Er hat noch einen Koffer in Berlin

Abgetaucht in Venezuela In dem Film geht es um drei Berliner Linke, die nach einen missglückten Anschlag untertauchten und heute in Venezuela leben.
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Es klingt wie aus einer anderen Zeit, als es auch in Deutschland eine militante Linke gab, die sich in nicht nur auf zivilgesellschaftliche Mittel beschränkte.So wollten 1994 drei Berliner Linke den damals im Bau befindlichen Abschiebeknast in Berlin-Grünau sprengen, damit er gar nicht erst in Betrieb gehen kann. Kurz vorher war ein solcher Anschlag der RAF gegen die im Bau befindliche Justizvollzugsanstalt Weiterstadt noch gelungen. Die Inbetriebnahme des Knastes konnte nicht verhindert aber um Jahre verzögert werden. Für den Anschlagsversuch in Grünau übernahm eine Gruppe, die sich K.O.M.I.T.E.E die Verantwortung. Allerdings kam es nie dazu, weil eine Polizeikontrolle dazwischenkam. Drei Männer mussten fliehen und sogar noch ihre Papiere im Auto zurücklassen. Seitdem waren sie jahrelang von der Bildfläche verschwunden, bis mehr als 20 Jahre später einer von ihnen, Bernhard Heidbreder, in Venezuela auf Antrag der deutschen Justiz verhaftet wurde. Dann stellte sich heraus, dass auch Peter Krauth und Thomas Walter, die beiden anderen Geflohenen, in dem Land im Exil lebten. Die Auslieferung von Heidbreder konnte schließlich verhindert worden. Doch nach Deutschland zurück können die drei noch nicht, weil die deutsche Justiz sich auf eine sehr weite Definition des Verjährungsparagraphen stützt. Doch im Internetzeitaltersind Kontakte möglich. So stellte Thomas Walter selbstgetextete Songs ins Netz, was Mal Élevé, langjähriger Frontmann der linken Band Irie Revolte ansprach, der mittlerweile eine Solokarriere gestartet hat. Die beiden tauschten Musikstücke im Netz und schließlich reiste Élevé nach Venezuela, um mit Walter eine Platte aufzunehmen. Die Begegnung zwischen den Beiden steht imMittelpunkt des Films »Gegen den Strom - Abgetaucht in Venezuela. Der Regisseur Sobo Swobodnik ist dabei, wenn die beiden Essen zubereiten, Schwimmen gehen oder ihre Songs aufnehmen. Eingeschoben sind Gesprächssequenzen, die um den schweren von Stromsperren Alltag in Venezuela ebenso gehen wie um viele alltägliche Dinge des Lebens.Aus verständlichen Gründen kommen die Details der jahrelangen Flucht der 3 nicht zur Sprache. Schließlich wird ja noch ermittelt. Walter erklärt aber, dass es ihm wichtig ist, jüngeren Linken deutlich zu machen, dass Flucht und Exil nicht mit Leid und Entbehrungen verbunden ist. Er möchte die Erfahrungen der Solidarität, die er in den letzten 25 Jahren erfahren habe, nicht missen, erklärt nicht nur Walter. Dass betonen auch seine beiden Genossen, die nur einmal kurz gemeinsam im Film auftauchen Ansonsten sieht man sie kurz mal im Hintergrund. Der erstaunlich jugendlich wirkende Heidbreder trägt ein T-Shirt mit einem antirassistischen Motiv, auch um zu signalisieren, dass er seine politische Haltung auch nach 25 Jahren nicht verloren hat. Walter geht im Gespräch mit Élevé kurz auf die Veränderung der Linken in Deutschland ein. Sie sei nicht mehr so militant, wie noch vor 25 Jahren und das sehe er auch . Auch wenn diese Änderung bedeute, dass ihre Aktion auch in der Linken kaum noch vermittelt werden kann. Eingeblendet sind zu diesem Gespräch Fotos vonzivilgesellschaftlichen Unteilbar-Demonstrationen, auf denen Élevé aufgetreten ist. Die Aussagen von Walter werfen Fragen auf. Denn auch vor 25 Jahren lehnte ein Großteil der Linken Militanz ab und distanzierte sich sogar ausdrücklich davon. Es gab aber eine militante Linke, mit eigenen politischen Umfeld, das heute weitgehend weggebrochen ist. Wahrscheinlich wollte Walter darauf hinweisen mit seiner Aussage. Natürlich ist klar, dass er da nicht ins Detail gehen kann, solange noch Verfahren drohen.

Grüße an Präsident Maduro

Enttäuschender sind aber die spärlichen Aussagen zur aktuellen Situation in Venezuela. Der schwere Alltag in Venezuela ist öfter Thema. Mehrmals fällt während der Aufnahme der Strom aus. Dann muss schnell der Generator angeschmissen werden, den Élevé von Deutschland mitgebracht hat und den er mit Walter auch mal bei einem Ausflug in den Urwald schleppt. Im Film wird von Walter die gegenwärtige Regierung von Venezuela dafür verantwortlich gemacht. Da hätte man sich schon Fakten gewünscht, worin die Verantwortung der Maduro-Regierung für die Stromabschaltungen besteht. Kritisiert Walter, dass er zu unnachgiebig gegenüber den Forderungen der sehr heterogenen, aber im Kern rechten Opposition im Land ist? Und was ist mit den Meldungen, dass Anschläge der Maduro-Gegner auf Strommasten für die Blackouts verantwortlich sind? Da hätte man sich schon mehr Details gewünscht, bei einem Thema, dass nicht strafbewehrt ist. Man erfährt, dass Thomas Walter Leiter eines landwirtschaftlichen Projekts im Rahmen einer bolivarianischen Kooperative war. Einmal schwärmt er von der Zeit vor fast 20 Jahren, als Präsident Chavez eine Massenunterstützung im Land hatte, die heute für Maduro auch wegen eigener Fehler nicht mehr vorhanden ist.Wir sehen von Chavez angestoßene Landwirtschaftsprojekte, die bald wieder abgebrochen wurden. Wir hören die Enttäuschung über die aktuelle Entwicklung im Land auch bei Chavez-Anhänger*innen. Wenn dann im Abspann des Films aber noch speziell Venezuelas Präsident Maduro für die Beschwernisse durch die Stromausfälle gedankt wird, muss man sich schon fragen, was solche Plattitüden in einem linken Film zu suchen haben. Da wäre doch ein Hinweis viel sinnvoller, dass Stromausfälle zum Alltag des überwiegenden Teils der Menschen besonders im globalen Süden gehören. Am Schluss singt Walter frei nach Hildegart Knef, dass da noch ein Koffer in Berlin stehe. Man wünscht sich, dass der Film mit dazu beiträgt, dass endlich die Verjährung für den Anschlag , der nie ausgeführt wurde, in Kraft tritt. Dann könnten wir mit Walter und hoffentlich auch den anderen über die Linke in Deutschland und über die Situation in Venezuela diskutieren. Der Film ist empfehlenswert, weil es Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, die vor einem Vierteljahrhundert Teil einer außerparlamentarischen Linken waren, über deren Theorie und Praxis heute wenig diskutiert wird.

Peter Nowak

Link zum Film "Gegen den Strom. Abgetaucht in Venezuela

(https://www.partisan-filmverleih.de/filme/gegen-den-strom/)

Am 9.8. ist der Film ab im Rahmen des Linken Sommerkinos auf der Freilichtbühne Weissensee zu sehen: Der Eintritt erfolg gegen eine Spende:

Einlass 18:45 Uhr
Podiumsdiskussion 19:15 Uhr
Filmstart 21:15

http://freilichtbuehne-weissensee.de/events/linkes-sommerkino-gegen-den-strom-abgetaucht-in-venezuela/

15:26 07.08.2020
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