Ein deutscher Unternehmer

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Hans Werner Kroesinger zeigt mit Capital Politics, dass aufklärerisches Theater nicht langweilig sein muss


Ein dumpfes Dröhnenerfüllt den kleinen Theaterraum des Berliner Hebbel am Ufer (HAU3). So eine Geräuschkulisse muss es in den Fabrikhallen des Flick-Konzerns gegeben haben. Der Konzernboss Friedrich Flick steht im Mittelpunkt des Theaterstücks, das dort aufgeführt wird. Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger hat damit gezeigt, dass aufklärerisches Theater nicht langweilig sein muss.

Die Geschichte des Flick-Konzerns wird dort von der Weimarer Zeit, über den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart nachgezeichnet.Eine zentrale Rolle nimmt dabei der Nürnberger Prozess ein, wo Friedrich Flick als Unterstützer und Förderer des Nationalsozialismus angeklagt war und sich als unpolitische Figur gerierte, der nur an das Interesse seines Unternehmens dachte. Von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in seinen Werken will Flick nichts gesehen und gehört haben. Schließlich fanden die Werksbesichtigungen immer in der Dunkelheit nach den Aufsichtsratssitzungen statt. Da habe der Herr Unternehmer schon an das gemeinsame Essen mit den Herren Politikern gedacht und dort habe man gewiss nicht über Zwangsarbeiter geredet. Auch von Stacheldraht und Wachtürmen in seinem Werk will Flick nie etwas gehört haben. Schließlich sind die Kosten dafür so gering, dass er damit gar nicht behelligt worden sei.

Und, dass Flick schon ab 1932 Spenden an die NSDAP gegeben hat, ist für Flick ein kleines Geschäft auf die Zukunft. Schließlich wollte er nur die Bedingungen schaffen, um möglichst ruhig investieren zu können. Dass er dem Nürnberger Gericht eine Spende für den Hitler-Verbündeten Hugenberg als Beitrag für eine bürgerliche Koalition ohne die NSDAP verkaufen will, ist dann nur der I-Punkt seiner Unverfrorenheit. Nur besteht die Gefahr, dass er heute wirklich mit diesen Geschichten durchkäme.

Besonders interessant sind die Ausschnitte aus den Trauerreden auf Friedrich Flick im Jahr 1972.Originalzitat des ehemaligen Bundeskanzlers, der noch immer als Vaters der Marktwirtschaft verehrt wird: „Die deutsche Wirtschaftsgeschichte kennt nur wenige Namen, die unserem sozialen und wirtschaftlichen Leben seit der Jahrhundertwende so unverkennbar ihren arteigenen Stempel aufgedrückt haben, wie es Friedrich Flick in nimmermüden Fleiß und schöpferischer Kraft zu vollbringen vergönnt war.“

Und Hermann Josef Abs, der selber eine wichtige Rolle als Förderer des NS-Regimes spielte, war nicht nur Prozessbeobachter in Nürnberg. Er lobte in der Beerdigungsrede den „alten Flick …., „der noch immer nicht auf Mit- und Fortdenken verzichten wollte“.

In den knapp 90 Minuten wird ein kurzer Ritt durch die Biographie des deutschen Kapitalisten Flick geliefert. Wie er Ende der 20er Jahre dem Staat wertlose Aktien antrete und sichdamit sanierte, wie er jüdische Fabrikbesitzer um ihren Besitz brachte.

Das Horkheimer-Diktum „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen,“ wird nach diesem Theaterstück sehr plausibel. Es liefert Argumente für den praktischen und theoretischen Kampf gegen den Kapitalismus. Dabei kommt es ohne jede Agitation aus. Es lässt nur die Originalquellen sprechen und zeigt den Kitt dieser Gesellschaft jenseits von allen Sonntagsreden.


Peter Nowak

Nächste Vorführung:

Capital Politics
im HAU 3,
Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg
16.1., 20 Uhr

02:01 15.01.2010
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