Ein Film vor dem kommenden Aufstand

Coming Forth by Day Der ägyptische Film zeigt gnadenlos realistisch den trostlosen Alltag der Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung

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Coming Forth by Day zeigt die Alltagsprobleme derer, die damals nicht dabei waren. Der Tahrirplatz kommt nur als Umsteigeplatz der Menschen vor, die von einem Fahrzeug ins andere steigen.
Coming Forth by Day zeigt die Alltagsprobleme derer, die damals nicht dabei waren. Der Tahrirplatz kommt nur als Umsteigeplatz der Menschen vor, die von einem Fahrzeug ins andere steigen.

Foto: Spencer Platt / Getty Images

Hast Du Brot gekauft? Nein die Schlange vor der Bäckerei war zu lang?“ Nicht nur der Dialog noch mehr die Gesten und Blicke, mit denen sich Mutter und Tochter messen, zeigt, wie hoffnungslos die Lebenssituation für einen Großteil der Bevölkerung in Kairo ist. „Coming Forth by Day“ heißt der sehenswerte Film, der den Alltag einer ägyptischen Familie. Der Vater ist schwer krank und braucht ständige Betreuung. Er kann eigentlich nur noch im Bett liegen. Doch sein Rücken weist immer stärkere Wunden aus. Für eine neue Matratze aber hat die Familie kein Geld. Dabei müht sich die Mutter neben ihrer Lohnarbeit noch, für den kranken Mann zu sorgen. Sie ist im Film immer müde und will sich „vor der Schicht“ noch ein bisschen ausruhen. Doch die Tochter, will auch einmal den kärglichen Alltag, der um die Pflege des kranken Vaters kreist und um Wäsche waschen, Betten machen, Medikamente sortieren und Essen kochen besteht, entfliehen und sich in das Getümmel der Kairoer City stürzen. Doch dem geht erneut ein Kräftemessen zwischen Mutter und Tochter voraus, mit Worten mehr noch aber mit Gesten und Blicken. Wenn die Mutter den Müll in der Küche sortiert, und die Tochter sagt, „lass das, das wollte ich doch machen“, beendet die Ältere das Gespräch mit dem schneidenden Satz. „Dazu hattest zwei Wochen Zeit“. Die Diskussion ist beendet und die Tochter ist wieder einmal beschämt worden. Doch auch außerhalb der Wohnung findet sich für sie kein wirklicher Ort der Erholung und des Ausgleichs. Man sieht eine sehr männlich geprägte Gesellschaft, die sich auf den Straßen inszenieren. Frauen huschen nur kurz vorbei, viele sind verschleiert.

„Wo ist unser Familiengrab?“

Im Bus kommt die junge Frau ins Gespräch mit einer solchen Frau, die sich darüber aufregt, dass die Heldin des Films ihre Haare offen trägt. Am Ende besteht ihr Ausflug in die Außenwelt in kurzen Handygesprächen mit einem Freund. Man sieht ihn nicht, hört aber, dass sie den Kontakt beenden will. Ihre Sorgen um den kranken Vater lässt ihr dazu keine Zeit. Bei der Rückfahrt gerät sie mit dem Taxifahrer in Streit, weil sie ihn kritisiert, dass er Fahrgäste, die am Straßenrand warten, einfach übersieht. Der Taxifahrer, erzürnt, dass ihn eine Frau zu kritisieren wagt, schmeißt sie mitten in der Nacht in einer unbekannten Gegend aus dem Taxi und wirft ihr das schon gezahlte Geld für die Fahrt hinter her. Doch der Spaziergang durch die Nacht wird für die Frau dann tatsächlich zum Ort der Besinnung. Lange verbringt sie an einen Ort, der eine Mischung aus offenen Platz und Park mit einen See ist. Als sie in der Morgenfrühe zurück in die Wohnung kommt, ist der Vater im Krankenhaus. Er war in ihrer Abwesenheit aus dem Bett gestürzt und sein Gesundheitszustand hat sich dramatisch verschlechtert. In der letzten Szene reden Mutter und Tochter darüber, wo sie den Vater begraben wollen „Wo ist unser Familiengrab?“ lautet die letzte Frage. Ein passender Schluss für einen Film, der in seinen gnadenlosen Realismus ein Ägypten zeigt, das oft aus dem Blick gerät, wenn über die politischen Ereignisse in dem Land geredet wird. Während hierzulande in Teilen der aktivistischen Linken der Tahirplatz zumindest zeitweise zum Sehnsuchtsort der Revolte geworden ist, kommt er im Film nur als Umsteigeplatz der Menschen vor, die dort von einem Fahrzeug in ein anderes steigen. Er wird hier also zu dem Platz, wie ihn viele Bewohner_innen Kairos tagtäglich wahrnehmen. Die politischen Ereignisse, die hierzulande solch große Schlagzeilen machen, tangieren ihren Alltag kaum. Im Film sieht man Mutter und Tochter öfter vor dem Fernseher. Doch werden aber irgendwelche Serien oder Werbesendungen gezeigt.

„Die Hungrigen werden aufstehen“

Obwohl also die politischen Ereignisse im Film nicht vorkommen, ist er sehr politisch. Er wurde noch unter dem Mubarak-Regime begonnen und nach dem Elitenwechsel beendet, berichtet die Filmemacherin Hala Lotfy in einem Taz-Interview http://www.taz.de/!127776/. Dort erklärt sie, dass der Film mit seinem gnadenlosen Realismus und seiner Hoffnungslosigkeit auch die Lähmung des Landes symbolisiert. Vor allem aber zeigt er, die Mehrheit der ägyptischen Gesellschaft, in den Umbrüchen der letzten Jahre vergessen wurden. Es sind nicht die Menschen aus der medienaffinen Mittelschicht, die während der ersten Phase der Tahir-Platz-Besetzung so viele Linke auch hier begeisterten. Der Film zeigt die Alltagsprobleme, derer die damals nicht dabei waren. Sie haben andere sorgen. Aber wie lange werden sie noch stillhalten? In der Taz wagt Lotfy eine erstaunlich optimistische Prognose für Ägyptens Zukunft.

„Die Leute wissen auch, dass verschiedene Gruppen um das Land kämpfen, die einfachen Leute haben damit gar nichts zu tun, aber sie werden nicht ewig abwarten. Revolutionen finden bei uns oft im Winter statt. Ich habe auch ein wenig Angst, denn dieses Mal werden es nicht die Mittelklasse und die Studenten sein, die aufstehen, sondern die Hungrigen.“ Dass wären die Menschen, die der Film zeigt. Würde es dazu kommen, dann könnten wir Filme von ihnen sehen, wo sie die Hoffnungslosigkeit überwinden und selber eine neue Seite im Buch der Geschichte aufschlagen. Bis es soweit kommt, sollten wir Coming Forth by Day anschauen, als ein Film, der uns mehr vom Leben im Ägypten der letzten fünf Jahre zeigt, als die vielen Videos vom Tahirplatz.

Coming Forth by Day lief in den letzten Wochen mehrere Tage im Berliner Regenbogenkino und sollte auch noch weiter zu sehen sein.

Peter Nowak

Der Film läuft weiter in verschiedenen Programmkinos:

Leipzig

Cineding:

Karl-Heine-Straße 83, 04229 Leipzig,

heute 20 Uhr,

http://www.filmstarts.de/kritiken/222805/kinoprogramm/in-und-um-126285/

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Der Film auf der Berlinale 2012.

http://www.berlinonline.de/kino/film/al-khoroug-lel-nahar-coming-forth-by-day-4783

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Geschrieben von

Peter Nowak

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