Eine Geschichte des Mittelstandsfeminismus

The Town Hall Affair Was interessiert heute noch eine Debatte unter US-Intellektuellen über den Feminismus im Jahre 1971?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Diese Frage stellt man sich, weil in der Schaubühne im Rahmen des Festivals Internationaler Dramatik (FIND) „The Town Hall Affair“ zu sehen war. Dabei begibt sich das New Yorker Theaterkollektiv The Wooster Group auf die die Spuren des Films „The Bloody Hall“ von Chris Hegedus und P.E. Pennerbaker. Dort wurde eine Debatte um die Frauenemanzipation dokumentiert, die 1971 in der New York Town Hall stattfand. Eingeladen hatte der Feminismuskritiker und damals wohl berühmte US-Schriftsteller Norman Mailer. Zu den Diskussionspartnerinnen gehörte die lesbische Journalistin Jill Johnston, die US-Schriftstellerin Germaine Greer und die liberale Kulturkritikerin und Mailer-FreundinDiana Trilling. Auf einer Leinwand sind Ausschnitte dieser „Debatte“ zu sehen, während auf der Bühne einige Szenen nachgespielt werden. Insgesamt ist eine kurzweilige, stellenweile lustige Aufführung. Doch der politische Gehalt erschließt sich nur am Rande. Das beginnt schon damit, dass Norman Mailer als liberaler Kritiker der Frauenbewegung vorgeführt wird, die ihm, wie er bekundet Angst mache, wie der "Linksextremismus" insgesamt.Nicht erwähnt wird, dass Mailer ein praktizierender Macho war, der sogar mit der Gewalt gegen Frauen kokettierte. Im November 1960 verletzte Mailer seine zweite Frau Adele Morales schwer mit einem Taschenmesser am Ende einer alkoholreichen Party, auf der er seine Absicht publik machte, für die New Yorker Bürgermeisterwahlen 1961 zu kandidieren. Die Kandidatur konnte er vergessen. Er wurde inhaftiert, weil seine Frau auf einer Anzeige bestand. Danach wurde sein Kampf gegen die Frauenbewegung noch stärker. Mit dem SchriftstellerkollegenGore Vidal verband ihn eine innige Feindschaft, weil der Mailers Sexismus kritisierte. Es kam deswegen zur handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen beiden. Hier dürften auch die Gründe liegen, warum viele Feministinnen sich nicht an der von Mailer moderierte Diskussionsrunde beteiligen wollten. Die Absage wurde im Theaterstück erwähnt, die Gründe aber nicht. Als Moderator gerierte sich Mailer ganz als Macho, der dieteilnehmenden Frauen unterbricht, sie auf ihren Platz weißt und immer wieder bewusst sexistische Bemerkungen machte. Nur Diana Trilling, die er seine Freundin nannte, respektierte er. Die revanchierte sich, in dem sie ebenfalls ihre Freundschaft zu Mailer bekundete. Das Vorhaben von Jill Johnston, die Einladung zur Diskussion anzunehmen, um sie von innen zu stören, ging gründlich schief. Am Ende wirkte sie wie eine Frau aus Speed, die von Mailer wie eine Untergebene auf ihren Platz geschickt wurde. Graham Greene war wiederum vor allem bemüht, sich als bekannte Intellektuelle darzustellen. Um die Inhalte ging es ihr auch nur am Rande, auch wenn sie den Feminismus verteidigte.

Proletarischer Feminismus kommt nicht in das Blickfeld

So war das Schauspiel auch der Abgesang eines Mittelstandsfeminismus und dekonstruierte diese Art der Debatte, in der es eher um die Show als um Inhalte ging. Der proletarische Feminismus, den es lange vor den 1970er Jahren gab, spielte dort keine Rollen. Die Frauen, die in ihren Streik das berühmte Lied der Frauenbewegung „Brot und Rosen“ (http://www.brot-und-rosen.de/detail.details+M500d5d597d9.0.html) gesungen haben, geraten nicht einmal ins Blickfeld der in der Town Hall versammelten Frauen und von Männern wie Mailer sowieso nicht. So ist The Town Hall Affair auch ein Stück über den Abgesang eines Mittelstandsfeminismus, das mit dem falschen Gestus auftritt, den Feminismus zu repräsentieren. So könnte das Theaterstück auch Auskunft geben, über einige der Gründe für die Entfremdung zwischen Feminismus und Teilen der Arbeiter*innenbewegung nicht nur in den USA.

Peter Nowak

Link zum Theaterstück: The Downhall Affair:

https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-town-hall-affair.html?ID_Vorstellung=3568

16:30 17.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare