Eine kurze Nacht im Kraftwrk

The Long Now Ein künstlerisches Expreiment der besonderen Art konnten Besucher_innen in der Nacht vom 28 zum 29ten März im Berliner Kraftwerl erleben..
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Nun trat Abraham näher und sprach: Willst du wirklich den Gerechten mit dem Frevler verderben? Vielleicht gibt es Fünfzig Gerechte in der Stadt.“ Manchen wird dieser Spruch an der Seite des Kraftwerks Mitte in der Köpenickerstraße bereits aufgefallen sein. Das Bibelzitat hat der Künstler Thomas Bayrle in Form einer Wandzeitung gestaltet. Vielleicht hat es manche Passant_innen neugierig gemacht, das Kraftwerk mal näher zu begutachten. Ein großer Teil hat immer noch die Aufgabe, wegen der es1961 fast zeitgleich mit dem Mauerbau errichtet wurde. Es ist für die Energiegewinnung des Ostteil Berlins verantwortlich. Der südliche Teil war 1997 stilgelegt wurden. Zwischen 2006 und 2010 fand dort der Technoclub Tresor sein Domizil. Seitdem wird es für Kunstaktionen aller Art genutzt.

In der kurzen Nacht vom 28. auf den 29 März, der wegen der Umstellung zur Sommerzeit eine Stunde abhanden gekommen war, gab es eine hervorragende Gelegenheit dieses Gebäude, kennenzulernen.

„The Long Now“ hieß die Multimediainstallation, die den gesamten südlichen Trakt bespielte und 30 Stunden dauerte. Im gesamten Gebäude gab es Filme, Video- Licht- und Klanginstallationen. Und dann gab es noch die Bühne, auf der sich die Live-Act abwechselten. Die Liste der Darbietungen ist lang. Es seien hier nur exemplarisch Morton Feldman, FM Einheit oder Minguet Quartett genannt. Dazu liefen Filme über die Arbeitswelt. Im Parterre des Kraftwerks konnte man den fast fünfstündigen Dokumentarfilm „Die Narbe Deutschland“ über einen Flug über die Grenze zwischen der BRD und DDR ansehen.

Doch die meisten Besucher_innen gruppierten sich bald um die Bühne. Wer Glück hatte, konnte auf den dort bereitstehenden Liegen Platz finden. Manche saßen dort zu viert und würfelten. Andere hatten einen Schlafsack gemacht und streckten sich auf der Liege zum Schlafen aus. Manche mussten mit einem Platz auf dem Boden Vorlieb nehmen. Oder sie wanderten durch das Gebäude und merkten schnell, welche Bedeutung der Raum auf die Klänge und Bilder bekommt.

Diese Kunstaktion war der Abschluss des diesjährigen Festivals MärzMusik. Die Spannbreite der dargebotenen Veranstaltungen war denkbar groß. Noch einige Tage vorher gab es in der Berliner Philharmonie einen kleinen Aufstand des Publikums, das sich empörte, dass niemand mehr rein gelassen wurde, nachdem alle Stühle besetzt waren. Doch Stehplätze sind in der gutbürgerlichen Philharmonie nicht vorgesehen. Da mochten die verhinderten Konzertbesucher_innen noch so oft beteuern, dass sie gerne auch auf den Boden sitzen würden. Der Kontras zu dem Ereignis im Kraftwerk könnte nicht größer sein.

Der aktuelle Leiter des Festivals MaerzMusik Odo Polzer sagte in einem Interview über das Kunstexperiment im Kraftwerk:

„Das ist ein Angebot einer Extremerfahrung, nicht um ihrer selbst willen, sondern im Wissen darum, dass die Eigenzeit dieser Stücke in Kombination mit diesem Raum eine starke Verbindung eingehen kann. Ich glaube nicht, dass die Leute es nicht in ihrer Gesamtheit erleben können. Man kann dort die Nacht verbringen und auch essen.“

Peter Nowak

http://www.concerti.de/de/8/verid:125028/maerzmusik-the-long-now-kraftwerk-mitte-berlin-samstag-28-maerz-2015.html

http://luisenord.de/kunstkraftwerk/

03:40 05.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Nowak

lesender arbeiter
Schreiber 0 Leser 25
Avatar

Kommentare