Stadt und Knete

Innenstadtaktionstage An diese kunstpolitische Interventionen erinnert eine Ausstellung in der Galerie After the Butcher.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine Gruppe junger Leute enterte einen Raum mit den Bankautomaten, baute dort Musikboxen auf und begann zu tanzen. Was heute der Werbeclip für die Einrichtung eines Bankkontos sein könnte, war vor fast 24 Jahren Teil einer politischen Intervention. Im Rahmen der Innenstadtaktionstage haben engagierte Künstler*innen und politische Aktivist*innen kooperiert, um gegen die Privatisierung des Öffentlichen Raumes und die Etablierung sogenannter gefährlicher Orte zu intervenieren. Die Innenstadtaktionstage fanden in verschiedenen größeren Städten vor allem im deutschsprachigen Raum in den Jahren 1997 bis 1999 statt. Berlin war aber das Zentrum der Aktionen, weil sich die vorher geteilte noch von den Zerstörungen des Weltkrieges gezeichnete Stadt mit der großen Brache Potsdamer Platz in der Mitte sich damals anschickte, die neue Metropole der Deutsch-EU zu werden. Preußische Denkmäler wurden entnazifiziert, damit das wieder gutgemachte Deutschland um so unbefangener anknüpfen konnte an diese alten deutschnationalen Traditionen. Gegen dieses sich abzeichnende Deutschland zwischen Turbokapitalismus und preußische Gloria intervenierten die Innenstadtaktionstage. Sie sind heute weitgehend vergessen. Daher ist es um so bedauerlicher, dass die Ausstellung „Stadt und Knete". Positionen der 1990er Jahre in der Galerie „After the Butcher“ im Berliner Kaskelkiez pandemiebedingt nicht geöffnet werden kann. Beim Vorbeigehen kann man beim Blick durch das Schaufenster lustige Figuren erkennen. Die Installation der Künstlerin Amelie von Wulffen ist Teil der Ausstellung. Doch das knapp 25minütige Video von Ina Wudtke kann man von Außen nicht sehen. Dabei liefert es einen sehenswerten Rückblick auf die Innenstadtaktionstage. Es erinnert an eines der Treffen in den kalten notdürftig durch Gasflaschen beheizten Räumen des Ahornblatt an der Fischerinsel , das wenig später abgerissen wurde. Man wollte ein Zeichen der progressiven DDR-Architektur abräumen, was heue allgemein kritisiert wird. In dem Video wird noch mal deutlich, dass hier ein Raum vernichtet wurde, der gut als Ort von Kunst und Widerstand hätte dienen können. Interessant auch, dass hier an Axel H. erinnert wurde, der einige Jahre später bundesweit Schlagzeilen machte, weil er im Rahmen des Verfahrens gegen die Militante Gruppe wegen Aktionen gegen die Bundeswehr zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Axel H. ist schon vorher Teil der Kunstproduktion geworden, als der Regisseur Philipp Scheffner seinen Freund in die Handlung des Film „Der Tag der Spatzen“ einbezogen hat.

Zwischen Buchenwald und Weimar

Im hinteren Raum der Galerie „After the Butcher“ findet sich ein Zusammenschnitt mehrerer Videos, die von Alice Creischer, Andreas Siekmann, Josef Strau und Amelie von Wulffen in den 1990er Jahren produziert werden. Eine Szene zeigte Museumsbesucher*innen, die vor dem Pergamonaltar in Berlin Sätze aus dem Roman „Ästhetik des Widerstand“ von Peter Weiss hören. Die ersten 80 Seiten des Monumentalwerks handeln schließlich davon, dass sich drei Antifaschisten in den ersten Wochen des Naziregimes dort treffen, über den politischen Widerstand unterhalten und immer wieder auf die Kunst im politischen Kampf zu sprechen kommen. In den beiden Videos „Wie eins zum anderen kam“ und „Die krumme Pranke“ werden wir über den Berliner Bausumpf und den neuen Weimarkult informiert. Wir begegnen hier noch mal den Interventionen linker Künstler*innen in Deutschland der 1990er Jahren. Es war die Zeit, als Deutschland daran ging, als wiedergutgemachte Nation wieder in der Weltpolitik eine wichtige Rolle spielten. Dagegen richteten sich die linken Künstler*innen. Wir blicken hier auch zurück in eine Zeit, als in Berlin die großen Brachen geschlossen und die Metropole geschaffen wurde, wie wir sie heute kennen. Dagegen wollten sich die Künstler*innen positionieren, deren frühen Arbeiten wir bei After the Butcher sehen. Fast 3 Jahrzehnte später sind die meisten der Künstler*innen am Kunstmarkt etabliert. Doch nicht alle haben überlebten. In der Galerie sind auch die Collagen „Orte des Gegen“ von Anette Wehrmann zu sehen. Die Hamburger Künstlerin ist 2010 mit 49 Jahren gestorben.

Peter Nowak

17:44 25.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare