Für viele Menschen nicht mehr zugänglich

Berliner Freibäder Im Zuge der Corona-Bestimmungen wurden in Berliner Freibädern neue Einlassbestimmungen erlassen, die viele Stammkund*innen ausschließen
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Anfang Mai schlug die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRH) Alarm, weil die Berliner Freibäder coronabedingt seit dem 14. März geschlossen waren. Blieben die Bäder zu, sei zu erwarten, dass Menschen massenhaft und unkontrolliert an die Seen und Gewässer strömten, warnte DLRH-Vorstandsmitglied Michael Neiße in Taz. Dadurch erhöhe sich nicht nur das Infektionsrisiko, sondern auch die Unfallgefahr – insbesondere an unbeaufsichtigten Badestellen. „Die Menschen gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch die Retter“, so Neiße. Nun hat ein Großteil der Berliner Freibäder wieder geöffnet. Doch viele Menschen, die in den letzten Jahren die Bäder regelmäßig aufsuchten, sind auch jetzt nicht dort zu finden. Dazu gehören vor allem Kinder, RentnerInnen und Menschen mit geringen Einkommen. Denn gerade diese Menschen sind durch die Neuregelungen der Bäderbenutzung besonders betroffen. So können aktuell Bädertickets nur online gebucht werden und kosten pro Besuch 3,80 Euro. Dass scheint zunächst eine Vergünstigung, hatten doch die Tickets vor Corona 5,50 Euro gekostet. Doch dafür wurden sämtliche Vergünstigungen, die bisher bestanden haben, abgeschafft. So müssen auch Kinder unter 5 Jahren den vollen Preis bezahlen, auch für Hartz IV-EmpfängerInnen gibt es keine Vergünstigungen. Zudem gibt es in diesem Jahr auch keine Dauerkarten mehr. Sie wurden in den vergangenen Jahren von vielen Menschen genutzt, die die Bäder regelmäßig besuchten. Das war für sie wesentlich günstiger als der regelmäßige Kauf eines Tickets. Nun ist klar, dass nach den neuen Regelungen die Menschen vom Bäderbesuch ausgeschlossen sind, die sich den Eintrittspreis nicht leisten können oder dadurch ausgeschlossen sind, weil sie mit der Onlinebuchung nicht zu Recht kommen. Darunter sind vor allem viele SeniorInnen, die bisher regelmäßig ihre Schwimmrunden in den Bädern absolvierten.

Jugendliche, die Ärger machen,sollen gleich draußen bleiben

So wird die Corona-Krise genutzt, um bestimmte Menschen aus den Bädern rauszuhalten, die in den Augen der Bäderbetriebe sowieso nur Ärger machen. Dabei gehören auch Jugendliche, die in den vergangenenJahren auch schon mal für Stress und Polizeieinsätze gesorgt haben. De wurden dann von den konservativen Medien gleich ethnisiert, wenn von migrantischen Jugendlichen, die Ärger machen gesprochen und geschrieben wurde, obwohl es sich dabei um einen Querschnitt der aktuellen Berliner Bevölkerung handelt. Mit den neuen Einlassregeln hofft man so auch diese „Problemjugendlichen“ loszuwerden. Dass die dann vielleicht an Seen oder anderen öffentlichen Gewässern baden, wo die Gefahr des Ertrinkens wesentlich höher ist, als ineinen Freibad, wie die oben erwähnte DLRH warnte, wird dann einfach ignoriert.

Barrierefreie Nutzung der Bäder gefordert

Mittlerweile gibt es erste Proteste wegen der neuen Einlassbedingungen in den Berliner Freibädern. So versuchte der Fotograph und Regisseur Matthias Coers (https://zweischritte.berlin) in den letzten Tagen mehrmals Angestellte der Berliner Bäderbetriebe und PolitikerInnen zu erreichen, um ihnen seine Kritik darzulegen. Oft sei er gar nicht erst durchgekommen, berichtet er über seine Bemühungen. Für den seit Jahren auch in der MieterInnenbewegung aktiven Coers gehören die Bäder zur Öffentlichen Daseinsvorsorge, deren Nutzung barrierefrei ermöglicht werden muss. Deshalb müssen die günstigen Eintrittspreise für HartzIV-BezieherInnen wieder eingeführt werden. Kinder unter 5 Jahren sollen wieder wie vor Corona ohne Eintritt die Bäder benutzen dürfen. Zudem soll es Menschen ohne Internet auch wieder möglich sein, Tickets an den Kassen oder Automaten erwerben zu können. Diese Forderungen dürften viele Menschen in Berlin unterstützten.

Als Berliner Linke gegen hohe Bäderpreise protestierten

Im Sommer2005 gab es schon Proteste gegen diehohen Eintrittspreise für die Berliner Freibäder. Damals gab es auch vor dem Prinzenbad in Kreuzberg mehrere Kundgebungen, an denen sich auch viele Badegäste beteiligten. Die Polizei war mit einen großen Aufgebot vertreten. Darüber gibt es Berichte (https://fels.nadir.org/de/86/kriminalisierung-schwimmbad) Es ist dadurch gelungen, das Thema hohe Eintrittspreise in Bädern in der öffentlichen Diskussion zu halten. Damals lautete die Forderungen des Bündnisses „Berlin umsonst“ allerdings noch, freier Eintritt für alle Berliner Bäder. Und heute, 15 Jahre später? Wo bleiben die Proteste vor den Berliner Freibädern gegen die massive Verschlechterung der Bedingungen für Menschen mit wenig Einkommen und Senior*innen?Nicht einmal von einer Petition hat man bisher etwas gelesen, in der lediglich gefordert wird, dass die Eintrittsbedingungen wieder so sein sollen, wie vor der Coronakrise.Vor 15 Jahren wurde das Bündnis „Berlin umsonst“, das sich auch für einen Nulltarif im Öffentlichen Nahverkehr einsetzte, wesentlich von der außerparlamentarischen linken Gruppe „Für eine linke Strömung (https://fels.nadir.org/de/70/berlin-umsonst) initiiert. Fels ist mittlerweile Teil der Interventionistischen Linken, von der man allerdings auch noch keine Proteste vor den Bädern erfahren hat

Peter Nowak

02:59 09.06.2020
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