Geschichten aus dem gehobenen Prekariat

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In Berlin widmente sich das Legislative Theataer, der Frage, ob im postfordistischen Alltag eine Kindererziehung überhaupt noch möglich ist.

Die junge Frau mit dem Kinderwagen weiß kaum, wie sie ihren Laptop noch im Arm halten soll. Ihre Kollegin aus dem Bioladen ist da schon findiger. Während sie die Kunden bedient, trägt sie ihr Kind in einem speziellen Umhang mit sich.

Mit diesen Szenen führte das Legislative Theater am Mittwochabendin einem Treffpunkt des neuen Berliner Prekariats in Neukölln gleich ein in das Thema, dass sich die beiden Regisseure Harald Hahn und Jens Clausen selber gestellt haben.

Dabei handelt es sich um eine Art Mitmachtheater, das in den 70er Jahren in den sozialen Bewegungen Brasiliens entstanden ist. Es gibt kein festgelegtes Ende. Stattdessen versuchen Moderatoren, das Publikum dazu animieren, selbst auf die Bühne zu gehen und durch einen gezielten Eingriff die Szene zu verändern. In Lateinamerika sollte auf diese Weise Menschen, die sich verbal nicht so gut ausdrücken können, die Möglichkeit gegeben werden, ihre Sicht auf Probleme im Barrio spielerisch darzustellen. Zudem sind auch Verantwortliche wie Politiker, NGO-Vertreter etc. anwesend, um mit den Menschen über die Probleme und die dargestellten Lösungsansätze zu diskutieren.

Am Mittwoch ging es in Berlin in dem Stück um die Frage, ob in der postfordistischen Arbeitsgesellschaft die Kindererziehung noch mit den immer stärkeren Anforderungen der Ökonomie vereinbar ist.

Die Antwort ist ein klares Nein. Das trifft nicht nur auf die gespielten Szenen zu. Dort streiten sich Mann und Frau, über die Frage, wer bei der Zukunfts- und Karriereplanung zurückstecken muss und sich abends um das Kind kümmert. In einer anderen Szene kommt die Projektpartnerin am späten Abend und fordert ultimativ ein, dass ein wichtiger Antrag bis zum Morgen bearbeitet sein muss. „Da hängt für mich ganz viel dran“. Das die Frau schon Mühe hat, die schreienden Kinder im Nebenzimmer zu beruhigen und nebenher noch ihre Mails zu bearbeiten, ignoriert die aufgeregte Besucherin vollständig.

Auch die Geschichten, die sehr schnell aus dem zahlreich erschienenen Publikum erzählt werden, ergänzen das Bild. Es waren überwiegend Frauen und Männer aus dem kreativen Prekariat, das sich zurzeit in Nordneukölln sehr zahlreich sammelt, die sich zu Wort meldeten. Auch sie reden von den Schwierigkeiten, die Anforderungen der Ökonomie noch mit Kindererziehung und überhaupt einem Leben jenseits der Verwertungszwänge zu vereinbaren. Da kamen die verschiedenen Vorschläge aufs Trapez. Das Babyhotel, wo vermögende Eltern ihre Kinder nach der Kita für viel Geld unterbringen können, gehört ebenso dazu wie die solidarische Nachbarschaft. Immer wieder werden die vielzitierten Netzwerke angeführt. Eine Art ehrenamtlicher Arbeit wird das Wort geredet.

Warum nicht Nein sagen?

Doch nur wenige Stimmen artikulierten sich an dem Abend, denen es nicht darauf ankam, das den Erfordernissen der Wirtschaft anzupassen, sondern sich dem Terror der Ökonomie zu verweigern. Warum nicht in der gestressten Projektpartnerin eine Bündnispartnerin suchen, mit der frau gemeinsam den von außen gesetzten Abgabetermin angeht? Warum nicht gemeinsam aufs Jobcenter gehen, um eine Sachbearbeiterin in die Schranken zu weisen, die einer Hartz IV-Aufstockerin empfiehlt, sich einen besser bezahlten Job zu suchen? Warum nicht gemeinsam gegen die Zumutung der ständigen Verfügbarkeit ankämpfen und solidarische Widerstandsstrukturen aufbauen? Immerhin wurden in dem Stück Elemente verwendet, die bei der Werbung für die vorletzte Maydayparade am 1. Mai 2008 geworben hat. Doch auch diesen Versuch, sich gemeinsam gegen prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse zu wehren, ist zumindest in Berlin einstweilen storniert. In diesem Jahr wird dort keine Maydayparade stattfinden. Insofern bot der Theaterabend einen realistischen Einblick ins Leben des gehobenen Prekariats, der sicher über Nordneukölln hinaus interessant ist.

Sie unterwerben sich grummeln dem Terror der Ökonomie, anstatt nicht nur auf der Bühne neue Seiten der Geschichten aufzuschlagen.

Peter Nowak

16:47 26.03.2010
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