Erinnerung an namhaften Reporter einer verflossenen Zeit

Christian Schultz-Gerstein Er sorgte in den 1970er und 80er Jahren mit seinen Essays für manche Aufregung. Lange war er fast vergessen. Jetzt hat der Tiamat-Verlag den Band mit seinen Glossen, Porträtes und Kommentaren neu aufgelegt.
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„Vermutlich hatte er sich zu Tode getrunken. Schultz-Gerstein war 42 Jahre alt“, schreibt der Verleger Klaus Bittermann im Nachwort eines nach 34 Jahren neuaufgelegten Bandes, der den "namhaften Reporter, aus verflossenen Zeiten des deutschen Journalismus“ wieder bekannt macht. Christian Schultz-Gerstein war Tennislehrer und Journalist. Zeitweise war er beim Spiegel fest angestellt. Die Lektüre der Glossen, Reportagen und Essays, die Schultz-Gerstein zwischen 1974 und 1987 verfasst hat, öffnet uns eine Welt, die heute weit entfernt scheint. Und wir lesen von von einen von sich selber überzeugten Mann, der der Suhrkamp-Autorin Marianne Fritz literarische Qualitäten abspricht. Das brachte er schon in der Überschrift „Ein Flop macht Kasse“ zum Ausdruck. Heute würden wir darüber diskutieren, ob hier nicht ein meinungsstarker Essayist eine Frau niederschreibt. Diese Debatten fanden vor 40 Jahren nur in feministischen Nischen statt. Auch geraucht wurde damals noch wie ein Schlot und Schultz-Gerstein schrieb eine Glosse über seine gescheiterten Versuche, sich das Rauchen abzugewöhnen.

Kritik an Rechtswende einer liberalen Kulturelite

Dass die Texte von Schultz-Gerstein gelesen und ernst genommen wurden, zeigte sich dann, wenn er den Säulenheiligen des linksliberalen Feuilletons jener Zeit ans Bein pinkelte. Seine Polemiken gegen einen Botho Strauss oder Peter Sloterdijk sind auch heute noch lesenswert. Denn hier liefert Schultz-Gerstein das Diagramm einer sich nach rechts wendenden Kulturelite, die ihren Abschied von Kritischer Theorie und Frankfurter Schule nahm. Sie fand in Sloterdijk, der von seinen Ausflug in die Esoterik zur zynischen Vernunft gefunden hat, ihr Idol. Dass Schultz-Gerstein sehr früh das reaktionäre Potential erkannte, das in diesen kulturpolitischen Backlash lag, machte ihn auch einsam. Die linksliberalen Kulturpäpste jener Zeit, die Wolfram Schüttes und Ulrich Greiners, schlugen zurück und bald war er auch beim Spiegel entbehrlich. Man brauchte dort einen wie Schultz-Gerstein nicht mehr, der statt auf die zynische Vernunft gelegentlich auf die Kritische Theorie setze. Als er mit seiner Kündigung drohte, um seine Versetzung nach Liverpool zu erreichen, wurden ihm sofort die Papiere ausgehändigt. Hier kündigte sich schon das System der schnell ausbeutbaren Zeitgeistjournalisten an, wie sie dann 20 Jahre später mit Tom Kummer, Benjamin von Barren-Schuckrad und Thomas Melle, um nur einige Namen zu nennen, kurze Zeit populär wurden. Doch für diesen Geschäft war Schultz-Gerstein nicht zynisch genug, obwohl er es oft genug bedient hat. Er geht in einen Text kritisch damit um, wie er einen Bericht über den linken Werkkreis Literatur der Arbeitswelt genau im erwarteten Zeit-Sound verfasste. Er verriss die linke Selbstorganisation von Arbeiter*innen, obwohl er sie eigentlich bewundert und fragt sich dann, wieso er einen Text entgegen seiner Meinung verfasste, um zum Schluss zu kommen, gar nicht zu wissen, welche Meinung er eigentlich hat. Immerhin ein gelungenes Diagramm der Zeitgeist-Journalisten, zu denen Schultz-Gerstein dann doch nicht mehr gehören wollte. So erfolge „der langsame Tod eines Journalisten“, wie das Zeitgeistmagazin Tempo über das Ende ihres freien Mitarbeiters schrieb. Betrauert wurde er vor allem von der kleinen Minderheit von Publizisten, die gegen eine ehemalige Linke anschrieben, die ihren Frieden mit Deutschland gemacht hatten und von der NS-Vergangenheit nur noch an den Gedenktagen etwas hören wollten.

Schwieriger Namensgeber

Dazu gehört der vor 3 Jahren verstorbene Wolfgang Pohrt, der in einen Vorwort von 1987 schreibt, dass Schultz-Gerstein zu den wenigen in Deutschland gehörte, die die Nazivergangenheit nicht bewältigen wollten. „Kurz nach Kriegsende geboren, ließ ihn die Vergangenheit nicht los. Den Namen „Gerstein“ legte er sich zu, um zu bekunden, dass er darunter litt, Sohn eines NS-Richters zu sein, und gern einen Mann wie den Widerstandskämpfer Kurt Gerstein zum Vater gehabt hätte“. Diese Behauptung kommt nur vo Pohrt, und ist nicht gesichert. Sollte sie stimmen, wäre mit seinen ehemaligen Mentor beim Spiegel für ihn untyisch mild umgegnagen. . So erwähnt er nicht die anhaltenden Kontroversen über die Rolle von Gerstein, der als SS-Mitglied Zeuge der Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung wurde und nach seiner Internierung durch die französischen Alliierten den berühmten nach ihn benannten Bericht verfasst hattee. Dass er gerade einen Mann mit dieser Biographie als Namensgeber gewählt haben könnte,, wäre auch ein Statement. Schultz-Gerstein schrieb in seinen Texten gegen Gesinnungskitsch an und polemisierte auch gegen Antifaschist*innen, die so taten, als müssten sie in den 1970er Jahren noch den Krieg gegen die Nazis gewinnen, den die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit nicht geführt hat. Wenn er dann aber vor mehr als 40 Jahren gegen diejenigen polemisierte, die sich für das Verbot von Nazi-Symbolen einsetzen, übersieht er die kleine Gruppe der überlebenden Widerstandskämpfer*innen. Es war schließlich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die sich in den 1970er Jahren auch junge Antifaschist*innen öffnete und zur VVN-BdA wurde, die immer wieder vor einem Wiederaufleben des Nazismus warnte. Dafür hatte Schultz-Gerstein wenig Verständnis. Auch sein Umgang mit überlebenden Jüdinnen und Juden war in seinen Texten eher typisch deutsch, nur verzichtete er auf die Floskeln, die sich damals gerade einbürgerten. So herrschte er Marcel Reich Ranicki in einen Text an, auch wenn er im NS gelitten hat, ist es kein Grund, sich nicht wie ein Großinquisator der Literatur aufführen. Dabei war es Schultz-Gerstein, der die jüdische Verfolgungsgeschichte von Reich Ranicki mit seiner Kritikerrolle in Verbindung brachte. Schultz-Gersteins langes Gespräch mit den NS-Widerstandskämpfer und KZ-Überlebenden Jean Amery im Jahr 1979 in Brüssel liest sich noch heute aufklärend, weil Amery berichtete, wie er sich von einer Linken entfremdete, der er sich lange Jahre zugehört fühlte. Als Grund nannte Amery die antizionistischen Strömungen, die damals in den verschiedenen linken Zusammenhängen dominant waren. Während Israel von vielen Linken bekämpft wurde, betonte Amery, warum er den den Staat als wichtige Rückversicherung für Jüdinnen und Juden in einer antisemitischen Welt betrachtet. Erst in den frühen 1990er Jahren wurden diese Diskussionen in größeren Teilen der Linken geführt, was auch zur Herausbildung einer israelsolidarischen Linken führte. Schultz-Gerstein fragt im Gespräch mit Amery zum Komplex Zionismus, Israel und Linke nicht weiter nach. Vielmehr lässt er sich lange über ganz viele Details aus, die ihn mehr interessierten. Beispielsweise, dass ihn Amery persönlich vom Flughafen abholte, bewirtete und sich als routinierter Gastgeber erwies. Als er schließlich das Aufnahmegerät auf den Tisch packte, sagte Amery, jetzt können wir ja beginnen. Schultz-Gerstein war wohl zu lange mit den Nebensächlichkeinen beschäftigt. Und erwähnenswert ist für ihn auch, wie Amery reagierte, als er ihn nach dem Interview in ein Brüsseler Gartenrestaurant eingelud, und sie an dem heißen Sommertag lange auf ihre Getränke warten mussten. Er habe mitVerweis auf seine KZ-Haft gesagt, dass er schon einen schlimmeren Durst ertragen hat. Es ist Schultz-Gerstein, der diesen Satz noch mal rausstellt und hinzufügt, er habe diese Bemerkung unkommentiert gelassen. Dass liest sich doch dann wohl so, als wolle der Sohn eines Nazirichters sich großzügig zeigen, einen überlebenden Juden nicht belehrt zu haben, dass man keine KZ-Vergleiche macht. Es scheint allerdings, dass das Gespräch mit mit Amery bei Schultz-Gerstein doch einen größeren Eindruck hinterlassen hat.

Die nicht stattgefundene Auseinandersetzung mit dem NS-Hintergrund

Er beschäftigte sich mit seinen Vater, der im NS als Richter harte Urteil verhängte. Das wurde sogar in linksliberalen Zeitungen ein Thema. So wurde verhindert, dass er zum Hamburger Gerichtspräsidenten aufsteigen konnte, was der Vater seinen Kritiker*innen nie verziehen hat. Pohrt erinnert im Vorwort daran, dass Schultz-Gerstein mit Bernhard Vesper einen Schriftsteller zum Idol erhoben hatte, der ebenfalls aus einen braunen Elternhaus kam. Wir finden im Buch allerdings auch einen Text, in dem Schultz-Gerstein Vesper vorwarf, er habe sich allzu schnell als Opfer seines Elternhauses und vor allem seines Vaters ausgegeben und verschwiegen, dass er noch als Student für dessen völkischen und nationalistischen Bücher Werbung gemacht hat. Auch diese intensive Beschäftigung mit Vesper dürfte biographische Gründe gehabt haben. Schließlich schreibt Schultz-Gerstein, dass er nie den Mut aufbrachte, seinen Vater über seine Rolle in der NS-Justiz zu befragen. Dabei hat er sich, wie alle Nazitäter*innen einerseits als Gegner des NS ausgegeben, aber gleichzeitig, in der Diktion der Rechten der 1970er Bundeskanzler Willy Brandt als Landesverräter diffamiert, weil er im Widerstand gegen das Naziregimes ins Ausland gegangen war.

Zufluchtort Israel?

Ob das Gespräch mit Jean Amery , das die Probleme junger Deutscher mit NS-Hintergrund mit einen Juden zu kommunizieren, deutlich werden lässt, für Schultz-Gersteins Interesse an Israel einige Jahre verantwortlich ist, bleibt offen. Aus den dokumentierten Texten kann man die Antworten nicht entnehmen. Noch wenige Monate vor seinem Tod bereiste er Israel und war Gast bei seinen damals linksliberalen Kollegen Henryk M. Broder. Er schmiedete Pläne, sich dort als Journalist niederzulassen. Daher dachten viele seiner Bekannten, er wäre längst in Israel , als er tot in seiner Wohnung lag. Eike Geisel hatte in der Monatszeitung Konkret einen kritischen Bericht über Deutsche mit NS-Hintergrund verfasst, die sich in Israel niederlassen wollten. Wie Pohrt war auch Geisel einer der linken Publizisten, die mit Unterstützung von Schultz-Gerstein für einige Jahre im Spiegel Texte publizieren konnten. Später konnten sie höchstens noch in der Konkret veröffentlichen. Es ist zu begrüssen, dass der Tiamat-Verlag die Texte aus dem kurzen Journalistenleben wieder zugänglich macht. So konnte man auch noch mal von Barbara Ossenkopp erfahren, die Ende der 1970er Jahre als Nachtklubtänzerin für Schlagzeilen sorgte. In dem Porträt über ihre Jugend in Lüneburg zeichnet Schultz-Gerstein ein treffenendes Diagram über die Tristesse der BRD-Gesellschaft der späten 1950er und frühen 1960er Jahre, das an Franz Josef Degenhardts frühe Balladen erinnert. Übrigens hat Barbara Ossendorf im letzten Jahr durch ihren Corona-Tod in Jakarta, wo sie Orang Utans betreute, kurz noch einmal für Schlagzeilen gesorgt. Dem Tiamat-Verlage gebührt auch das Verdienst die Schriften von Pohrt und Geisel herausgegeben zu haben. Mit der Wiederauflage der Texte von Schutz-Gerstein handelt sich um eine Triologie von aufklärerischen Texten, die so nicht in Vergessenheit geraten.

Peter Nowak

Christian Schultz-Gerstein: "Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten". Porträts, Essays, Reportagen, Glossen.
Vorwort von Wolfgang Pohrt. Edition Tiamat, Berlin 2021. 448 S., br., 26,- Euro.

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