Ein deutsches Massaker und 2 Richter

Kunduz 4.September,2009 Heute jährt sich zum zwölften Mal jener Einsatz von Kunduz, bei dem mindestens 90 Menschen uns Leben kamen. Die Verharmloser des Verbrechens haben sich zu Wort gemeldet
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Verantwortlich dafür war Oberst Klein von der Bundeswehr, der trotz Warnungen von US-Militärs, dass sich Zivilisten an dem Ort aufhielten, auf zwei zunächst von den Taliban gekaperte Tanklastzüge feuern ließ, nachdem diese im Schlamm stecken geblieben waren. Der verantwortliche Oberst wurde dafür nie gerichtlich belangt, sondern später zum General befördert, die Angehörigen der Opfer bekamen keine Entschädigung.

Dafür sind militärfreundliche Medien bemüht, die Geschehnisse von Kunduz neu im Sinne des deutschen Militarismus zu bewerten. Grundlage ist eine Stellungnahme von Ulrich Herrmann und Harald Reiter, zwei Richtern des Bundesgerichtshofs, die die Berichterstattung über die Toten von Kunduz als Propagandaerfolg der Taliban bezeichnen.

Sie bezweifeln die Zahl der Getöteten und bestreiten, dass darunter viele Zivilisten waren. Dabei berufen sie sich auf Militärquellen, die ein klares Entlastungsinteresse haben. Für die beiden Richter sind nur zwölf oder maximal 13 Tote belegt. Selbst Jurist*innen sprechen von einer ungewöhnlichen Wortmeldung der zwei Richtern und verweisen darauf, dass deren Einschätzung juristisch irrelevant, aber politisch durchaus von Bedeutung ist. Es geht um die Rehabilitation der Bundeswehr. Schließlich ist der Name Kunduz mit mindestens 90 Toten durch deutsche Militärs verbunden.

Eine Arbeit des Künstlerduos Christoph Reuter und Marcel Metelsiefen die Installation Kunduz, 4, beruht auf einer umfangreichen Recherche und war unter anderen im Kunstraum Potsdamzu sehen. Die beiden Künstler sind nach Afghanistan gefahren, haben mit den Angehörigen der Opfer gesprochen und mindestens 90 Getöteten ein Gesicht gegeben.

Von einigen Opfern konnten keine Fotos gefunden werden, hieß es in der Ausstellung. Rechtsanwalt Karim Popal, der Hinterbliebene vertreten hat, sprach im Februar dieses Jahres gegenüber Telepolis von mindestens „mindestens 79 nachgewiesenen zivilen Opfern“. Die Unklarheit über weitere mögliche Opfer ergab sich daraus, dass das Meldewesen in dem Kriegsgebiet nicht problemlos funktionierte, wie auch die Künstler feststellen mussten.

Wenn die beiden Richter aber die Zahl der belegten Opfer auf maximal 13 herunterrechnen und diese Recherchen gar nicht zur Kenntnis nehmen, geht es darum, die Bundeswehr reinzuwaschen, um sie dann zum eigentlichen Opfer zu machen, das eine besondere Ehrung verdient.

Warnung vor einer Dolchstochlegende 2.0

Deshalb gab es vor einigen Wochen bereits eine Kampagne für eine Ehrung der aus Afghanistan abgezogenen Bundeswehr-Soldaten. Über Tage gab wurde von militärnahen Kreisen die Kritik ventiliert, dass Politiker die aus Afghanistan zurückgekehrten Soldaten nicht mit militärischen Ehren begrüßt haben. Deshalb sollte es am 31. August vor dem Reichstag einen öffentlichen Zapfenstreich geben, der nun angesichts der Ereignisse in Afghanistan verschoben, aber nicht abgesagt wurde.

Ein antimilitaristisches Bündnis, das Proteste gegen den Zapfenstreich geplant hatte, bereitet sich jetzt auf den noch unbekannten TagX vor.

Ein solches Gedenken müsste sich dagegen richten, dass die Bundeswehr zum eigentlichen Opfer des Afghanistan-Desasters gemacht wird. Sonst könnte das zu einer modernisierten Dolchstoßlegende werden. In der Weimarer Republik suggerierten rechte Kreise, eine eigentlich siegreiche Armee wäre im Hinterland Deutschland von streikenden Arbeitern und kriegsmüden Massen erdolcht wurden.Diese antisemitisch unterlegte Dolchstoßlegende war ein Schwungrat für den Aufstieg der völkischen Rechten und des NS. Heute wird behauptet, die Bundeswehr wäre in Afghanistan eigentlich erfolgreich gewesen und musste abziehen, weil sie sich wankelmütige Alliierten, vor allem die USA beugen musste. Schon hat der Unionspolitiker Norbert Röttgen einen eigenen Einsatz der Bundeswehr unabhängig in die Diskussion gebracht.

Dieser Vorstoß hatte natürlich auf Anhieb keinen Erfolg. Doch hier könnte die Grundlage für einen neuen deutschen Militarismus gelegt werden. Dafür muss der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr als Erfolg verkauft werden, der von Alliierten hintertrieben wurden. Dafür müssen natürlich auch die Opfer der Bundeswehr kleingerechnet werden. Insofern sind die beiden Richter ein Rädchen im Versuch, die Verbrechen des neueren deutschen Militarismus runterzurechnen, zu verleugnen, also wegzulügen. Sie stehen damit einer deutschen Tradition, der vielen Richter, es waren damals nur Männer, die die deutschen Verbrechen des 1. und 2. Weltkriegs beschönigte und verleugnete. Es wäre die Aufgabe einer kritischen Öffentlichkeit, dieses Bild infrage zustellen. Der 4. September wäre eine gute Gelegenheit, um an die Toten von Kunduz zu erinnern, für die niemand zur Verantwortung gezogen wurde und die jetzt noch nachträglich heruntergerechnet werden sollen. Dabei könnten die Bilder der Opfer von Kunduz, die wir dank der Recherche von Marcel Metelsiefen und Christoph Reuter zumindest zum großen Teil kennen, gezeigt werden.

Peter Nowak

13:27 04.09.2021
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