Filme gegen das Vergessen

Ruth Klüger, Zwei bemerkenswerte Filme widmen sich dem Überlebenskampf der Juden im Nationalsozialismus.

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Die deutschen Verbrechen in der Nazizeit werden schon längst historisiert. Die Menschen, die sie noch selber erleiden mussten, sind fast alle tot. Da sind Filme beachtenswert, in denen die heute oft hochbetagten Menschen noch selber zu Wort kommen können. Daher ist es bedauerlich, dass der kürzlich angelaufene Film „Das Weiterleben der Ruth Klüger“ nicht mehr Medienöffentlichkeit bekommen hat. Die Regisseurin Renata Schmidtkunz porträtiert dort die Auschwitzüberlebende, die sich als Literaturwissenschaftlerin zu internationaler Bekanntheit werden sollte. Gezeigt wird eine liberale US-Intellektuelle, die klar widerspricht, wenn sie auf eine Opferrolle reduziert werden soll. Sie wehrt sich in den Gesprächen gegen manche Worthülsen, die vor allem im deutschsprachigen Raum gerne von offizieller Seite verwendet werden, wenn es wieder einmal ans Gedenken geht. Dazu gehört auch die zur Floskel geronnene Formel, dass die Shoah so monströs ist, dass man darüber nicht sprechen kann. Damit werden die Verbrechen nämlich auch aus dem Bereich der menschlichen Vernunft ausgegliedert. Klüger spricht hingegen vom der Shoah und ihrer Vorgeschichte, die sich im völkischen Denken in Wien der Wende vom 19ten zum 20ten Jahrhundert ausbreitete und in dem der Antisemitismus von Anfang fester Bestandteil war. In diesem politischen Klima wurden Hitler und andere spätere NS-Funktionäre politisiert. Klüger spricht über die Ambivalenzen zu ihrer Heimatstadt Wien, mit der sie neben Kindheitserinnerungen eben diese Brutstätte antisemtischen und völkischen Denkens verbindet. Klüger, die nach ihrer Befreiung aus dem KZ noch in Regensburg ihr Studium aufgenommen hat, emigrierte 1947 mit ihrer Mutter in die USA. Ende der 80er Jahre erlitt sie als Gastprofessorin in Göttingen einen schweren Fahrradunfall, bei dem sie lebensgefährlich verletzt wurde. Die Szene wurde mit filmischen Affekten nachgestellt, die eigentlich unnötig waren und in den insgesamt sehr ruhigen Film nicht passen. Schwerpunkte sind die Interviews mit Klüger und ihren beiden Söhnen, wo auch sehr persönliche Erziehungsprobleme zur Sprache kommen. Etwas plump äußert sich ein Deutscher, der in Klügers Nachbarschaft lebt und mit dem sie wohl auch eine lange Bekanntschaft verbindet. Die Gespräche über die israelische Politik, zeigen, wie kritisch liberale Juden mit der Politik dieses Staats umgehen und dass sie wahrlich nicht immer gerade aus Deutschland die Aufforderung brauchen, besonders kritisch zu sein.

Ob im Film unbedingt ein Besuch Klügers an der Klagemauer in Jerusalem und in der KZ-Gedenkstätte Bergen Belsen notwendig war, ist fraglich. Hier werden doch sehr stark die bekannten Bilder reproduziert, auch wenn Klüger mit ihren Kommentaren immer wieder für erfreuliche Irritationen sorgt. Dafür hatte man mehr von ihrem Bruch mit ihren Studienkollegen und langjährigen Freund Martin Walser erfahren. Nachdem Walser mit seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, seinen Angriffen auf Ignaz Bubis und die Veröffentlichung des Romans „Tod eines Kritikers“ sein antijüdisches Coming Out absolvierte, kündigte ihm Klüger in einem Offenen Brief die Freundschaft auf. Was den Film sehenswert macht, ist das Agieren der Protagonistin. Klüger will sich nicht nur nicht auf die Opferrolle reduzieren lassen, sie setzt diesen Anspruch im Film auch um.

Kein Platz auf der Erde

Der zweite bemerkenswerte Film, der Anfang Mai angelaufen ist und ein bisher unbekanntes Kapitel des Überlebenskampfes von Juden im Nationalsozialismus zeigt. ist „No Place on Earth“, der vom Verleih seltsamerweise noch einmal deutsch mit der Übersatzung „Kein Platz zum Leben“ im Untertitel übersetzt wurde. Die Regisseurin Janet Tobias verfilmt dort eine Geschichte des US-Höhlenforschers Christopher Nicole, der sich nach seiner Pensionierung auf eine Expedition in unbekannte Höhlen in der Ukraine aufmacht und dort Spuren menschlichen Lebens entdeckt, das keinesfalls prähistorisch ist. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen, wird er findig. Die Spuren stammen von Juden, die vor den Nazis und ihren ukrainischen Helfern Zuflucht in der Höhle suchten. Schließlich findet er sogar Überlebende, die nach ihrer Befreiung in die USA migriert sind. Es wird ein Kapitel von Verfolgung und Überlebenskampf geschildert, das die Zuschauer gefangen hält. Die Flucht in die Höhle bedeutete keine dauerhafte Rettung für die Menschen. Sie mussten Lebensmittel aus der Umgebung besorgen und kamen dabei mehrmals in gefährliche Situationen. Schließlich schütteten Dorfbewohner alle Eingänge der Höhle zu und die Eingeschlossenen mussten sich mühselig einen neuen Weg an die Oberfläche graben. Die Tragödie, die das Leben in der Höhle bedeutete, kann nicht annähernd im Film dargestellt werden. Sie wird nur annähernd deutlich, wenn berichtet wird, dass einer der Jungen schwer geschlagen wurde, nachdem er erwischt wurde, wie er sich wegen großem Hunger an den kargen Mehl-Vorräten zu schaffen machte. Schließlich stürmten die Nazis und ihre einheimischen Hilfstruppen die Höhle und verschleppten einen großen Teil der Bewohner in die Vernichtungslager. Einige konnten sich in den weitverzweigen Höhlensystem verstecken und überlebten. Am Ende gibt es im Film ein großes Happy-End, wenn einige der Überlebenden nun im hohen Alter erstmals wieder eine geführte Tour durch die Höhle machten und sich erinnern, wo an den Orten bestimmte Gegenstände des täglichen Bedarfs aufbewahrt wurden. So hat der Film auch für die Überlebenden eine wichtige Rolle bei ihrer Erinnerungsarbeit gespielt. Allein deswegen ist es begrüßenswert, dass er erschienen ist. Im Land der Täter aber wird er überwiegend negativ besprochen. Vor allen die vielen Reactment-Darstellungen und die eingespielte Musik wurden kritisiert. Doch viel wichtiger ist, dass mit dem Film auch diese bisher unbekannte Geschichte des jüdischen Überlebenskampfes einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde. Angenehm ist in beiden Filmen das Fehlen von deutschen Helden, a la Oskar Schindler, die angeblich viele Juden retteten und deshalb oft deutsche Filme bestimmten. Hier wird oft ein Geschichtsmythos bedient. Denn, obwohl es einige wenige Judenretter gab, war die übergroße Mehrheit der Deutschen willige Vollstrecker auch bei der Shoah. Erst die Zerschlagung des NS-Staates beendete das Morden und rettete Ruth Klüger und die Überlebenden der ukrainischen Höhlen das Leben.

Peter Nowak

Das Weiterleben der Ruth Klüger

Regie: Renata Schmidtkunz, A 2011, Digi Beta,

http://www.navigatorfilm.com/filme/das-weiterleben-der-ruth-klueger.html


No Place on Earth - Kein Platz zum Leben

Regie:

Janet Tobias,

Länge:

84 min

Land:

USA, Großbritannien, Deutschland

Jahr:

2012

http://www.noplaceonearth.senator.de/

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Geschrieben von

Peter Nowak

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