Fataler PR-Fehler Israels und seiner Freunde

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Vor einigen Monaten wollten die Freunde Israels einen besonders gravierenden Fall von Antisemitismus entdeckt haben. Ein schwedischer Bouvlevardjournalist hatte in einem Artikel Gerüchte aufgeschrieben, die er von Palästinensern aufgeschnappt hatte. Die behaupteten, dass toten Palästinensern Organe entnommen worden seien. Jene auf der Welt, die dieschnelle Empörung abonniert haben, wenn es um Israel ging, kritisierten nicht nur, dass der Artikel schlampig recherchiert war. Nein, sie stellten zwischen der Behauptung von der Organentnahme eine Verbindung zur uralten antisemitischen Ritualmordlegenden her. Schlauere Beobachter fühlten sich aber bei den Berichten eher an ein weltweites Problem erinnert: die Organentnahme von Menschen, die vorher nicht ihre Zustimmung gegeben haben. Angesichts der medizinischen Probleme, funktionsfähige Organe oder Organteile zu finden, ist das Interesse ebenso verständlich, wie die kritischen Reaktionen, gerade von Angehörigen der Betroffenen.

Auch Israel hat sich an der Organentnahme beteiligt, wie wir seit einigen Tagen wissen. Die US-Anthropologieprofessorin Nancy Sheper-Hughes hat Teile eines Interviews freigegeben, dass sie schon im Jahr 2000 mit dem israelischen Pathologen Yehuda Hiss geführt hat. Der erklärte, dass in den 90er Jahren Organe und Organteile von Toten entnommen worden sind. Betroffen waren davon nicht in erster Linie Palästinenser, sondern auch tote Israelis und ausländische Arbeiter. Mit den Organen ist kein Handel getrieben worden und die Praxis ist mittlerweile abgeschafft worden.

Warum nicht die Fakten offengelegt?

Es findet sich hier also bestimmt kein Stoff, um Israel besonders an den Pranger zu stellen. Wer das aber macht, muss sich wirklich die Frage stellen, ob es eher um die Bedienung antisemitischer Ressentiments als um Aufklärung geht. Wie weit sich der schwedische Artikel daran beteiligt hat, kann ich nicht beurteilen, weil ich keine Übersetzung kenne .Das dürfte auch für die meisten derjenigen zutreffen, die sich so schnell empört haben.

Sie haben am Ende der Sache Israels und dem Kampf gegen den Antisemitismus eher geschadet. So war es völlig unnötig, den Autor des Artikels in die Nähe antisemitischer Ritualmordlegenden zu rücken und so einen völlig unbegründeten Link zwischen der Organentnahme und den Antisemitismus herzustellen.

Viel besser wäre es doch gewesen, darzulegen, dass es auch in Israel diese Organentnahmen gab, dass man daran begründete Kritik üben kann, dann aber bitte auch anderen Ländern, wo sie praktiziert werden. Mit Recht hätte man auch die völlig unbewiesenen Spekulationen des Organhandels zurückweisen können. Ein solcher Organhandel, der in vielen Ländern praktiziert wird, wurde in Israel gerade nicht nachgewiesen. Dass man auch die Praxis der Organentnahme schon lange eingestellt hat, wäre doch ein zusätzliches Argument dafür gewesen, dass es in Israel ein Problembewusstsein in der Frage der Organentnahme gegeben hatt.

Doch statt dieser sachlichen Reaktion wurde gegen Schweden geholzt, die Akkreditierung schwedischerJournalisten sollte erschwert werden und sogar ein Schweden-Boykott-Kampagne wurde in Israel diskutiert.

Nachdem durch die Freigabe des Interviews die Fakten auf den Tisch liegen, ist Schadensbegrenzung angesagt. Denn die Fehler bei der PR-Kampagane der Freunde Israels sind wahrlich kein Grund zur Freude. Antisemiten in aller Welt können dadurch Auftrieb bekommen. Das ist das größte Problem bei solchen Kampagnen, wo Empörung statt Fakten zählen.

Peter Nowak

02:06 25.12.2009
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