Erinnerung an Aufklärer über NS-Verbrechen

Werner Gutsche Ein Erinnerungsbuch an den Neuköllner Sozialisten und Antifaschisten erinnert an eine vergessene linke Geschichte von Berlin
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Er wollte das NS-Unrecht aufdecken, seien es die in Neukölln jahrelang verschwiegenen Zwangsarbeitslager, die vergessenen SA-Folterstätten der das verschmähte Erinnern des kommunistischen Widerstands“. So beschreibt der Vorsitzende der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten Hans Coppi das Vermächtnis des Neuköllner Kommunisten Werner Gutsche. Bis zu seinem Tod im Jahr 2012 bei einem Saunaunfall engagierte sich Gutsche gegen Rassismus und Neonazis. Er stand nie in der ersten Reihe, war aber bei allen Aktionen gegen Rechts und den Militarismus immer dabei. Mehr als 4 Jahre nach seinen Tod hat nun der Metropol-Verlag ein Buch herausgegeben, in dem Werner Gutsche gewürdigt wird.

Freund_innen und Genoss_innen berichten über gemeinsame Demonstrationen aber auch die Freude beim Bergwandern oder beim Sport. Der größte Teil des Buches umfasst allerdings die Geschichte einer linken Opposition in Neukölln. Die Themen, die ihm in seinen Leben wichtig waren, werden dort ausführlich dargestellt und so ist im Gedenken an Werner Gutsche ein linkes Geschichtsbuch entstanden. Die Idee des Buches ist schon bei seiner Beerdigung entstanden. Fünf Jahre haben die Historiker Matthias Heisig und Bernhard Bremberger ohne jegliche finanzielle Unterstützung geforscht.

Repression gegen Linke in Westberlin

Über die Zeit Gutsches als Soldat in der Deutschen Wehrmacht erfährt man nur wenig. Sein politisches Bewusstsein begann nach der Gefangenenahme durch die Rote Armee und den Besuch der Antifaschule, die er mit Hans Modrow absolvierte. Beide waren Mitglieder der SED, doch Gutsche blieb in Neukölln und erlebte dort die Zeiten des Kalten Krieges in der Frontstadt hautnah. Menschen, die für den Stockholmer Appell für die Abschaffung aller Atomwaffen in Westberlin Unterschriften sammeln wollten, wurden in Moabit in Schnellverfahren zu Haftstrafen verfolgt, erinnerte sich Klaus Kubacki im Buch. Er berichtet auch über den Überfall auf den Vorsitzenden des Neuköllner Friedenskomitees Peter Pawloff. Der Arzt und Spanienkämpfer wurde dabei schwer verletzt und ging später nach Ostberlin. Das Buch zeichnet detailliert nach, dass Repression gegen Oppositionelle nicht nur in Ostdeutschland auf der Tagesordnung stand.

Viel Raum nahm in Gutsches Leben die langwierige Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ein. Und so verweist auch der Titel „Da müsst ihr euch mal drum kümmern“ auf einen Satz, den Gutsche gegenüber seinen Genossen aber auch den Historikern des Neuköllner Geschichtsvereins immer dann anbrachte, wenn er wieder einmal neue Dokumente übereichte und zu weiteren Forschungen animieren wollte. So war es Gutsches Engagement zu verdanken, dass das Neuköllner Sportstadion wieder den Namen des antifaschistischen Widerstandskämpfers Werner Seelenbinder erhalten hat. Der Name des Kommunisten war in Westberlin lange Zeit tabu.

Aufschlussreich sind auch die Kapitel über die schwierige Suche nach den Orten in Neukölln, in denen ausländische Zwangsarbeiter untergebracht waren. Noch Anfang der 1980er Jahre bestritten Neuköllner Politiker, dass es in dem Stadtteil diese Unterkünfte überhaupt gegeben habe. Auch hier leistete Gutsche Pionierarbeit. Im Buch ist ein Redemanuskript aus seinem Nachlass abgedruckt, das er auf einer Kundgebung zur Zwangsarbeit bei der Firma National-Krupp Anfang der 1980er Jahre gehalten hatte. Über die Widerstandsgruppe gegen das Naziregime an der Neuköllner Rütlischule informiert das Buch ebenso wie über einen Mieterstreik gegen eines der ersten SA-Sturmlokale in der Richardsburg, einer der Hochburgen der Arbeiter_innenbewegung in Neukölln. Nachdem der Vermieter erschossen wurde und dafür Nazigegner verantwortlich gemacht wurden, inszenierte das NS-Regime 1935 einen Schauprozess gegen mehrere Kommunisten und verhängte Todesurteile. Der Historiker Christian von Gelieu weist bei dieser Geschichte auch auf blinde Flecken der kommunistischen Geschichtsschreibung in diesem Fall hin. Claudia und Christian von Gelieu, die seit Jahren gegen alte und neue Nazis in Neukölln aktiv sind, wurden vor einigen Wochen Opfern einer neuen Welle rechter Gewalt in Neukölln. Dieser Neonaziterror zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, an Menschen wie Werner Gutsche zu erinnern und seine Arbeit gegen alte und neue Nazis fortzusetzen. Das Buch regt dazu an.

Peter Nowak

Veranstaltungshinweis

Am 3.5. um 20 Uhr stellen die Herausgeber das Buch im K-Fetisch in der Wildenbruchstraße 86 vor. Es könnte ein Treffen von Antifaschist_innen der unterschiedlichen Generationen in Neukölln und darüber hinaus sein.

https://de-de.facebook.com/kfetisch/

Info

Boehne Frieder, Bremberger Peter, Heisig Matthias (Hrsg.): "Da müsst ihr euch mal drum kümmern“, Werner Gutsche (1923–2012) und Neukölln, Spuren, Erinnerungen, Anregungen, Metropol Verlag, 2016, ISBN: 978-3-86331-322-7, 22 Euro

Link zum Inhaltsverzeichnis des Buches:

http://metropol-verlag.de/wp-content/uploads/2016/05/Heisig_Gutsche_Inhalt.pdf

14:06 02.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare