Europa hat uns nicht verdient

In Search of Europe Noch bis 12. Januar kann man im Kunstraum im Kreuzberger Kunsthaus Bethanien eine Ausstellung sehen, die die Migration aus der Perspektve der Migrant_innen zeigt.

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Aus dem Notizbuch des Künstlers Bofa da Cara
Aus dem Notizbuch des Künstlers Bofa da Cara

Bofa da Cara/ZMO

Was ist Europa und wo sind seine Grenzen? Diese Frage wird in den letzten Tagen meist in ausgrenzender und populistischer Weise von Politiker_innen aller Couleur gestellt. Da ist schon verwunderlich, dass eine Ausstellung, die am Sonntag im Kunstraum Bethanien in Berlin-Kreuzberg zu Ende geht, nicht mehr Aufmerksamkeit erhalten hat. Denn sie nimmt unter dem Motto „In Search of Europe?“ die Perspektive der Migrant_innen aus den unterschiedlichen Ecken der Welt ein. Uns begegnen hoch gebildete Menschen aus Afrika, Asien und Osteuropa, die gezwungen sind, vor der Festung Europa in klapprigen Booten umzukommen, oder wenn sie den Einstieg schaffen, als Billiglöhner_innen am Rande der europäischen Metropolen leben zu müssen.

In der Ausstellung, die in Kooperation mit Wissenschaftler_innen des Zentrums Moderner Orient in Berlin entstanden ist, begegnen uns die Migrant_innen nicht als Opfer, die dankbar für einen warmen Platz und eine Suppe sind. Hier begegnen uns selbstbewusste Menschen, die darüber diskutieren, ob dieses Europa, das ihnen die kalte Schulter zeigt, überhaupt verdient hat, dass sie ihr Leben in diesen nicht nur im klimatischen Sinne kalten Kontinent vergeuden.

So diskutieren in einer afrikanischen Metropole Menschen, die die Migration nach Europa versucht haben, zurück gekehrt sind oder ausgewiesen wurden, über ihre Erfahrungen. „Europa hat uns nicht verdient“, sagt ein junger Mann. „Ich habe Diplom und bekam in Frankreich nur schlechtbezahlte Putzjobs“. Ein anderer ergänzt: „Unsere Diplome sind in Europa nur wertloses Papier“. Im Hintergrund des Gesprächs haben sich zahlreiche junge Männer versammelt, die interessiert zuhören. Hier wird eine Debatte aufgegriffen, wie sie in vielen afrikanischen Staaten schon lange geführt wird. „Sollen wir nicht endlich die Hoffnung auf das bessere Leben in Europa aufgeben und uns mit unseren Qualifikationen und unseren Kenntnissen in unseren Ländern ein besseres Leben aufbauen? Schon in dem sehenswerten Film Bamako von Abderrahmane Sissako wird diese Frage im Rahmen eines afrikanischen Sozialforums in der malischen Hauptstadt gestellt. Eine solche Perspektive setzt natürlich auch voraus, dass die afrikanischen Politiker_innen nicht mehr die europäischen Wirtschaftsinteressen bedienen sondern sich im Sinne von Thomas Sankara, den kurzzeitigen Präsidenten von Burkina Faso, die Perspektive eines afrikanischen Sozialismus zu eigen machen, der nicht den gescheiterten Nominalsozialismus europäischer Provenienz nacheifert. Solche grundsätzlichen Perspektiven vermisst man auf der Ausstellung, die auf einem hohen künstlerischen Niveau mit vielen Videos, Fotos und Installationen einen Perspektivwechsel in der Debatte um die europäische Zuwanderung vornimmt. So wird in einem Video auch die Art Dakar, eine internationale Kunstmesse in der senegalesischen Hauptstadt thematisiert. Dort wird ganz deutlich, dass es eine Veranstaltung für die Elite des Landes nebst ihren europäischen Gästen ist. Die Ärmeren können sich höchstens als Straßenverkäufer_innen rund um die Kulturevents eine Kleinigkeit dazuverdienen, wenn die Polizei es zulässt. Trotzdem kommen die interviewten Künstler_innen zu dem Schluss, dass die Dakar Art zu unterstützen ist, weil sie ja wichtig für Senegal ist. Da würde sich schon die Frage stellen, für wen in Senegal, den vielen Armen oder der kleinen Elite?

Wenn Malcom X NGO-Phrasen verbreitet

Ein kleiner Film zeigt einen MalcomX-Darsteller, der die ganze Phraseologie der heutigen NGO-Gemeinde in seinen Reden runter betet. Da geht es um Good Gouverment, um Nachhaltigkeit und Stabilität und die Phrasen werden in Sprechblasen über den Redner noch besonders pointiert. Da wünscht sich bald nach wenigen Minuten einen Ausschnitt der kämpferischen Ansprachen des echten Malcom X.

Dass sich die Fragen nach der Bedeutung Europas nicht nur außerhalb der Festung stellen, zeigt ein Video, das sich mit der Nationalisierung der bulgarischen Geschichte befasst, nachdem das Land von der Istanbuler Herrschaft freigemacht hat. Mit vielen zeitgenössischen Beispielen wird hier raus gearbeitet, wie ein neuer Nationalmythos geschaffen wurde. Ein Ausstellungsbesuch lohnt auf jeden Fall. Bis morgen Abend ist sie noch geöffnet.

Wurde Kontakt mit den Geflüchteten gesucht?

Eine Frage blebit am Ende. Haben die Künstler_innen und Ausstellungsmacher_innen den Kontakt zu den Geflüchteten gesucht, die seit Monaten in unmmittelbarer Nähe für ihre Rechte kämpfen? Direkt vor dem Haupteingang des Bethanien am Marinanneplatz fand vor einen halben Jahr ein großes internationales Flüchtlingstribunal unter freien Himmel statt. Geflüchtete aus den verschiedensten Ländern berichteten über ihre Odysseus auf dem Weg nach Europa und inder Festung. Oft haben sie Freund_innen und Verwandte neben sich sterben sehen. Ein Ausschnitt dieses beeindruckenden Tribunals hätte hervorragend in die Ausstellung gepasst. Im Kunstraum im Bethanien finden sich häufig sehr engagierte politische Ausstellungen. Es gibt aslo noch genug Zeit, dabei mit den Geflüchteten zu kooperieren.

We are Oranienplatz!

Just am vergangenen Sonntag eröffnete mit "We are Oranienplatz" eine Fotoausstellung, die den zweijährigen Kampf der Geflüchteten um ihre Würde und Menschenrechte dokumentiert. Sie wird eine Woche zu sehen sein.

Peter Nowak

exhibition
We are Oranienplatz. We will stay! January 2012 – January 2014.
by activists from Oranienplatz
opening: January 11th, 2014 /// 7pm
opening hours: January, 12th until 19th, 2014 /// 4 - 7pm

location
carpathian theatre, Room 57 ground floor
Kunstquartier Bethanien
Mariannenplatz 2
10997 Berlin

https://www.facebook.com/PhotographersInSolidarity?hc_location=timeline

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2. November 2013 bis 12. Januar 2014
(geschlossen am 24., 25., 31.12.2013 und am 01.01.2014)

Eröffnung: Freitag, den 1. November ab 19 Uhr
Begrüßung Jana Borkamp, Bezirksstadträtin für Kultur und weiterbildung, und Ulrike Freitag, Direktorin Zentrum Moderner Orient Berlin

In Search of Europe ? Auf Augenhöhe in einer ungleichen Welt

Sonntag/Sunday, 12.01.2014
DEUTSCH/ FREIER EINTRITT
15:30 Uhr: Performance mit Karem Ibrahim
16:00 Uhr: Führung durch die Ausstellung
17:00 Uhr: Q&A mit den KuratorInnen
18:00 Uhr: PARTY DJ Wahid Paradis & DJ Laurentiu

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ENGLISH/ FREE ENTRANCE
15:30: "randomly selected" performance by Karem Ibrahim
16:00: Last guided tour through the exhibition
17:00: Q & A with the curators Daniela Swarowsky and Samuli Schielke (both ZMO) and Regina Sarreiter (moderation, ZMO)
18:00 - open end: party with DJ Wahid Paradis and DJ Laurentiu Giogu

http://www.kunstraumkreuzberg.de/start.html

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Hinweis auf den noch immer sehenswerten Film Bamako:

http://www.trigon-film.org/de/movies/Bamako#

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