Der zweite kurze Frühling der Anarchie in Spanien

El Entusiamo Der Starttermin des Dokumentarfilms ist am 23.6. Er erinnert an den linken und libertären Aufschwung in Spanien der 1970er Jahre und macht deutlich, dass es Alternativen zur bürgerlichen Gesellschaft gab und gibt.

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„Setzt unseren Kampf gegen den internationalen Faschismus fort“ rief der alte Mann in die jubelnde Menschenmenge. Darüber weht die schwarz-rote Fahne der anarchosyndikalistischen spanischen Gewerkschaft CNT. Wir befinden uns im Spanien Mitte der 1970er Jahre. Der faschistische Diktator Franco war tot und durch das Land ging ein Aufschwung libertärer und linker Ideen. Wenn man die zeitgenössischen Dokumente sieht, spürt man den Enthusiasmus vor allem junger Menschen, die nur den Franco-Faschismus kannten. El Entusiasmo ist der passende Titel eines Filmes, der am 23.6. Premiere hat. Er zeigt den zweiten kurzen Frühling der Anarchie in Spanien. Gezeigt wird auch die Vorgeschichte, die schon Anfang der 1970er begann, als Franco noch lebte. Mehrere Interviewpartner*innen berichteten im Film, dass plötzlich Musik-Bands auftraten, die aus ihrer Ablehnung des Faschismus keinen Hehl machten. Damals begannen die jungen Leute, die Angst zu verlieren, die seit mehr als vier Jahrzehnten mit dem Sieg der Faschisten über dem Land lag. Im Film wird gezeigt, wie auf Stadtteilfesten, aber auch auf Konzerten der neue Geist der Rebellion sichtbar wurde. „Jahrzehntelang konnte sich die Linke nur Katakomben unter der Erde aufhalten, wie die frühen Christen. Jetzt kamen sie wieder an die Oberfläche“, beschreibt ein Zeitzeuge die gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er, die viele Bereich der Gesellschaft erfasste. Comics von Robert Crumb fanden bei jungen Leuten genauso reißenden Absatz wie die Songs von Bob Dylan oder das Kommunistische Manifest und Bücher von Kropotkin, beschreibt eine Zeitzeugin diese Zeit des Aufbruches in Spanien. „Die jungen Leute werden alle libertär“, klagte ein Mitglied der Kommunistischen Partei. Das zeigte auch, welches Ansehen der Anarchismus damals bei der jungen Generation hatte.

Sexuelle oder soziale Revolution

Doch der Film zeigte auch, dass die Kulturrevolution vor allem bei älteren Anarchist*innen teilweise auf Unverständnis stieß. Sie kämpften für die soziale Befreiung und konnten wenig mit einer jungen Generation anfangen, die sexuelle Befreiung auf ihre Fahnen geschrieben haben. Das wird ja bereits in dem Buch "Der kurze Somer der Anarchie" von Magnus Enzensberger formuliert. Besonders auf den in Barcelona von der CNT organisierten Libertären Tagen wurden diese Kontroversen deutlich. Rock n Roll für immer oder Übernahme der Betriebe kann man die Alternativen zuspitzen. Mit einem Streik der Tankstellenbeschäftigten wurde die CNT auch landesweit bekannt. Doch auch die Gegenseite schlief nicht, wie sich im Film zeigte. Mit einem Sozialpakt versuchten sie die Renitenz der Arbeiter*innen im Keim zu ersticken. Im Film wird der 15.Januar 1978 zum Wendepunkt, der die erneute Niederlage der linken Bewegung einleitete.Nach dem Ende einer CNT- Demonstration bricht im Theater in der Scala ein Feuer aus. Es gab 4 Tote, alles CNT-Mitglieder. Doch schnell wurden Anarchist*innen beschuldigt, das Feuer mit Molotow-Cocktails entfacht zu haben. Zahlreiche junge Menschen wurden verhaftet. Noch über 40 Jahre später erklärten im Film Zeitzeug*innen lebhaft, dass es sich beim Brandanschlag um ein Komplett gehandelt hat, um die CNT zu zerschlagen. Der Film gibt die Gelegenheit, mehr über eine Zeit des linken Aufbruchs in Spanien der 1970er zu erfahren. Dabei handelt es sich um kein historisches Thema. Schließlich sind die Forderungen, die die Menschen damals stellten, bis heute nicht erfüllt.

Es gab und gibt Alternativen zur bürgerlichen Gesellschaft

Viele werden sich noch an die Massenbewegung in Spanien angesichts der Finanzkrise von 2010 erinnern. Daraufhin entstand dann die Wahlpartei Podemos, die nach einen kurzen Aufschwung längst in den Mühen der reformistischen Realpolitik angekommen ist. Der Film zeigt, dass es Alternativen zu diesen Logiken des kleinen Übels und des Stimmzettelankreuzens gibt. In den dokumierten Bewegungen blitzte die Idee einer Gesellschaft auf, die auf Räten basiert und bürgerliche Wahlen sowie den Staat insgesamt für überflüssig erklärte. Es ist auch deshalb so erfreulich, dass El Entusiasmo gezeigt wird, damit auch junge Leute erkennen, dass es eine Alternative zu bürgerlicher Gesellschaft und Rechtspopulismus gibt.

Peter Nowak

El Entusiasmo,

Ein Dokumentarfilm von Luis E. Herrero, Spanien 2018, 80 min, HD, Spanisch/Katalanisch mit deutschen Untertiteln,

Startermin in Deutschland 23.6

Weitere Informationen auch zu Aufführungen gibt es hier:

https://sabcat.media/filme/el-entusiasmo/

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