Faschismus aus der bürgerlichen Gesellschaft

Tristesses Das Stück zeigt beklemmend eindringlich, wie der Faschismus und Rechtspopulismus gerade ohne Stiefelnazis an Einfluss gewinnt.
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„Der Raum, der meine Seele verlassen hat“, heißt eine Installation des US-Künstlers Bruce Nauman ganz am Ende des Ausstellungshauses Hamburger Bahnhof. Eine unwirtliche Landschaft im Dämmerlicht findet der Besucher vor, eine Stätte, die schnell wieder verlassen wird. Genau diesen Eindruck machte auch das Bühnenbild des Theaterstücks »Tristesses« von Anne-Cécile Vandalem (Brüssel/Liège). Es wurde im Rahmen des Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) in Berlin aufgeführt. Nicht nur die Bühne erinnert an Bruce Naumans Installation. Das Stück spielt in der klaustrophobischen Enge einer dänischen Insel, auf der 8 Menschen sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen. Sie hocken aufeinander, kennen alle Schwächen und derjenigen, der schon als Kind Außenseiter war, wird auch noch als erwachsener Dorfpfarrer ständig gedemütigt. Als sich eine Dorfbewohnerin an der dänischen Fahne aufhängt, nehmen die Entwicklungen ihren Lauf, die zur Auslöschung aller Inselbewohner_innen führen. Sie wird dafür zum Symbol für den

Verfall der dänischen Gesellschaft durch die Propaganda einer rechten Partei, die sich damit ihren Wahlsieg sichert. Denn die junge Parteivorsitzende kommt von dem Dorf und ihre Mutter hatte sich an der Fahne erhängt.

Erinnerung an das Weiße Band

In dem Stück wird sehr gut dargestellt, wie die Ideologie der Menschenfeindlichkeit, der Abwertung vermeintlich Schwächerer auch die Gedanken derjenigen Dorfbewohner_innen beherrschen, die anfangs den Macht- und Herrschaftsansprüchen der Rechtspartei noch verbal Widerstand entgegen setzten. Doch mit subtiler Überredung, den Beschwören von Heimatgefühlen und Werten sowie mit offenem Druck erreicht die ehrgeizige Parteivorsitzende schließlich ihr Ziel. Dabei geht sie auch über die Leichen ihrer Mutter und ihres Vaters, der die Partei einst gegründet hat. Einige aktuelle Einsprengsel machen einen Konflikt offen, wie er auch beim Front National besteht. Der offen nazistische Vater wird von der machtbewussten Tochter kaltgestellt, die ihre faschistische Ideologie gut in den bürgerlichen Mainstream einbauen kann. So erinnert Tristesses an den Film „Das Weiße Band“ von Michael Haneke. Genau wie dort wird auch Tristesses gezeigt, wie eine bürgerliche Ideologie sich radikalisiert und den Faschismus dem Weg bereitet. Die Enge, die schon im Bühnenbild steckt, macht diese Faschisierung einer Gesellschaft umso beklemmender deutlich. Es mussten keine Stiefelnazis auftreten und genau das war die Stärke des Stückes. Der Faschismus erwächst aus der bürgerlichen Gesellschaft, das machte dieser Theaterabend beklemmend deutlich. Und die Insel der Traurigkeit, die hier gezeigt wurde, gibt es heute überall. Die kann auch in einer scheinbar bunten und lauten Atmosphäre des Events und der aufgesetzten Fröhlichkeit gedeihen. Ein wahrhaft aufklärerischer Theaterabend.

Peter Nowak

Tristesses

Konzept, Text und Regie: Anne-Cécile Vandalem
Musik: Vincent Cahay, Pierre Kissling
Bühne: Ruimtevaarders
Sounddesign: Jean-Pierre Urbano
Licht: Enrico Bagnoli
Kostüme: Laurence Hermant
Video: Arié van Egmond, Federico D’Ambrosio
Technische Leitung: Damien Arrii
Produktion: Das Fräulein (Kompanie)

http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/tristesses.html

16:00 05.04.2017
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