Eine Jugend in Deutschland

Heinz Emigholz Für den Filmemacher war die vorgezogene Geburtsfeier am vergangenen Montagabend im Berliner Filmkunsthaus Arsenal ein Heimspiel
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Am 22.Januar wird er 70 Jahre, weil er dann nicht in Berlin ist, wurde sein Geburtstag vorgefeiert. Dabei werden gleich am Anfang die engen Verbindungen des Filmkünstlers Emigholz mit dem Arsenal immer wieder angesprochen. Die drücken sich nicht zuletzt in den Texten und Zeichnungen aus, die Emigholz regelmäßig für das Monatsprogramm des Arsenal vorbereitet. Im Anschluss wurde mit dem Film „Streetscapes (Dialogue)" eine über zweistündige Einführung in die künstlerische Arbeit von Emigholz gegeben. Wer ihn bisher nicht oder nur oberflächlich gekannt hat, konnte sich buchstäblich ein Bild machen von der künstlerischen Herangehensweise des Regisseurs. Im Film spricht Emigholz mit dem auf Traumata spezialisierten Psychologen Zohar Rubinstein über Gott und die Welt. Es geht um eine Jugend in Deutschland, nachdem der NS militärisch besiegt, in den Köpfen der Menschen aber noch höchst lebendig war. Emigholz spricht von der Enge, als eine Familie in einem Zimmer lebte, in den anderen wohnten ebenso beengt die Verwandten, die aus Ostdeutschland geflohen sind? War es die Goebbels-Propaganda vor den Russen, die sie zur Flucht veranlasst hat? Oder waren es NS-Täter_innen, die allen Grund haben, die neue Gesellschaft im Osten zu fürchten, fragt man sich sofort. Zumindest dann, wenn man nicht im Jahr 2018 selber die Goebbels-Propaganda noch immer tradiert und sich sofort über die „armen Deutschen“ auf der Flucht in Tränen ergießt. Emigholz berichtet dann auch über seine Ausbruchsversuche aus der engen postnazistischen Welt, die auch erfolgreich sind. Der Vater hatte allerdings überhaupt kein Verständnis dafür, dass sein Sohn ein Intellektueller werden wollte. Der Sohn erklärt das mit einem Misstrauen, weil viele Intelektuelle den NS verteidigt und unterstützt haben. Hier wäre doch aber die Erklärung plausibler, dass die Feindschaft gegen Intellektuelle vom NS immer wieder propagiert wurde und auch deren Ende überdauert hat.

Eine Kindheit in der Post-NS-Gesellschaft

Es ist schon bemerkenswert, dass der im Juli 2014 verstorbene Filmkünstler Harun Farocki in seinen nachgelassenen Erinnerungen, die kürzlich als "Fragmente einer Biographie" im Verlag der Buchhandlung Walter König erschienen sind, auch über seine Gefangenenschaft im Elternhaus und die drückende Atmosphäre im Post-NS-Deutschland berichtete. Diese Erfahrungen standen am Beginn vieler Künstler_innen, die das Nichteinverstandensein mit der Welt zur Grundlage ihrer Arbeit gemacht haben. Dazu gehören Farocki und Emingholz.

Auch sehr viel Kunsttheorie ist im Gespräch eingestreut und das Verhältnis von Auge, Kamera und Realität wird ausführlich erörtert.

Die Kamera ist gut sichtbar im Bild zu sehen. Emigholz gehört nicht zu den Regisseur_innen, die die Kamera möglichst ganz aus dem Bild verbannen wollen.

Neben den anspruchsvollen aber nie langweiligen Gesprächen kommen immer wieder interessante Gebäude in den Blick. Der Film wurde an verschiedenen architektonisch interessanten Orten in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo gedreht. Das Alltagsleben wird einfach mit in den Film einbezogen. Man hört Geräusche von Autos und Traktoren. Schließlich wird die Debatte in einer Universitätsbibliothek geführt. Damit knüpft Emingholz an seine Architekturfilme an, mit denen er in einer kleinen Szene von Cineast_innen bekannt wurde. Doch dass er auch keinen großen Wert drauf legt, von vielen Menschen verstanden zu werden, wurde bei der vorgezogenen Geburtsfeier im Arsenal auch deutlich. Eigentlich war der Film mit deutschen Untertiteln angekündigt. Doch Emigholz hat aus kunstästhetischen Gründen interveniert. Die Untertitel würden die Eindrücken der Bilder beeinträchtigen und die Zuschauer_innen sollen während seiner Filme nicht Texte lesen, entschied er. Und er fügte hinzu, dass leider die Dialoge in Englisch geführt werden. In einem sehr komplizierten Englisch muss man hinzufügen. So dass sicher mehr Leute, die Details der Gespräche nicht mit bekommen haben. Es wäre eigentlich nur fair gegenüber dem Publikum gewesen, wenn Emigholz gefragt hätte, ob es die Beeinträchtigung des Bildgenusses und Kauf nimmt und den Film mit Untertiteln sehen oder darauf verzichten will. So war es eine autoritäre Geste, die das Publikum entmündigte.

Peter Nowak

01:43 18.01.2018
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