so machen sie doch deutlich, dass es in der Frage der Herstellung von wirksamen, günstigen Medikamenten sogar eine Zusammenarbeit gegen die Verbände der Pharmaindustrie gegeben hat.

Niederlage der Linken
Die letzten beiden Kapitel befassen sich mit dem Rassismus gegenüber Migranten aus anderen afrikanischen Ländern. Dabei geht der in der Arbeiterbildungsarbeit tätige Oupa Lehulere scharf mit der Position der größten südafrikanischen Gewerkschaft Costa ins Gericht, der er vorwirft, sich hauptsächlich für die südafrikanischen Arbeiter zu engagieren. Für Lehulere ist der wachsende Rassismus in Südafrika nicht in erster Linie eine Folge der Verarmung sondern eine Niederlage linker Kräfte in der Arbeiterbewegung. Erst dadurch sei der Raum für rassistische Deutungsmuster der Armut geöffnet worden. Das Buch schließt mit einer Erklärung von Aktivisten aus Armensiedlungen in der Nähe von Durban, die sich wenige Tage nach den rassistischen Pogromen vom Mai 2008 in bewegenden Worten für einen gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten ausgesprochen haben. Das Buch liefert einen guten Blick hinter die WM-Kulissen, die in den nächsten Monaten die Sicht auf die realen Lebensverhältnisse in Südafrika verstellen.

Peter Nowak


14:36 30.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 1