Er ließ sich nicht zum Schweigen bringen

Louis Althusser Ein Interviewband macht uns mit den philosophischen Standpunkten des marxistischen Stalinismus- und Reformismuskritikers bekannt.
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„Schweig weiter, Althusser“. Mit diesen Worten wollte der französische Philosoph Etienne Balibar seinen theoretischen Lehrmeister, den marxistischen Philosophen Louis Althusser, aus der öffentliche Debatte verdrängen. Der Grund war klar. Balibar, der schon längst mit dem Linksreformismus praktisch und theoretisch angebandelt hatte, konnte nichts mehr mit den klar antietatistischen und antikapitalistischen Ansätzen eines Althusser anfangen. Mehr noch, es war ihm, der in der Öffentlichkeit noch immer als Althusser-Schüler adressiert wird, peinlich, daran erinnert zu werden, welch radikale Kritik auch er einmal vertreten hatte. Damit war nun wahrlich kein Staat zu machen. Doch zum Glück sind die Hoffnungen Balibars nicht aufgegangen. Dass ist auch das Verdienst der mexikanischen Philosophin Fernanda Navarro. Sie hatte Althusser 1984 mehrmals in seiner Wohnung besucht und mit ihm lange Gespräche geführt. In dieser Zeit war er sehr vereinsamt und auch viele seiner Schüler*innen, die in den 1970er Jahre stolz waren, mit Althusser in einem Satz genannt zu werden, hatten sich von ihm abgewandt und distanziert. Balibar steht mit seiner Schweigeforderung nicht allein, und wie er, haben auch manche andere den Zeitgeist erkannt und sind, wenn sie nicht gleich zur Totalitarismustheorie der Neuen Philosoph*innen abwanderten, irgendwo im linksliberalen Mainstream gelandet. Die Ära Mitterand, des vorgeblich linken in der Realität sozialdemokratischen Präsidenten hat viel beigetragen, dass auch linke Intellektuelle noch den Anschluss an den Staat suchten. Die Distanzierung von Althusser war da der Preis, den sie gerne zahlten. Sie haben sich in einer Zeit von ihm abgewandt, als er im hohen Alter eine schwere psychische Krise durchmachte. Bei einem dieser Krankheitsschübe hat er die marxistische Aktivistin Helene Rytmann erwürgt. Die beiden hatten lange Jahre zusammengelebt. Althusser hatsich später in seiner posthum erschienenen Biographie „Die Zukunft hat Zeit“ mit der Tat auseinandergesetzt. Dass sich gerade in dieser Zeit eingroßer Teil der linken Intelligenz von Althusser abwandte, ist ein negatives Beispiel von linken Konkurrenzgebaren.

Dissidenter Marxist und Reformismuskritiker

Doch Fernando Navarro ist es zu verdanken, dass Althusser auch heute 30 Jahre nach seinen Tod nicht schweigt. Sie hat ihre Gespräche in einem Interview zusammengefasst, das zunächst nur in französischer und spanischer Sprache zu lesen war. Jetzt hat es der Berliner Sozialwissenschaftler ins Deutsche übersetzt. Es ist in einen ansprechend gestalteten Band des Passagen-Verlags erschienen, das Kramer herausgegeben hat. Er hatte bereits 2014den Band „Symptomale Lektüre - Althussers Beitrag zu einer Theorie des Diskurses" im Passagen-Verlag veröffentlicht. Das Buch war allerdings, der Thematik geschuldet, für philosophische und soziologische Lai*innen nicht so einfach zu lesen. Der Interviewband hingegen kann auch ohne großes theoretisches Vorwissen gelesen werden. Dankenswerterweise erklären knapp 100 Fußnoten manche politischen Zusammenhänge der französischen Linken der 1960er und 70er Jahre. Das war die Zeit in der Althusser als dissidenter Marxist die größte Wirksamkeit entfaltete. Auch in dem Interviews vertritt er seine Standpunkte noch mit großer Klarheit. Hier wird noch mal mit vielen auch von seinen ehemaligen Schüler*innen gestreuten Missverständnissen aufgeräumt. Althusser hat sich ganz klar gegen den Stalinismus ausgesprochen, er hatte bis Ende der 1970er Jahre auch Kontakte ins linksoppositionelle Milieu, obwohl er die Kommunistische Partei nie verlassen hat und die es auch nicht wagte, ihn auszuschließen. Es waren Althusser-Schüler*innen, die Ende der 1960er Jahre eine wichtige Rolle links von der in der Theorie stalinistischen, in der Praxis sozialdemokratischen Kommunistischen Partei Frankreichs spielten. Für Althusser waren Sozialdemokratie und Stalinismus zwei Seiten der Medaille eines etatistischen Sozialismusverständnis, das heute kaum noch kritisiert wird. Daher ist die Lektüre des Bandes auch für die heutige theoretische und politische Praxis gewinnbringend. Wer noch nie vom theoretischen Antihumanismus bei Marx gehört hat oder wenn, dann völlig falsche Vorstellungen davon hat, kommt in dem Band ebenfalls auf seine Kosten. Mit Althusser gilt es einen vehementen Kritiker von Etatismus, Stalinismus und Reformismus auch für die aktuelle Debatte wieder zu entdecken. Es wäre zu wünschen ,dass der Interviewband einen kleinen Beitrag dazu leistet.

Peter Nowak

Kramer Ingo (Hg.) Louis Althusser, Philosophie und Marxismus, Ein Gespräch mit Fernando Navarro, übersetzt von Ingo Kramer, Passagen-Verlag, 2019, 124 Seiten, 17, 40 Euro, ISBN 9783709203552,

http://www.passagen.at/cms/index.php?id=62&isbn=9783709203552

Am Montag, den 17. Februar stellt Ingo Kramer um 19.30 Uhr den von ihm übersetzten Band und herausgebenen Band im b_ books in Berlin, Lübbener Str. 17 vor und zur Diskussion.

http://www.b-books.de

16:08 15.02.2020
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