Feindlich-negative Elemente

RepressiongegenLinkeDDR So lautet der Titel einer Broschüre, die sich der Repression gegen Linke in der DDR widmet. Noch 2020 wollen icht alle akzeptieren, dass es die gegeben hat.
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Mit Thomas Klein, Bernd Gehrke, Renate Hürtgen und Anne Seeck sind vier Personen mit Beiträgen vertreten, die zu unterschiedlichen Zeiten in der linken DDR-Opposition aktiv waren. Thomas Klein, der wegen seiner linksoppositionellen Aktivitäten in der DDR im Gefängnis saß und Berufsverbot hatte, wirft einen genauen Blick auf die Stalinisierungsphase der DDR, als nicht nur viele Linke von massiver Repression Betroffen waren, die bereits in der Weimarer Republik in kleinen linkssozialistischen oder oppositionellen kommunistischen Gruppen aktiv waren. Klein zeigt auch an vielen Beispielen auf, dass SED-Mitglieder von harten Strafen betroffen waren, wenn sie tatsächlich oder vermeintlich von der Parteilinie abwichen. Auf die Zerschlagung der innerkommunistischen Opposition, die sich nach den 20.Parteitag der KPDSU auch in der SED gebildet hatte, geht Bernd Gehrke ein. Dort weist er auch auf die wichtige Rolle hin, die die vom Kulturbund herausgegebene Wochenzeitung Sonntag, ein Vorläufer des Freitag, für die Formierung dieser antistalinistischen Opposition hatte. Das dürfte auch für viele Leser*innen des Freitag neu sind. Gehrke wie auch Renate Hürtgen zeigen, dass die Repression gegen oppositionelle Kommunist*innen und eine parteiunabhängiger Arbeiter*innenbewegung eine Zäsur a für die DDR-Opposition bedeutete. Sie organisierte sich danach als Aussteiger*innen in Subkulturen oder in der Offenen Arbeit der Kirchen. Anne Seeck weist darauf hin, dass bei aller Nostalgie über das Agieren der Aussteiger*innen, die vor allem in Ostberlin leere Wohnungen besetzten, die Repression nicht vergessen werden sollte, die vor allem Subkulturelle in kleinen Städten ertragen mussten. Dabei dürften wohl oft deutscher Ordnungswahn und nominalsozialistische Vorstellung vom echten Proletarier zusammengenkommen sein. Viele Aktivbürger*innen brauchten wohl auch in der DDR nicht erst die Stasi oder andere Staatsorgane, um gegen Linke, Unangepasste und Nichtdeutsche vorzugehen. Der in der westdeutschen autonomen Bewegung sozialisierte Sozialwissenschaftler Markus Mohr berichtet über die Arbeit der Gruppe „Kreis“, einer linken Oppositionsgruppe in der SED, die noch in den 1970er Jahre aktiv war. Damit wird auch deutlich, dass es damals noch marxistischer Widerstand selbst an den Rändern der SED gegeben hat. Doch für die stalinisierten Parteiinstanzen waren solche Aktivitäten nur „feindlich-negative Elemente". Die Klassifizierung gab der Broschüre den Titel. Nun könnte man denken, manche an der SED-Basis haben, wenn auch zu spät, doch noch begriffen, dass diese Oppositionskreise noch das letzte Lebendige in der bürokratisierten Staatspartei waren. Man muss sich in den Film „Materialien“ von Thomas Heise die wütende SED-Basis anschauen, die auf den Parteitag im Januar 1990, als sich die SED in PDS umbenannte, gegen die Führung rebellierte. Aber es gibt auch 2020 noch Menschen, die sich als Kommunist*innen verstehen und in der Beschäftigung mti der Repression gegen Linke in der DDR, nur eine antikommunistische Kampagne sehen. Das war erst kürzlich wieder in einen Artikel der DKP-Zeitung ZU nachzulesen. Damit sagen die Verfasser*innen auch indirekt, dass die Kommunist*innen und Linken zu Recht bestraft wurden. Vor allem in der Anfangsphase der DDR endete das für manche Oppositionelle tödlich.

Auch Phiolostalinist*innen zur Diskussion eingeladen

Der junge Jenaer Wissenschaftler Konstantin Behrends erinnert an den Anarchosyndikalisten Wilhelm Jelinek, der in der frühen DDR Betriebsrat war, bevor er 1948 mit anderen Anarchist*innen verhaftet und 1949 vom Sowjetischen Militärtribunal zu einer 25jährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Er starb bereits am 24. März 1952 in der Haftanstalt Torgau unter ungeklärten Umständen. In dem Text können kommen auch politisch fragwürdige Positionen Jelineks zur Sprache, wenn er in Texten die DDR mit dem Naziregime ins Eins setzt. Solche Positionen sind schon deshalb zu kritisieren, weil sie die Shoah, den millionenfach Mord an den Jüdinnen und Juden, ausblenden. Ein Interview mit dem westdeutschen Historiker und linken Stalinismusforscher Christoph Jünke schließt die Broschüre ab. Seine sehr weite Stalinismusdefinition dürfte auf Widerspruch stoßen. Solche Kontroversen sind ganz im Sinne der Herausgeber*innen. Jünke hat bei der Vorstellung der Broschüre am Samstagabend in Berlin dafür plädiert, dass sich auch Linke an der Diskussionen beteiligen sollen, die er als Philostalinist*innen bezeichnet. Damit bewegt er sich auf der Linie des Schriftstelles Peter Weiss, der in seinen Monumentalwerk „Die Ästhetik des Widerstand“ einen dezidiert antistalanistischen Standpunkt eingenommen hat und doch auch aufzeigte, wie schnell auch loyale Parteimitglieder selber Opfer der Repression wurden. Wie schwer sich auch manche explizit antiautoritäre Linke manchmal mit anderen politischen Positionen tun, zeigte sich bei der Broschürenvorstellung am Samstagabend im Berliner Buchladen Schwarze Risse. Da beschimpfte ein Mann aus dem Publikum, der mit seinen schwarzroten Ohrstecker seine politische Positionierung deutlich machte, Gerhard Hanloser als Lügner, nur weil er sich positiv auf die russische Kommunistin und Feministin Alexandra Kollontai bezogen hat.

Peter Nowak

Die Broschüre kann bei der Rosa Luxemburg Stiftung bestellt oder hier heruntergeladen werden: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Materialien/Materialien29_feindl-negative_Elemente.pdf

Lesetipp zur linken Stalinismuskritik:

Christoph Jünke (Hrsg.)
Marxistische Stalinismuskritik im 20. Jahrhundert
Eine Anthologie
616 Seiten, Hardcover, € 29.80
2017
ISBN 978-3-89900-150-1

https://www.neuerispverlag.de/verweis.php?nr=167

17:12 05.03.2020
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