Eine gelungene und eine gescheiterte Debatte

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Über eine Kritik an der israelischen Politik ohne antisemitische Zwischentöne wird in Deutschland ebenso heftig gestritten, wie über die Grenze zwischen einer notwendigen Islamkritik und dem antiislamischen Ressentiment. Zwei Veranstaltungen in den letzten Tagen in Berlin zeigten das Gelingen und das Scheitern eines solchen Unterfangens.

Am Donnerstagabend debattieren in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln auf Einladung der linksliberalen Tageszeitung (taz) Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden, der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik und die Taz-Chefredakteurin Ines Pohl über die Grenzen der Israelpolitik. Vorausgegangen war auch in dem Blatt eine polemisch geführte Debatte, die von einem Beitrag von Iris Hefets ausgelöst war. Die israelkritische Jüdin hatte von einem Missbrauch des Gedenkens an den Holocaust durch Israel geschrieben. Ihr hatten schon wenige Tage danach mit guten Argumenten der Züricher Wissenschaftler Alexander Hasgall und später auch Kramer widersprochen. Am Donnerstag wurden die Differenzen noch einmal benannt. Kramer machte deutlich, dass eine Israelkritik dann zum Ressentiment wird, wenn das Existenzrecht des Staates angezweifelt wird. Hat schon jemand das Existenzrecht Zimbabwes angezweifelt, wenn er das Mugabe-Regime diskutiert? Auch die Dämonisierung Israels oder den Vergleich Israels mit dem NS-Regime ist nicht weit vom Antisemitismus entfernt. Micha Brumlik lieferte dafür ein gutes Exempel, als er den Boykottaufruf einer Gruppe „Großmütter für den Frieden“ gegen eine israelische Kulturgruppe erwähnte, die dort von einen „globalen Pogrom“ schwadronieren, dass Israel angeblich plane. Da fragt man sich wirklich, ob die ihrer Schulzeit vor 1945 zugut aufgepasst haben. Auch ein Diskussionsteilnehmer, der hart an der Grenze zum Antisemitismus eine Schimpftirade gegen Israel losließ und damit eindeutig auch Kramer meinte, mit dem er ausdrücklich nicht in den Dialog treten wolle, zeigte, wie eine solche Veranstaltung hätte enden können. Doch diese Stimmen wurden ignoriert. Die Diskutanten und auch die im Publikum sitzende Iris Hefets vereinbarten einen weiteren Dialog über die unterschiedlichen Standpunkte zu Israel ohne wechselseitige Vorwürfe.

Na also, es geht doch, kann man am Ende anerkennend sagen. Vielleich lag es auch daran, dass sich niemand von jener Fraktion zu Wort gemeldet haben, die aus ihrer langen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus den Schluss gezogen haben, diesen Vorwurf immer wieder auch gegen Juden zu richten, die Israel kritisieren. Brumlik bescheinigte ihnen eine „bemerkenswerte Selbstgerechtigkeit“.

Wenn Islamkritik in Hass umschlug

Am Samstagnachmittag konnte man sich davon im Berliner Initiativenzentrum Mehringhof ein Bild machen. Im Rahmen der Linken Buchtage war eine Buchvorstellung zum Thema „Sex, Djihad und Despotie“ angekündigt. Doch die im Begleittext annoncierte “kritische Analyse des klassisch-schariatischen Geschlechterverhältnisses“ wurde nicht geleistet. Stattdessen erfolgte von dem Autor ein Rundumschlag gegen alle, die er für Kollaborateure mit dem Islam hält, der alternative CSD und Judith Butler natürlich, die Berliner Genderstudies und selbst ein Teil der Antisemitismusforschung wurden abgewatscht, wobei ihm auch manche treffende Polemik über jenes Milieu der linken Islamversteher gelungen ist. Daraus hätte eine gute Debatte werden können. Doch vom Referenten wurde am Ende festgelegt,was nicht Gegenstand der Diskussion sein sollte, beispielsweise die Frage, ob es in Deutschland Islamophobie gibt. Der Autor hat sie kategorisch verneint und sieht schon in der Debatte darüber ein Sieg für die Islamfreunde. Als sich dann ein Zuhörer genau zu diesem nichtexistierenden Islamhass bekannte, gab es von Referent und dem größten Teil des Publikums keinen Widerspruch. Aus Erstaunen, das jemand so offen bekennt, was es doch gar nicht gibt? Oder war es vielleicht stilles Einverständnis? Jedenfalls war diese Nichtdebatte ein Exempel, wie es nicht geht.

Peter Nowak

14:12 28.06.2010
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Peter Nowak

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