Linke Geschichte im Theater

Schwarzer Block Das Theaterstück im Berliner Gorki-Theater regt zur Diskussion über linke Geschichte aber auch über linke Praxis in der Gegenwart an.
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Am 28. September hat sich der Tod von Günther Sare zum 35ten Mal gejährt. Der Elektriker aus Frankfurt/Main ist heute weitgehend unbekannt. Doch sein Tod sorgtevor 35 Jahren für wochenlange Demonstrationen und Unruhen. Denn er starb, weil er nach einer von der Polizei brutal durchgesetzten NPD-Veranstaltung im Frankfurter Gallus-Viertel von einem Wasserwerfer erfasst wurde (https://antifa-frankfurt.org/Sare/sare-aktionsbuendnis.html). Sein Tod zeigt, dass Polizeigewalt und auch der Protest dagegen auch in Deutschland eine Geschichte hat und dass die Opfer eben nicht nur Nichtweiße sind. Manche werden von dem heute auch in der Linken weitgehend vergessenen Günther Sare vielleicht das erste Mal durch einen Theaterbesuch gehört haben. Denn in dem Stück „Schwarzer Block“, dasin der Regie von Sebastian Nübling und Kevin Rittberger im Gorki-Theater zu sehen ist, spielt Sares Tod eine zentrale Rolle. Das Publikum schaut im corinabedingtzu einem Drittel leere Saal auf einen großen Bildschirm, der auf der Bühne aufgebaut ist. Dort sehen wir die Schauspieler*innen, die in der Regel vor dem Theater performen und tanzen. An allen Sitzen gibt es Kopfhörer, um die Dialoge, Gesänge und Töne mitzuhören. Eine ganze Zeitlang sind es die Geräusche von Polizeisirenen und die Geräusche des Wasserwerfers. Es waren wohl die letzten Eindrücke, die Günther Sare mitbekommen am frühen Abend des 28. September 1985mitbekommen hat. Es sind die künstlerisch stärksten Momente des Stücks, wenn die Schauspieler*innen rund um die Wasserwerfer tanzen, singen, performen undNamen und historische Ereignisse rufen.

Der erste Teil des 80minütigen Stücks ist ein Stück linke Geschichte. Dabei zeigt sich schnell, dass der „Schwarze Block“ eine Sammelbegriff für antagonistische, linke Politik ist, die bereits bei den heute auch weitgehend vergessenen „Schwarzen Scharen“, einer anarchistischen Antifaorganisierung in der Endphase der Weimarer Republik beginnt und bei der Aufklärung gegen den NSU-Komplex nicht endet. Natürlich können solche historische Reminiszenzen auf einen Theaterabend nur fragmentarisch sein und im besten Falle dazu anregen, dass Interessierte sich Literatur besorgen, um sich weiter zu informieren.

Wann fing die Spaltung der Arbeiter*innenbewegung an?

Vielleicht werden sie dazu von der an dem Theaterabend mehrmals wiederholte Frage animiert: „Warum gab es keine Einheitsfront zwischen SPD und KPD? Das war schließlich eine zentrale Frage schon in den 1930er Jahren. Während die KPD ihre falsche Politik, nach der SPD und NSDAP zwei Formen des Faschismus sind, auch durch die historischen Umstände revidieren musste, blieb die SPD bei der Ablehnung einer Einheitsfront mit der KPD. Doch was leider bei der Frage nach der fehlenden Einheitsfront zu kurz kam, sind die Ursachen der Spaltung der Arbeiter*innenparteien, die spätestens 1914 manifest wurde, als die Mehrheit der SPD den Kriegskrediten zustimmten. Als der Krieg für den deutschen Imperialismus verloren war, jagten die Revolutionären Obleute mit dem Sturz der Monarchie der SPD, deren Vorsitzender Ebert, die Revolution hasste, wie die Sünde, einen solchen Schrecken ein, dass er und sein Bluthund Noskedie völkischen Freikorps bewaffnete und aufdie eigene Basis los lies. Tausende Tote im Frühjahr 1919 waren die ersten Toten jener deutschen Konterrevolution, ohne die der Aufstieg der Nazis nicht denkbar wäre. Eine bessere Frage wäre also: Warum bewaffnete Sozialdemokraten die Freikorps und damit jener Kräfte, obwohl sie spätestens seit dem Kapp-Putsch wissen mussten, dass sie selber die nächsten Opfer sind, wenn die revoltierenden Arbeiter*innen, linken Intellektuellen, Jüdinnen und Juden niedergeschlagen sind? Erfreulicherweise wird im Theaterabend auf die Arbeiter verwiesen, die noch nach dem der Kapp-Putsch beendet war, von abziehenden Putschisten an einer Barrikade am Kottbuser Tor erschossen wurden. Nachdem der Putsch 1920 durch eine Einheitsfront von SPD, KPD und Unorganisierten aus den Fabriken verhindert worden war und die SPD-Minister wieder ihre Ämter eingenommen haben, war eine ihrer ersten Maßnahme, die gerade noch putschenden Freikorps gegen die Arbeiter*innen loszulassen, die sich nicht einfach wieder mit ihrer Zuschauer*innenrollebegnügen wollten. Wieder gab es hunderte Tote vor allem im Ruhrgebiet. Diese Hintergründe bleiben beim Theaterabend ausgeblendet. Der Blutmai, als ein sozialdemokratischer Polizeipräsident 1929 die kommunistischen Demonstrationen zum 1. Mai verbot und alle, die auf die Straße gingen, blutig niederschlagen ließ, wird immerhin kurz erwähnt, allerdings so kryptisch, dass nur historisch Interessierte etwas damit anfangen können. Eine historische Ungenauigkeit hat sich auch eingeschlichen, als es um die Befreiung des KPD-Funktionärs Otto Braun durch die Kommunistin Olga Benario im April 1928 ging. Da wurde etwas flapsisch erklärt, der Befreite sei von der Komintern noch für den langen Marsch der Revolution gebraucht worden. Damit wird suggeriert, die Befreiung sei eine rein funktionale Sache irgendwelcher Bürokrat*innen der kommunistischen Weltbewegung gewesen. Tatsächlich flohen Braun und Benario nach der geglückten Befreiung nach Moskau, beide blieben Teil der kommunistischen Bewegung und blieben von den stalinistischen Repressalien verschont. Otto Braun war Ende der 1930er Jahre tatsächlich der einzige deutsche Teilnehmer beim Langen Marsch der KP-Chinas. In der DDR belegte er noch zahlreiche Funktionen. Olga Benario beteiligte sich mit dem dissidenten brasilianischen Militär Luis Carols Prestes am Marsch der Hoffnung in Brasilen, der zum Fiasko wurde. Beide wurden verhaftet, Prestes ging ins Exil in die stalinistische Sowjetunion und starb im hohenAlter als Veteran der KP Brasiliens, die Jüdin und Kommunistin Olga Benario wurde trotz einer Solidaritätskampagne im KZ Bernburg ermordet. Dieser längere historische Exkurs ist keine Kritik an dem Theaterabend. Im Gegenteil. Er soll zeigen, wie man die historischen Reminiszenzen, die dort geliefert werden, für die weitere Recherchen nutzen kann. Da liefert der Theaterabend eine Fundgruppe von Schnipsel, man muss nur wissen, wo man weitergräbt.

Am Ende Teil der Mosaiklinken?

Im letzten Teil des Theaterabends sind wir in der Gegenwart angekommen und auch hier bietet sich viel Stoff für Diskussionen. So ruft eine Schauspielerin, dass der Schwarze Block heute die Arbeit des Verfassungsschutzes im Kampf gegen rechts macht. Eine andere erwähnt beiläufig, dass Schwarz auch eine Farbe ist. Die Assoziationskette ist klar, wenn es bunt statt braun heißt,muss auch etwas Schwarz seine Berechtigung finden. Hier zahlt sich der undogmatische Umgang mit dem Begriff Schwarzer Block aus. Ursprünglich handelte es sich um einen Begriff des Staatsschutzes, um eine auch aktionsbereite und –fähige antagonistische Linke zu kriminalisieren. Später haben Teile dieser Linken den Begriff selber übernommen, weil er auch ein Stück autonomer Stärke ausdrückte. Doch vor allem Feministinnen kritisierten bald linke Mackergewalt, die sich im Schwarzen Block auch gut maskieren konnte. Auch auf diesen Aspekt geht es am Theaterabend. Mehr noch aber den Wandel des Schwarzen Blocks, der längst nicht mehr so schwarz ist und nicht mit steinewerfenden Männern gleichgesetzt werden will. Da wird darauf verwiesen, dass die Neonazidemos zumJahrestag der Bombardierung Dresden vor mehr als 10 Jahren durch ein Blockadekonzept gestoppt werden konnten, an dem sich auch Menschen beteiligten, die sich niemals in eine Schwarzen Block stellen würden. Es bedurfte dazu mehrjähriger Bündnis- und Überzeugungsarbeit von radikalen Linken. Doch der Erfolg wird am Ende relativiert, wenn die Genossin sagt, nur wenige Jahre nach dem Ende der Nazidemos begann Pegida. Welche Strategien sind dagegen angebracht? Diese Frage nehmen die Zuschauer*innen ebenso aus dem Theaterabend mit, wie die, ob es nun ein Erfolg oder eine Niederlage ist, wenn der Schwarze Block bzw. die antagonistische Linke als Teil einer Mosaiklinken werden soll. Und wie vermittle ich den jungen Genoss*innen, die von Polizeipräsidenten kriminalisiert werden, die vonSPD-Politiker*innen befehligt werden, dass auch diese Partei irgendwie Teil der Mosaiklinken sein oder werden soll? Darüber lohnt es zu streiten Daher war es erfreulich, dass nach den Vorführungen im Gorki-Theater noch über aktuelle politische Themen, beispielsweise die Migrantifa diskutiert wurde. Vielleicht sollte eine Runde unter der Fragestellung geführt werden Linke Politik zwischen Dimitroff-Theorie und dem Slogan „Staat, Nation, Kapital Scheiße“ heißen.In einem Verriss in der Taz hat Andreas Fanizadeh diese Parole als „Politikfolklore im Geist der Dimitroff-Thesen von 1933“ bezeichnet. Dabei müsste der Autor, derals Redakteur derZeitschrift „Die Beute“ wichtige Stichworte für eine antinationale Linke in den frühen 1990er Jahren lieferte wissen, dass die Parole genau aus diesen Zusammenhängen kommt und später von dem kommunistischen Bündnis Ums Ganze popularisiert wurde. Sie ist geradezu eine Kritik an den Dimitroff-Thesen, die als Konsequenz aus der Niederlage der Hitlergegner*innen 1933 eben gerade eine Bündnispolitik mit sozialdemokratischen und bürgerlichen Kräften empfahl und natürlich dann auch jede radikale Kritik an Staat, Kapital und Nation zurückstellen wollte. Ob und wie der Spagat gelingen kann, angesichts einer erstarkenden Rechten eine weitgehende Bündnispolitik zu propagieren, ohne die Kritik an Staat, Nation und Kapital zu vergessen, wäre eine lohnende Diskussion nach einen solchen Theaterabend. Dass er zu Fragen und Debatten anregt ist ein großer Pluspunkt für ein aktivistisches Theater, für das das Gorki-Theater schon lange eine gute Adresse ist.

Peter Nowak

Informationen zu weiteren Aufführungen von Schwarzer Block finden sich hier:

https://www.gorki.de/de/schwarzer-block

Hier noch einige Tipps zum Weiterlesen über historische linker Geschiche, die am Theaterabend aufgeworfen wurden:

GEGENWART UND GESCHICHTE

Antifaschistische Kunst, Aktion und Bewegung:

https://zweischritte.berlin/post/157153409868/gegenwart-und-geschichte

Zur Vorgeschichte des Scheitern einer Einheitsfront zwischen SPD und KPD:

Dietmar Lange: Massenstreik und Schießbefehl:

https://www.edition-assemblage.de/buecher/massenstreik-und-schiessbefehl/

Zu Olga Benario und ihren Genoss*innen:

Robert Cohen

Exil der frechen Frauen

http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=8126

A.G. Grauwacke

Autonome in Bewegung

Aus den ersten 23 Jahren5., erweiterte Auflage

Eine sehr subjektive Geschichte Westberliner Autonomer, gerade aktualisiert:

http://www.assoziation-a.de/buch/autonome_in_bewegung

15:06 25.09.2020
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