Eine Verbeugung vor den deutschen Opfern

Songs for Kommeno Auf dem Jazzfest Berlins gab es eine künstlerische Würdigung für Opfer eines Verbrechens der deutschen Wehrmacht in Griechenland
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Kennen Sie den griechischen Ort Kommeno? Wahrscheinlich nicht. Dann geht es ihnen wie den meisten Menschen in Deutschland. Auch ich hatte bisher nichts über den Ort gehört, in dem 1943 die deutsche Wehrmacht ein Massaker verübt haben. Die 120 Gebirgsjäger-Division machten am 18. August 1943 das Dorf den Erdboden gleich. Zurück blieben 317 Leichen. Vierzig von ihnen waren Kinder unter vier Jahren. Ein an dem Massaker beteiligter Wehrmachtsangehöriger sagte 1971 unter Eid aus, dass er tote Kinder sah, denen man „ mit Benzin getränkte Watte in die Münder gestopft und die Watte dann angezündet“ hatte. Nach dem sie ihr Mordhandwerk beendet hatten, aßen die Soldaten Milchreis mit Kompott, abends betranken sie sich mit dem erbeuteten Wein. Die deutschen Mörder hatten kein schlechtes Gewissen. Sie wurden auch später nie für ihre Verbrechen belangt. Es wurde auch keinerlei Entschädigung an die Opfer gezahlt, so wie übrigens die deutschen Verbrechen in Griechenland insgesamt nie geahndet oder entschädigt wurden. Jetzt hat der Musiker Günther Baby Sommer auf dem Berliner Jazzfest eine ganz persönliche Würdigung der Opfer geleistet.

Zunächst wollte er wieder abreisen

Auch er wusste nichts von der Geschichte, als er in Kommeno im Sommer 2008 auf einen Kulturfestival auftrat. Der Bürgermeister des Ortes informierte ihn kurz vor dem Konzert über die Geschichte. „Hier kann ich nicht auftreten“, war der erste Gedanke von Sommer. Doch bald hatte er eine andere Idee, die er schließlich auch realisierte. Er wollte mit seinen Songs für Kommeno eine kulturelle Würdigung der Opfer leisten.

„Ich bin kein Politiker, ich bin Musiker. Was ich geben kann, ist Musik. Deshalb entschied ich mich ein musikalisches Projekt zu entwickeln, das den Namen dieses Dorfes und die Erinnerung an das Leid der Opfer in den Mittelpunkt stellt“, erklärte Sommer in einen Interview.

Wer die Aufführung am 2. November im Berliner Festspielhaus besuchte , konnte knapp 50 Minuten erleben, in denen sich Kultur und emanzipatorische Gedenkpolitik zu einer neuen Ästhetik des Widerstandes verbinden. In einer knappen Vorrede spricht Sommer von einer Verbeugung vor den Opfern. In dem Stück ist das Läuten von Kirchenglocken zu hören, Pferdegetrampel kündigt die deutschen Mörder an. Schließlich Schreie, ein Stimmengewirr und dann wieder Glocken. Mehrmals singt Savina Yannatou Lieder, die die Klage der Bewohner verarbeiten.

Die Klage der Maria Labri

Höhepunkt des Stückes ist zweifellos die auf Tonband aufgenommene und eingespielte Klage der mittlerweile fast 80jährigen Maria Labri, die das Massaker überlebt hat, weil sie im Nachbardorf war. Fünf Bilder werden während des Stückes auf die Bühnenleinwand projiziert, die metaphorisch das Massaker zum Thema haben und mit einem Foto über den heutigen Marktplatz von Kommeno enden. Auf den ersten Blick sind heute alle Spuren getilgt, die an das Massaker erinnern. Doch wer im Programmheft Sommers Bericht über seinen Besuch in Kommeno und seinen schwierigen Kontakt mit der Bevölkerung liest, merkt sofort, dass bei den Menschen heute noch die Geschichte höchst lebendig ist, nicht nur bei Maria Labri.

Nach dem der letzte Ton verklungen ist, herrscht noch lalnge Stille im Theatersaal. Das Stück hat viele Zuhörer ergriffen. Manche halten den Druck nicht aus und verlassen vor dem Ende den Saal. Die meisten bleiben auch nach dem der letzte Ton verklungen ist, noch eine Zeitlang sitzen, um das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten, bevor sie mit starkem Applaus diesen aufklärerischen Beitrag würdigen.

Entschädigung jetzt!

Wer die Songs for Kommeno gehört hat, versteht besser, dass bei den aktuellen Krisenprotesten in Griechenland, die Charaktermaske in Hosenanzug, die aktuell der Deutschland-AG vorsteht, auf manchen Plakaten mit Hitlerbärtchen gezeigt wird. Wer das Stück gesehen hat, behält auch im Alltag hoffentlich die Wut über ein Bündnis von Mob und Elite in Deutschland, das in sozialchauvinistischer Manier gegen die „Pleitegriechen“ hetzt. Eigentlich müsste im Theaterfoyer eine Initiative stehen, die unter dem Motto „Entschädigung jetzt“ eine einfache Forderung stellt: Die deutsche Regierung hat sofort Griechenland alle Schulden zu erlassen. Sie werden mit den nicht gezahlten Schulden des NS-Regimes bei Griechenland und den nicht bezahlten Entschädigungen für die deutschen Verbrechen in Griechenland samt der Verzinsung für die jahrelange Zahlungsverschleppung verrechnet.

Peter Nowak

GÜNTER BABY SOMMER

SONGS FOR KOMMENO

with Savina Yannatou, Floros Floridis, Evgenios Voulgaris, Spilios Kastanis


Savina Yannatou Voice
Floros Floridis Soprano Sax, Clarinet, Bassclarinet
Evgenios Voulgaris Yayli Tanbur, Oud
Spilios Kastanis Bass
Günter Baby Sommer Drums, Percussion

Recorded and mixed between March 2011 and April 2012 by Kulturradio vom Rundfunk Berlin Brandenburg.
Soundsupervisor: Wolfgang Hoff, Soundengineer: Peter Schladenbach, Digital cut and mastering: Monika Steffens.
Radio producer Ulf Drechsel. Photos: Tobias Sommer. Cover art and design: Jonas Schoder. Produced by Intakt Records, Patrik Landolt

Intakt CD 190 / 2012

http://www.intaktrec.ch/190-a.htm

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Infos zum Jazzfest, das morgen zu Ende ist:

http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/jazzfest/ueber_festival_jazz/aktuell_jazz/start.php

15:48 03.11.2012
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Geschrieben von

Peter Nowak

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